Kapitel 1
Ein scharfer, reißender Schmerz durchzuckte Junes Unterleib.
Er kam so plötzlich und war so heftig, dass ihre Finger taub wurden. Das Wasserglas entglitt ihrer Hand.
Es schlug auf dem Parkettboden auf und zersplitterte in Dutzende scharfkantige Stücke. Das Geräusch hallte laut durch das riesige, leere Hauptschlafzimmer des Compton-Anwesens.
June versuchte, einen Schritt nach vorne zu machen, aber ihre Knie gaben nach.
Augenblicklich brach ihr kalter Schweiß auf der Stirn aus und klebte ihr die Haare an die Haut. Sie brach auf dem teuren Perserteppich zusammen, ihre Hände flogen zu ihrem Bauch.
Ihre Lungen vergaßen, wie man Luft holt. Der Schmerz war kein dumpfes Ziehen; es fühlte sich an, als würde sich eine gezackte Klinge in ihren Organen drehen.
Ihr Blickfeld verschwamm an den Rändern und wurde grau. Sie kannte ihren Körper. Sie war medizinische Forscherin. Das war kein normaler Schwangerschaftskrampf. Ihre Vitalfunktionen brachen zusammen.
Ihr Handy lag auf dem Nachttisch, einen Meter entfernt. Es schien eine Meile weit weg zu sein.
Heftig zitternd schleppte June ihren Körper über den Boden. Die scharfkantigen Scherben des zerbrochenen Glases schnitten in ihr Knie, aber sie spürte es nicht einmal angesichts der Qual in ihrem Unterleib.
Sie streckte sich hoch, ihre Finger krallten blind nach dem Nachttisch, bis sie das Handy herunterstieß.
Der helle Bildschirm stach ihr in die Augen. Ihre Finger waren glitschig von kaltem Schweiß. Sie drückte die Kurzwahltaste. Nummer 1.
Cole.
Das Telefon klingelte einmal.
June kniff die Augen fest zusammen, ihre Fingernägel gruben sich so fest in ihre Handflächen, dass die Haut aufriss. Bitte geh ran. Bitte.
Es klingelte ein zweites Mal. Jede Sekunde dehnte sich, schwer und erstickend.
Dann ein Klicken.
„Was?", drang Coles Stimme aus dem Lautsprecher.
Es war keine Begrüßung. Es war eine Wand aus Eis. Im Hintergrund konnte June das Klirren von Champagnergläsern und den sanften Jazz einer Live-Band hören.
„Cole...", keuchte June, ihre Kehle war eng und trocken. „Hilf mir... das Baby..."
Bevor Cole antworten konnte, drang eine hohe, süßliche Stimme durch den Hörer.
„Cole, wer ist da? Wir kommen zu spät zum roten Teppich."
Alycia.
Junes Magen verkrampfte sich. Der Schmerz schoss in die Höhe und schickte eine Welle der Übelkeit ihre Kehle hinauf.
„June", sagte Cole, sein Tonfall sank zu einem tiefen, ungeduldigen Knurren. „Wenn das dein erbärmlicher Versuch ist, mich vom Besuch der Gala abzuhalten, ist das eine schreckliche Strategie."
„Nein...", würgte June hervor. Sie schmeckte etwas Metallisches in ihrem Mund. Blut. „Ich blute. Bitte."
„Hör auf mit der Schauspielerei", fauchte Cole. Sie konnte ihn beinahe sehen, wie er seine teuren Manschettenknöpfe zurechtrückte, genervt von ihrer Existenz. „Dir geht es bestens. Wir gehen in zwei Minuten auf die Bühne. Ruf diese Nummer heute Abend nicht mehr an."
„Cole, warte-"
Die Leitung war tot.
Der Wählton summte in dem stillen Raum. Er klang wie ein Todesurteil.
June starrte auf den dunklen Bildschirm. Ihr Handy entglitt ihrem schwachen Griff und landete auf dem Teppich.
Eine plötzliche, schreckliche Wärme breitete sich zwischen ihren Oberschenkeln aus.
June blickte nach unten. Eine dunkle, dicke Lache aus Rot sickerte in die kunstvollen Muster des Perserteppichs.
Blut. So viel Blut.
Eine urtümliche Panik ergriff ihre Brust. Sie verlor das Baby.
Mit dem letzten Rest Kraft in ihren zitternden Fingern griff sie erneut zum Handy und wählte 911.
„Notruf 911, was ist Ihr Notfall?"
„Compton Manor...", flüsterte June, ihre Stimme verließ kaum ihre Kehle. „Starke Blutungen. Schwanger. Bitte beeilen Sie sich."
Sie ließ das Handy fallen. Ihr Kopf fiel auf den Boden zurück.
Auf der anderen Seite des Raumes war der riesige Flachbildfernseher stummgeschaltet und zeigte eine Live-Übertragung der Wohltätigkeitsgala.
Durch ihre halb geschlossenen Augen sah June Cole. Er sah in seinem maßgeschneiderten Smoking atemberaubend aus. Er lächelte.
