Kapitel 3
Hayden beendete den Anruf. Sie warf ihr Handy auf die Samtbank in der Mitte des Schranks.
Sie rieb sich die Schläfen. Ein dumpfer Schmerz pochte hinter ihren Augen, eine physische Manifestation des Adrenalins, das in ihrem System nachließ.
Sie setzte sich auf die Bank. Sie hob ihr Handy wieder auf.
Sie öffnete die Instagram-App, meldete sich aber nicht bei ihrem verifizierten Konto mit seinen hunderttausend Followern an. Stattdessen meldete sie sich bei einem Burner-Konto an, das sie Jahre zuvor erstellt hatte, um Trends anonym zu verfolgen.
Sie tippte auf die Suchleiste. Sie tippte die Telefonnummer ein, die sie gerade von Bernhard's Bildschirm abfotografiert hatte.
Das Suchsymbol drehte sich eine Sekunde lang.
Ein Profil erschien.
B.T_Secret.
Das Konto war privat. Das Profilbild war eine Nahaufnahme des Handgelenks einer Frau, das auf einer dunklen Lederarmlehne ruhte. Um das Handgelenk war ein zartes Van Cleef & Arpels Armband.
Hayden erkannte die Armlehne. Es war das maßgefertigte italienische Ledersofa in Bernhard's Eckbüro.
Sie stieß ein trockenes, humorloses Lachen aus. Es kratzte in ihrem Hals.
Sie tippte auf den „Folgen"-Button. Ein kleines „Angefragt"-Symbol erschien. Sie wusste, dass Brielle niemals ein leeres Konto akzeptieren würde. Sie brauchte einen Weg hinein.
Sie stand auf, ging zum eingebauten Schminktisch hinten im Schrank und öffnete ihr MacBook.
Hayden hatte ihre gesamten Zwanziger damit verbracht, aus dem Schatten heraus ein digitales Imperium aufzubauen. Sie wusste besser, wie das Internet funktionierte, als jeder, den Bernhard beschäftigte.
Sie ging in ihrem Browser zur Instagram-Anmeldeseite. Sie klickte auf „Passwort vergessen".
Sie tippte den Benutzernamen B.T_Secret ein.
Das System forderte sie auf, einen Anmelde-Link an eine E-Mail-Adresse zu senden. Die E-Mail war teilweise verborgen: b@gmail.com.
Hayden starrte auf den Bildschirm. Brielle war keine kriminelle Drahtzieherin. Sie war ein zweiundzwanzigjähriges Mädchen, das dachte, sie spiele die Hauptrolle in einem romantischen Film.
Hayden öffnete einen neuen Tab. Sie brauchte kein Brute-Force-Hacking-Tool; sie wusste, wie vorhersehbar Brielle war und wie massiv Bernhard's Ego war. Es war nur eine Frage des Social Engineering. Sie begann, Kombinationen einzugeben.
Brielle1999. Falsch.
BT_BC1024 (Brielles Initialen, Bernhards Initialen und sein Geburtstag). Falsch.
Haydens Kiefer spannte sich an. Ihre Zähne rieben so fest aufeinander, dass ihre Kiefermuskeln schmerzten.
Sie dachte an Bernhard. Sie dachte an sein Ego.
Sie tippte: B&B_Forever.
Der Ladekreis drehte sich.
Der Bildschirm blitzte weiß auf. Die Seite wurde neu geladen.
Sie war drin.
Haydens Atem stockte. Sie klickte auf das Profilsymbol.
Das Raster wurde geladen. Es gab über zweihundert Fotos.
Das allererste Bild, das erst vor drei Stunden gepostet wurde, war ein Spiegel-Selfie. Brielle stand vor einem bodentiefen Fenster. Sie trug ein übergroßes Herrenhemd.
Die Bildunterschrift lautete: Seine Hemden fühlen sich besser an als jedes Couture-Kleid.
Haydens Hand begann zu zittern. Sie umklammerte den Rand des Schminktisches, ihre Nägel gruben sich ins Holz.
Sie scrollte nach unten.
Ein Bild von zwei Champagnergläsern in einem Privatjet.
Ein Bild von verschlungenen Beinen in Hotelbettlaken.
Sie scrollte weiter. Die Zeitleiste reichte zurück. Ein Monat. Drei Monate.
Sechs Monate.
Sie hielt inne.
Das Foto wurde an einem Strand mit weißem Sand und kristallklarem Wasser aufgenommen. Brielle trug einen Bikini und lächelte strahlend in die Kamera.
Das Datum des Posts war der 14. Mai.
Haydens Lungen verkrampften sich. Sie konnte nicht atmen.
Der 14. Mai war der Tag ihres Hochzeitstages. Bernhard hatte ihr erzählt, er sei in Chicago, um eine riesige Fusion abzuschließen. Er hatte ihr einen Strauß weißer Rosen geschickt und sich dafür entschuldigt, das Abendessen verpasst zu haben.
Er war auf den Malediven gewesen. Mit Brielle.
Hayden zoomte in das Foto hinein.
