Kapitel 3
Eine Krankenschwester kam herein, verband Avahs blutende Hand schweigend neu, dimmte die grellen Deckenleuchten und schlüpfte leise aus dem Zimmer.
Avah lehnte sich gegen die steifen Kissen zurück. Sie schloss die Augen, ihre Brust hob und senkte sich schwer, während sie versuchte, die brutale Realität der letzten Stunde zu verarbeiten.
Die leicht angelehnte Krankenhaustür knarrte plötzlich. Sie war nicht richtig geschlossen worden, nachdem die Krankenschwestern eilig hinausgegangen waren, und ein kleines, buntes Spielzeugauto rollte ins Zimmer, stieß gegen das Bein des Besucherstuhls. Eine winzige Kraft drückte die Tür weiter auf, was ein leises Quietschen verursachte. Der Junge war offensichtlich aus der angrenzenden Suite entwischt, während seine Betreuer abgelenkt waren.
Avahs Augen schnappten auf. Ihr Körper spannte sich an, da sie dachte, ihr Vater sei zurückgekehrt. Ihre Finger griffen instinktiv wieder nach dem Rufknopf.
Ein kleiner Junge, nicht älter als vier, steckte seinen Kopf ins Zimmer. Er trug einen winzigen, perfekt sitzenden Anzug und eine kleine Fliege.
Der Junge hatte die auffälligsten, tief ozeanblauen Augen. Er blinzelte und starrte neugierig auf Avah, die im Krankenhausbett lag.
Avah erstarrte. Der feste Knoten der Angst in ihrem Magen löste sich beim Anblick des wunderschönen Kindes sofort auf.
In dem Moment, als der Junge Avahs Gesicht klar sah, explodierte ein gewaltiger Funke purer Freude in seinen blauen Augen.
Seine kleinen Beine bewegten sich schnell. Er rannte direkt an den Stühlen vorbei, völlig furchtlos, und warf sich kopfüber in Avahs Arme.
„Mama!", rief der Junge. Seine Stimme war sanft, süß und von einer verzweifelten, emotionalen Erleichterung durchzogen.
Avahs ganzer Körper versteifte sich. Das Wort „Mama" wirkte wie ein Stromschlag und sandte einen heftigen Schock direkt durch ihr Herz.
Ihr Verstand wurde völlig leer. Ihr erster Instinkt war es, dieses fremde Kind sanft wegzuschieben.
Doch der Junge schlang seine kleinen Arme fest um ihren Hals. Der schwache, süße Duft von Babypuder und Milch stieg ihr in die Nase. Avahs Hände schwebten in der Luft, unfähig, ihn wegzustoßen.
Das Trauma, ihr eigenes Kind vor drei Jahren verloren zu haben, traf sie hart. Ihr Atem wurde unregelmäßig. Ihre Augen brannten, und heiße Tränen drohten überzulaufen.
Ihre Hände zitterten, als sie sie schließlich senkte und sanft den kleinen Rücken des Jungen rieb. Sie versuchte, ihre Stimme zu beruhigen. „Schatz, ich bin... ich bin nicht deine Mama."
Draußen auf dem Flur näherten sich schnell die schweren, rhythmischen Geräusche teurer Lederschuhe auf dem Fliesenboden.
„Leo", rief eine tiefe, eiskalte Männerstimme. Die Schritte hielten direkt vor ihrer Tür an.
Die Krankenhaustür wurde weit aufgestoßen. Ein großer, breitschultriger Mann stand im Türrahmen, vom Flurlicht hinterleuchtet.
Er trug einen dunklen, makellos geschnittenen Anzug. Eine erstickende Aura absoluter Dominanz und Macht strahlte von seiner großen Gestalt aus.
Avah blickte auf. Ihre Augen trafen auf ein Paar tiefe, eisblaue Augen – genau den gleichen Farbton wie die des kleinen Jungen.
Die dunklen Augenbrauen des Mannes zogen sich leicht zusammen, als er seinen Sohn an einer fremden Frau in einem Krankenhausbett klammern sah.
Er trat ins Zimmer. Seine polierten Schuhe klickten auf dem Boden und schlugen einen gefährlichen, bewussten Rhythmus in der stillen Umgebung.
Atticus blieb zwei Fuß vom Bett entfernt stehen. Er blickte auf Avah herab, sein Blick schwer und berechnend.
Seine aggressiven Augen musterten langsam Avahs blasses Gesicht und wanderten dann hinunter zu ihren unordentlichen, verfilzten Locken.
Leo drehte den Kopf und sah den hoch aufragenden Mann an. „Papa! Ich habe Mama gefunden!", rief er, seine Stimme voller Aufregung.
Eine dunkle, unleserliche Emotion huschte durch Atticus' blaue Augen, verschwand aber sofort und wurde durch eine kalte, harte Maske ersetzt.
Er streckte eine große Hand mit markanten Knöcheln aus. Sein Ton ließ keinen Raum für Widerspruch. „Leo. Komm her."
Leo schüttelte hartnäckig den Kopf. Er vergrub sein Gesicht in Avahs Hals und umarmte sie noch fester, als würde er sein Territorium verteidigen.
Avah fühlte sich unglaublich unbehaglich, gefangen zwischen Vater und Sohn. Sie versuchte sanft, die Arme des Jungen von ihrem Hals zu lösen.
Atticus beugte sich plötzlich über das Bett. Der frische, saubere Duft von Zedernholz und teurem Kölnischwasser umhüllte Avah sofort und ließ sie nach Luft schnappen.