Kapitel 2

Jaydens Blick schnitt durch Deanna wie Glas, als könne er jeden verborgenen Gedanken sehen, den sie so verzweifelt zu verbergen versuchte.

Sie blinzelte einmal langsam und kontrolliert und verbarg ihre Unruhe hinter kühler Fassung. „Ich habe mir nur etwas Wasser geholt, mehr nicht.“

Etwas in ihrem Tonfall ließ ihn aufhorchen. Jayden konnte nicht den Grund erklären, doch ein feiner Hauch von Misstrauen kroch unter seine Ruhe.

Er schob den Gedanken beiseite. Deanna würde nicht lügen. Sie konnte das Gespräch zwischen ihm und seiner Mutter unmöglich gehört haben. Hätte sie es doch, würde sie nicht so still vor ihm stehen. Sie wäre längst explodiert. Was das Geräusch von vorhin anging, musste er sich wohl geirrt haben.

Dieser Gedanke beruhigte ihn und seine Schultern entspannten sich ein wenig. „Es wird kälter. Du fühlst dich ohnehin nicht wohl, also bleib nachts drinnen, ja? Strapazier dich nicht.“

Er versuchte, sanft zu klingen, doch seine Worte ließen ihren Magen sich verkrampfen. „Heb dir deine Freundlichkeit für Talia auf. Sie ist diejenige, die sie braucht. Sie ist deine Frau, nicht ich.“

Jaydens Kiefer spannte sich an. Ein dumpfer Druck legte sich auf seinen Brustkorb, doch bevor er antworten konnte, fiel sein Blick auf ihr Kleid. Ein dunkler Blutfleck breitete sich an ihrer Seite aus.

Ein jäher Stich aus Sorge fuhr ihm durch den Körper, als seine Stirn sich in tiefe Falten legte. „Deanna, was ist mit dir passiert?“

Ohne Nachdenken griff er nach ihrer Hand. Der Anblick der tiefen und rohen Schnittwunde drehte ihm den Magen um. Sein Ausdruck verhärtete sich, überschattet von einer Sorge, für die er keine Worte fand.

Instinktiv glitt sein Blick zum Tisch. Doch der Bilderrahmen war verschwunden. Glassplitter funkelten auf dem Boden und zwischen ihnen lag der zerstörte Rahmen mit dem Foto, das sie wie ihren eigenen Herzschlag beschützt hatte.

Ein scharfes Einatmen entfuhr ihm. Eine kalte Unruhe regte sich in seiner Brust. Sie hätte dieses Bild niemals fallen lassen, nicht ein einziges Mal.

Deannas Kiefer spannte sich an, als sie ihre Hand aus seiner riss. Die Wärme seiner Berührung ließ ihre Haut sich sträuben.

Jayden erstarrte, überrumpelt von der Abweisung. Er setzte an zu sprechen, doch ein plötzliches scharfes Knacken durchschnitt die Stille, bevor sich ein Wort formen konnte.

Das Klirren zerbrechenden Porzellans zerschnitt die Spannung. Deanna wandte sich dem Geräusch zu und sah Talia erstarrt im Türrahmen stehen. Die Tasse, die sie gehalten hatte, lag nun in Scherben zu ihren Füßen, während sich das Wasser über den Boden wie ein dunkler Fleck verteilte. Ihre Tränen hatten Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen und ihre Stimme bebte, als sie herauspresste: „Sag mir nicht, dass du all die Nacht nur wegen Deanna aus unserem Zimmer geblieben bist, Brody.“

Jaydens Gesicht verlor jede Farbe. Er eilte an Deanna vorbei, wobei seine Stimme weich und flehend klang: „Du liegst falsch, Talia. Sie ist verletzt. Ich wollte nur nach ihr sehen. Sie hat so viel durchgemacht, seit-seit ihr Mann gestorben ist.“

Seine Ausrede brach ab, als Talias Wut aufflammte. „Verschone mich mit solchen Lügen“, fauchte sie und warf Deanna einen wütenden Blick zu, „ich weiß, Deanna, dass du trauerst, aber Brody ist dein Schwager. Wie kannst du ihn ansehen und so tun, als wäre er Ersatz für Jayden? Es ist widerlich. Hast du keinen Funken Würde?“

Deanna stieß ein leises und humorloses Lachen aus. Wenn Talia wüsste, neben wem sie tatsächlich in den letzten zehn Nächten gelegen hatte, würde sie dann immer noch so selbstgerecht klingen?

