Kapitel 3
Ich konnte nicht zögern. Der Schmerz in meinem Knöchel und Schienbein war brennend, aber ich zwang mich hoch. Jeder Muskel in meinem Körper schrie. Meine Lunge brannte, meine Zähne bissen sich auf die Lippe, bis ich Blut schmeckte. Ich musste rennen. Renne, Isabelle, renne!
Der Schnee knirschte unter meinen Füßen. Die Kälte schnitt mir ins Gesicht, aber ich merkte sie kaum. Mein einziger Gedanke war meine Mutter. Und Aiden. Der einzige Mensch, der uns jetzt noch helfen konnte. Ich wusste aus meinem früheren Leben, dass es nicht nur ein Einbrecher war. Es waren mehrere. Sie würden bald Mama finden. Sie würden bald mich finden.
Ich rannte über das schneebedeckte Terrain, meine nackten Füße spürten die eisige Kälte nicht mehr. Nur das brennende Gefühl in meinen Beinen zählte. Ich sah das Licht in Aidens Villa. Ein Hoffnungsschimmer in der dunklen, stürmischen Nacht. Ich stolperte, fiel, rappelte mich wieder auf. Meine Kräfte schwanden. Ich war erschöpft, blutig und vom Schmerz zerrüttet.
Endlich erreichte ich Aidens riesiges Eisentor. Es war geschlossen. Ich schlug mit meinen blutigen Händen dagegen, mein ganzer Körper zitterte. „Aiden! Aiden, bitte! ", krächzte ich. Meine Stimme war nur noch ein Hauch. „Sie sind im Haus! Die Einbrecher! Sie haben Mama verletzt! Bitte! Hilf uns! "
Das schwere Tor schwang langsam auf. Ein Spalt. Aiden stand dort, eingehüllt in einen warmen Bademantel, ein Glas Wein in der Hand. Sein Blick war kühl, seine Züge hart. Er sah mich an, wie ich da im Schnee kniete, blutüberströmt, zitternd.
Er sah auf mich herab. Ich war dreckig. Mein Gesicht war blutverschmiert, meine Haare klebten an meiner Stirn. Meine Kleidung war zerrissen. „Isabelle, deine Schauspielerei wird immer besser ", sagte er. Seine Stimme war ruhig, fast gelangweilt. „Aber du musst zugeben, die blutenden Wunden sind vielleicht ein bisschen zu viel. Spezialeffekte? "
Mein Blut pochte. Meine Schläfen hämmerten. Die Panik und der Schmerz mischten sich zu einem wütenden, wirren Chaos in meinem Kopf. „Aiden, es ist kein Scheiß-Theater! Mama, sie ist... sie blutet! Sie wird sterben, wenn du nicht sofort handelst! Bitte, schick deine Wachen! Ruf die Polizei! "
Er musterte mich. Sein Blick blieb kühl. „Nikolas hat mich angerufen. Er hat mich gewarnt. Du wärst eifersüchtig auf Celine. Du würdest versuchen, ihren großen Abend zu ruinieren. Ich hätte nie gedacht, dass du so weit gehen würdest. " Er schüttelte den Kopf.
Ich konnte es nicht fassen. Nikolas. Er hatte es geschafft. Er hatte ihn vergiftet. „Er lügt, Aiden! Er lügt! Ich habe die Polizei gerufen, aber sie sind noch nicht hier! Mama wurde erstochen! Sie blutet! Sie liegt im Weinkeller! " Ich schrie es fast. Ich spürte, wie die Verzweiflung meine Seele zerfraß.
Ich erinnerte mich an Mama in meinem früheren Leben. Gefoltert. Getötet. Nur weil Aiden, nur weil Nikolas, mir nicht geglaubt hatten. Ich konnte das nicht noch einmal zulassen. Niemals. Ich würde sie nicht noch einmal sterben lassen.
Ich zerrte mein Handy aus meiner Tasche. Das Display war gesprungen, aber ich konnte die Anrufliste sehen. Der Anruf bei 112. Der Beweis. „Schau! Ich habe die Polizei gerufen! Sie ist erstochen! Aiden, bitte! "
Er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Sein Blick war kalt. „Isabelle, du warst schon immer eine begabte Manipulatorin. Aber das hier ist ein neues Tief. All das nur, um Celine zu schaden? Um Nikolas' Abend zu zerstören? "
Meine Augen brannten. Die Tränen, die ich zurückgehalten hatte, schossen hervor. Ich schrie. „Du bist verrückt! Ihr seid alle verrückt! Sie wird sterben! Sie wird sterben, weil ihr beide zu blind seid, um die Wahrheit zu sehen! "
Meine verzweifelten Schreie blieben ungehört. Aiden stand da, unbeweglich, ein Denkmal der Gleichgültigkeit. Ich sah, wie er sich umdrehen wollte. Ich konnte es nicht zulassen. Mit letzter Kraft sprang ich auf, packte ihn am Ärmel seines Bademantels. „Aiden, bitte! Ich flehe dich an! Sie wird sterben! Meine Mutter! Deine zukünftige Schwiegermutter! Sie wird sterben! "
Er sah auf meine Hand herab, die seinen Ärmel umklammerte. Ein kalter Blick. „Nikolas hat mir alles erzählt ", sagte er leise. Seine Stimme war eiskalt. „Er meinte, ich solle dir niemals trauen. Du wärst eifersüchtig. Du würdest immer versuchen, dich in den Mittelpunkt zu drängen. "
Ein Stich durchfuhr mein Herz. Schlimmer als jeder Schmerz in meinem Körper. Nikolas hatte Aiden vergiftet. Er hatte unser Leben, unsere Liebe, unsere Zukunft zerstört. Für diese Celine. Für seine blinde Fixierung. Er war nicht nur Verräter an mir und Mama, er war der Totengräber unserer ganzen Familie.
Ich erinnerte mich daran, wie Aiden früher war. Liebevoll. Besorgt. Jetzt war er ein Fremder. Ein kalter, berechnender Mann. Er hatte sich von Nikolas' Worten einlullen lassen. Von seinen „Männergesprächen ", wie er sie nannte. Ich sah es jetzt klar. Aiden war schwach. Er war manipulierbar. Genauso wie Nikolas.
Ich sank zurück in den Schnee, meine Kräfte verließen mich. Ich war am Ende. Aber eine letzte Hoffnung glimmte noch. Eine winzige Flamme. „Ich würde sogar unsere Verlobung lösen! Wenn du mir jetzt hilfst! Wenn du Mama rettest! Ich gebe alles auf! Alles! "
Aiden zögerte. Ein kaum merklicher Moment. Ich sah es. Eine winzige Regung in seinen kalten Augen. Ein Rest von Menschlichkeit? Ein Rest von unserem alten Leben?
Ich betete. Ich betete wie noch nie zuvor. Bitte, Aiden. Zeig mir, dass du noch da bist. Zeig mir, dass du noch ein Herz hast.