An Brielles Schlüsselbein ruhte eine maßgefertigte Cartier-Halskette. Es war ein zarter Diamant-Tropfen.
Haydens Hand fuhr zu ihrem eigenen Hals. Sie besaß genau dieselbe Halskette. Bernhard hatte sie ihr letztes Weihnachten geschenkt.
Sie sah sich die Bildunterschrift unter Brielles Foto an.
Die Hauptfrau ist nur ein Schutzschild. Ich bin die wahre Liebe.
Die Worte trafen Hayden wie ein physischer Schlag auf das Brustbein. Die Luft entwich ihr mit einem scharfen Keuchen aus den Lungen. Ihre Augen brannten mit einer wütenden, blendenden Hitze.
Sie weinte nicht. Die Traurigkeit war durch das schiere Ausmaß der Respektlosigkeit vollständig verbrannt worden.
Ihre Finger flogen über die Tastatur.
Sie machte Screenshots. Jedes Foto. Jede Ortsmarkierung. Jede widerliche Bildunterschrift.
Sie packte alle zweihundert Bilder in eine Zip-Datei. Sie öffnete einen sicheren, verschlüsselten E-Mail-Client und hängte die Datei an. Sie tippte die Adresse für Project_R ein, einen sicheren Server, den sie in der Schweiz unterhielt.
Sie drückte auf Senden.
Sie griff unter den doppelten Boden ihrer Schmuckschatulle, ihre Finger streiften das kalte, schwere Metall eines Satellitentelefons, das sie dort versteckt hielt. Sie nahm es noch nicht heraus, aber das Wissen, dass es da war, gab ihr Halt.
Plötzlich pochte eine schwere Faust an die Schranktür.
„Hayden!", Bernhards Stimme war gedämpft, aber ungeduldig. „Du bist schon eine Stunde da drin. Was machst du?"
Hayden zuckte zusammen. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen.
Sie schlug das MacBook zu. Sie schnappte sich ihr Handy und löschte schnell den Browserverlauf und den App-Cache.
Sie atmete tief durch und zwang ihren Herzschlag, sich zu verlangsamen. Sie strich sich mit den Händen über ihren Rock, ging zur Tür und schloss sie auf.
Sie zog die Tür auf.
Sie hielt ein schwarzes Samtabendkleid auf einem Kleiderbügel.
„Ich habe etwas für die Wohltätigkeitsgala nächste Woche gesucht", sagte sie, ihre Stimme vollkommen ruhig. „Der Reißverschluss an diesem hier klemmt."
Bernhard warf einen Blick auf das Kleid. Seine Augen wurden sofort von Langeweile getrübt.
„Kauf einfach ein neues", sagte er und drehte sich weg. „Beeil dich. Ich verhungere. Lass uns Sushi bestellen."
Hayden sah seinem breiten Rücken zu, als er ins Wohnzimmer ging. Eine Welle reinen, unverfälschten Ekels überrollte sie.
Sie ließ das Kleid auf den Boden fallen.
Sie drehte sich um und ging ins Hauptbadezimmer.
Sie stand vor dem massiven Marmorwaschtisch. Sie sah ihr Spiegelbild im Spiegel an. Dann blickte sie auf ihre linke Hand.
Auf ihrem Ringfinger ruhte ein makelloser, fünfkarätiger Diamant im Ovalschliff von Cartier.
Im letzten Jahr hatte sie diesen Ring gerieben, wann immer sie ängstlich war. Er sollte ein Symbol der Sicherheit sein. Ein Versprechen.
Jetzt sah er aus wie eine Fessel. Er fühlte sich an wie eine Krankheit, die an ihrer Haut klebte.
Hayden packte den Diamanten mit ihrer rechten Hand. Sie drehte ihn nicht sanft. Sie riss ihn ab.
Das Metall schrammte gewaltsam über ihren Knöchel und hinterließ eine leuchtend rote, schmerzhafte Strieme auf ihrer Haut.
Es war ihr egal.
Sie ging zur Toilette.
Sie hielt den Ring über die Schüssel. Der Diamant fing das grelle Badezimmerlicht ein und warf gebrochene Regenbögen auf das Porzellan.
Sie öffnete ihre Finger.
Der Ring fiel. Er traf das Wasser mit einem hohlen Plumps und sank auf den Grund.
Hayden streckte die Hand aus und drückte den silbernen Spülknopf.
Die Toilette erwachte brüllend zum Leben. Ein massiver Wasserwirbel drehte sich heftig, verschluckte den Ring ganz und zog ihn in die dunklen Rohre hinab.
Sie stand da und lauschte dem mechanischen Brüllen der Sanitäranlagen.
Ein krankes, verdrehtes Gefühl der Erleichterung überkam sie.
Sie ging zurück zum Waschbecken. Sie pumpte drei Spritzer antibakterielle Seife in ihre Handfläche. Sie drehte das Wasser so heiß auf, wie es ging.
Sie schrubbte ihren linken Ringfinger. Sie schrubbte ihn, bis die Haut wund, rot und brennend war. Sie schrubbte, bis sie sieben Jahre der Lügen physisch abgewaschen hatte.