„Beruhig dich“, erwiderte Deanna kühl und verengte die Augen, „ich würde keinen Mann anfassen, den du schon benutzt hast.“

Die Worte trafen wie eine Ohrfeige. Jaydens Bewegung stockte und er starrte sie an, während ein Wechselspiel widersprüchlicher Gefühle in seinen Augen flatterte.

Deanna hatte keine Geduld mehr für sie beide. „Bitte geht. Ich möchte in Frieden um meinen Mann trauern.“

Die Art, wie sie die Worte „um meinen Mann trauern“, ließ Jaydens Kehle sich verengen. Er warf ihr einen letzten Blick zu, doch ihr Ausdruck war scharf wie Eis. Er wandte sich hastig ab.

Talia hingegen drehte sich steif zur Tür, zu geblendet von ihrer eigenen Demütigung, um es zu bemerken. Deanna folgte ihr und schloss die Tür mit leiser, endgültiger Bestimmtheit. Auf der anderen Seite erstarrte Talias Zittern zu einer kühlen und hasserfüllten Regung, während ihre Augen gefährlich glimmten.

Im nächsten Moment glättete sie ihre Miene, als wäre nichts geschehen. Sie hakte sich bei Jayden ein und zog ihn zurück in ihr Zimmer.

Später in der Nacht hörte Deanna die unverkennbaren, noch dreisteren Geräusche aus dem Nebenzimmer.

Ihr Herz war leer und kalt, doch ihr Gesicht blieb unbewegt, als sie das Erinnerungsfoto verbrannte und anschließend auf ihr Handy sah.

In ihrem Posteingang fand sie eine neue Nachricht: „Frau Evans, die Familie Gordon stellt nun zum neunten Mal einen Heiratsantrag. Dieses Mal bieten wir einhundert Millionen als Zeichen unserer Aufrichtigkeit. Würden Sie es sich noch einmal überlegen?“

Als eine der angesehensten Familien in Elesport genoss die Familie Gordon einen Status, für den viele alles gegeben hätten.

Doch das Unglück hatte zugeschlagen, als der junge Nachfolger der Familie Connor Gordon vor einem Jahr ins Koma gefallen war. Mit seinem berechnenden Onkel, der nur auf eine Gelegenheit lauerte, war Connors Sicherheit alles andere als gewiss.

Was einst ein Schatz gewesen war, hatte sich in eine Quelle endloser Probleme verwandelt, und die meisten hielten Abstand. Um Connor eine Ehefrau zu sichern und die Familienlinie fortzuführen, setzte Connors Großvater Gerard Gordon alles daran, eine passende Partnerin zu finden. Doch niemand war bereit, ein Leben einzugehen, das nur Gefahr und die Aussicht auf Witwenschaft versprach. Solange Connors Onkel noch im Spiel war, bot die Ehe mit einem bewusstlosen Mann keinerlei Zukunft.

Niemand wollte Connor heiraten.

Ohne andere Optionen richtete Gerard schließlich seinen Blick auf Deanna, die gerade ihren Mann verloren hatte. Obwohl sie ihre Eltern früh verloren hatte, hatte sie immer die Haltung einer Frau aus gutem Hause bewahrt. Für die Gordons war sie als eine beherrschte und steuerbare Dame die ideale Wahl, und ihre hervorragenden Gene war perfekt geeignet dafür, Connors Kind zu tragen.

Eine Witwe und ein Mann in lautlosem Schlaf ergaben ein seltsames Paar. Für Außenstehende war es ein Rezept für eine Katastrophe. Doch für Deanna bedeutete eine Heirat mit der Familie Gordon einhundert Millionen in bar und einen Ehemann, der ihr niemals im Weg stehen würde. Wo sonst würde sie ein so vorteilhaftes Arrangement finden?

Zu den Spencers konnte sie unmöglich zurückkehren, und auch ins Haus der Evans führte kein Weg mehr.

Früher hatte sie jeden Heiratsantrag abgelehnt, weil ihr Herz Jayden gehört hatte. Aber das lag nun weit hinter ihr.

Mit einem blassen und bitteren Lächeln legte Deanna die Finger auf die Tastatur und antwortete: „Ich bin dabei.“

Kapitel 3

Die Kontaktperson der Familie Gordon hatte tagelang versucht, Deanna zu erreichen, nun die Hoffnung beinahe aufgegeben und rechnete nicht mehr mit einer Antwort.

Doch in dem Moment, als Deannas Nachricht auf seinem Handy erschien, änderte sich alles. Erleichterung und Begeisterung überschwemmten ihn zugleich. „Frau Evans, Sie haben endlich Ja gesagt! Das sind großartige Neuigkeiten. Ich mache mich sofort auf den Weg zum Anwesen der Spencers, damit wir die Verlobungsdetails besprechen können. Wenn Sie irgendwelche Wünsche haben, sagen Sie es nur! Herr Gerard Gordon hat versprochen, alles zu tun, um Ihre Erwartungen zu erfüllen!“

Deanna behielt ihre Gedanken für sich, denn ihr war es klar, dass ihrBedürfnis weit über das hinausging, was die Familie Gordon bieten konnte.

Der Mann am Telefon schien von ihrem Schweigen unberührt und erinnerte sie erneut daran, dass sie jederzeit alles verlangen dürfe.

Nachdem das Gespräch beendet worden war, ging Deanna, um sich umzuziehen.

Seit Jaydens „Tod“ hatte sie sich um ihr Äußeres kaum gekümmert. Ihre Kleidung war schlicht geworden, die Farbe aus ihrem Gesicht gewichen. Ihre Schönheit war geblieben, doch Müdigkeit hatte ihren Glanz getrübt.

Aber heute hatte sie einen Grund, sich Mühe zu geben. Sie stand kurz davor, über einen Heiratsantrag zu verhandeln und musste dem Anlass gerecht werden, indem sie anmutig und eindrucksvoll wirkte.

Sie war fest entschlossen, sich einen Platz in der Familie Gordon zu sichern, besonders weil Richard ihr im Nacken saß.

Wenn sie die geringste Chance für die Selbstverteidigung haben wollte, musste sie jetzt ein starkes Bild abgeben.

Ein tiefer Atemzug beruhigte ihre Nerven, während sie das Wenige packte, das ihr gehörte.

Eine Stunde später hatte sie alles zusammengesucht.

Als sie die Treppe hinunterging, stieß sie beinahe mit Talia zusammen.

Talia fing Deannas Blick ein. Der tiefe Abdruck an ihrem Hals, ein unübersehbares Andenken an die vergangene Nacht, sprach deutlich von der Wildheit ihrer Zeit mit Jayden.

Ein Anflug von Ironie glitt über Deannas Gesicht, bevor sie wegsehen wollte.

Doch als sie weitergehen wollte, durchschnitt Talias Stimme die Luft: „Deanna, schämst du dich eigentlich gar nicht?“

Deanna blieb stehen und drehte sich zu ihr um.

Eifersucht verzerrte Talias Züge. Sie hatte Deannas Schönheit immer verachtet. Wäre Deanna nicht so hinreißend, hätte Brody sich nie so sehr zu ihr hingezogen gefühlt. Brody hatte selbst nach seiner Hochzeit mit Talia nie von seiner Besessenheit abgelassen. Noch schlimmer hatte der Mann, der letzte Nacht neben Talia gelegen hatte, im Halbschlaf Deannas Namen geflüstert.

Der bloße Anblick von Deannas zarter und unwiderstehlicher Schönheit ließ Talias Wut erneut auflodern.

Ohne jede Vorwarnung stürmte Talia vor und packte Deannas Handgelenk mit einem eisernen Griff. „Kaum ist dein Mann unter der Erde, rennst du schon seinem Bruder hinterher. Kein Wunder, dass du so geworden bist, du bist ja ohne Eltern aufgewachsen!“

Das Brennen von Talias Fingernägeln, die sich tief in ihre Haut bohrten, riss Deanna aus ihrer Fassung.

Ihr Gesicht verhärtete sich und jede Spur von Zurückhaltung verschwand. Wenn jemand ihre Eltern erwähnte, brannte in ihr sofort eine alte gnadenlose Wut. Noch bevor Talia weiterreden konnte, holte Deanna aus und schlug zu.

Die Ohrfeige hallte wie ein Peitschenknall durch die Eingangshalle, woraufhin Talias Wange augenblicklich rot aufflammte und anschwoll. Einen Moment lang starrte sie einfach nur, fassungslos darüber, dass Deanna sich überhaupt wehrte. „Du hast mich tatsächlich geschlagen?“, stammelte sie.

„Warum denn nicht?“, entgegnete Deanna kalt, „wenn du deinen Mund nicht im Griff hast, bringe ich es dir eben bei.“

Talias Gesicht verzog sich vor Zorn, ihre Augen flammten gefährlich auf, während sie mit gepresster Stimme hervorpresste: „Deanna, glaub nicht, dass es noch so ist wie früher. Egal was du sagst, Jay-Brody ist jetzt mein Mann!“

Ein flüchtiges Stirnrunzeln huschte über Deannas Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde klang es, als hätte Talia beinahe „Jayden“ gesagt.

Doch der Moment verging zu schnell, um ihn festzuhalten. Plötzlich schwankte Talia, kippte nach hinten, verlor völlig die Balance und stürzte rücklings die Treppe hinunter.

Ihr gellender Schrei durchschnitt das ganze Haus und riss die Familie Spencer in eine Panik.

Jayden war der Erste, der heranstürzte. Beim Anblick, dass Talia reglos auf den Stufen lag, fuhr er den Butler sofort an, den Privatarzt zu rufen.

Dann kniete er sich neben sie, stützte sie behutsam und warf Deanna einen Blick voller unverhohlenem Hass zu. Mit zusammengebissenen Zähnen spie er ihr entgegen: „Wenn ihr etwas zustößt, wirst du dafür bezahlen!“

Ein trockenes und bitteres Lachen stieg in Deanna auf. Nicht einmal ein Atemzug hatte Jayden bereits sein Urteil gefällt, und nicht einmal ihr eigener Ehemann hielt es für nötig, die Wahrheit herauszufinden. Er verschob ihr sofort die Schuld und eilte los, um eine andere Frau zu beschützen. Die Absurdität dieser Situation hinterließ nur eine lähmende Leere in ihr.

Wofür waren die drei gemeinsamen Jahre schließlich?

Jayden ließ sie nicht einfach gehen. Nachdem er Talia versorgt hatte, packte er Deanna am Handgelenk und zerrte sie zurück zu Talias Tür, um sie zu einer Entschuldigung zu zwingen.

Deanna wollte sich wehren, doch sein Griff war zu hart und ihr erschöpfter Körper viel zu schwach, um dagegen anzukommen. Sie hatte keine Wahl, als ihm zu folgen.

Jaydens Finger bohrten sich schmerzhaft in ihre Haut und zogen Deanna in Erinnerungen zurück, die sie längst verdrängt glaubte. Er hatte sie einmal um ihre Hand gebeten und ihr versprochen, sie immer zu beschützen. War das seine Vorstellung von Schutz?

Ein hohles und bitteres Lachen entwich Deannas Lippen, wobei Jaydens finsterer Blick sich nur noch mehr verhärtete.

Er fauchte: „Wie kannst du so gefühllos sein? Talia ist noch bewusstlos, und du findest das lustig?“

Ohne ein weiteres Wort stieß er sie auf einen Stuhl hinunter, sein Griff wirkte so brutal, als wollte er ihre Knochen brechen. Seine Absicht war unverkennbar, dass er sie für das Geschehene büßen lassen wollte.

Nach einer Ewigkeit trat endlich der Arzt heraus. „Frau Spencer ist schwanger, ganz am Anfang und etwa vierzig Tage“, erklärte er, „der Sturz hat die Schwangerschaft gefährdet. Ich bin kein Spezialist, deshalb muss Dr. Oliver Quinn sofort her. Ohne ihn übersteht das Baby das vielleicht nicht.“

Deannas Gedanken rasten. Schwanger seit vierzig Tagen? Aber Brody hatte das Haus in dieser ganzen Zeit nicht ein einziges Mal betreten!

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Verlassene Braut, in einer zweiten Chance der Liebe getäuscht

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