Er lächelte auf Alycia hinab, die ihren Arm fest um seinen geschlungen hatte. Alycia trug ein umwerfendes weißes Kleid und sah aus wie eine Braut. In Coles Augen lag eine Zärtlichkeit, die June in vier Jahren Ehe nicht gesehen hatte.
Der Kontrast war brutal. Er stand im Rampenlicht und hielt eine andere Frau im Arm, während seine Ehefrau auf dem Boden seines Schlafzimmers verblutete.
Das Heulen von Krankenwagensirenen durchdrang die Nachtluft und wurde lauter.
Unten schlugen die schweren Eichentüren auf. Schritte eilten die Treppe hinauf.
Mrs. Lynch, die leitende Haushälterin, erschien in der Tür. Sie keuchte nicht vor Entsetzen über Junes blasses Gesicht auf. Stattdessen schoss ihr Blick zum Boden.
„Du lieber Himmel", murmelte Mrs. Lynch angewidert. „Sie haben den antiken Teppich ruiniert."
Sanitäter drängten sich an der Haushälterin vorbei. Sie ließen eine Arzttasche fallen und knieten sich neben June.
„Ma'am? Können Sie mich hören?", rief ein Sanitäter und leuchtete ihr mit einer Pupillenleuchte in die Augen.
June konnte nicht sprechen. Der Raum begann sich zu drehen.
Sie hoben sie auf eine Trage. Die Bewegung schickte eine neue Welle qualvoller Schmerzen durch ihr Becken, und eine stille Träne lief ihre Schläfe hinunter.
Im Krankenwagen flackerten die Leuchtstoffröhren.
„Der Blutdruck fällt rapide!", schrie ein Sanitäter über die Sirene hinweg. „Achtzig zu vierzig! Verdacht auf rupturierte Eileiterschwangerschaft. Geben Sie Gas!"
Die Türen der Notaufnahme flogen auf. Die Räder der Krankenliege ratterten heftig über den Linoleumboden. Die Deckenleuchten zogen in einem schwindelerregenden Schleier vorbei.
Krankenschwestern umschwärmten sie. Eine Schere schnitt durch ihre blutgetränkte Kleidung.
„Wo ist die Familie?", verlangte ein Arzt mit einem Klemmbrett in der Hand. „Wo ist der Ehemann? Wir brauchen die Einwilligung für eine Notoperation!"
Eine Krankenschwester beugte sich über June. „Mrs. Compton? Wo ist Ihr Mann?"
June zwang ihre schweren Augenlider auf. Sie sah die Krankenschwester an. Ihre Lippen zitterten.
„Er...", Junes Stimme war ein gebrochenes Flüstern. „Er wird nicht kommen."
Der Arzt wartete nicht. „Wir verlieren sie. Bringen Sie sie sofort in den OP!"
Die schweren Türen des Operationssaals schwangen zu. Eine Maske wurde ihr auf Nase und Mund gedrückt.
Der süßliche, chemische Geruch des Narkosemittels füllte ihre Lungen. Ihr letzter bewusster Gedanke war das Geräusch, als Cole aufgelegt hatte.
Stunden später weckte sie das rhythmische Piepen eines Herzmonitors.
June öffnete die Augen. Das Krankenzimmer war dunkel, nur von den Straßenlaternen von New York City erhellt, die durch die Jalousien fielen.
Ihr Unterleib fühlte sich hohl an. Ein dumpfer, pochender Schmerz strahlte von ihren Operationsnarben aus.
Das Zimmer war vollkommen leer. Es gab keine Blumen. Es saß kein Ehemann auf dem Stuhl neben ihrem Bett.
Eine Krankenschwester kam herein, um ihren Infusionstropf zu überprüfen. Sie warf June einen Blick tiefen Mitleids zu.
„Mrs. Compton", sagte die Krankenschwester leise. „Wir haben mehrmals versucht, die in Ihrer Akte angegebene Notfallkontaktnummer anzurufen. Einen Mr. Compton. Er... er ist nicht rangegangen."
June drehte langsam den Kopf, um aus dem Fenster zu sehen. Die Lichter der Stadt verschwammen zu Streifen aus Gold und Silber.
Sie weinte nicht. Die Tränen waren verschwunden, ersetzt durch einen eiskalten, festen Eisblock in ihrer Brust.
Sie schloss die Augen. Die June, die Cole Compton geliebt hatte, war auf diesem Operationstisch gestorben.
Kapitel 2
Die Morgensonne stach in Junes Augen.
Sie lehnte an den steifen Krankenhaus-Kissen und starrte auf den Bildschirm ihres Handys.
Die Schlagzeile der Unterhaltungsnachrichten-Website starrte sie an: Das goldene Paar des Compton-Imperiums.
Darunter war ein hochauflösendes Foto von Cole und Alycia von der Gala gestern Abend. Sie lachten, die Köpfe dicht beieinander.
Die Tür zum Privatzimmer wurde mit brutaler Gewalt aufgestoßen. Sie schlug mit einem lauten Knall gegen die Wand.
Cole schritt ins Zimmer.
Er trug noch die Smokinghose und das Hemd von letzter Nacht. Seine Krawatte war gelockert. Der scharfe Geruch von teurem Scotch und Alycias blumigem Parfüm hing an seiner Kleidung und erfüllte das sterile Krankenzimmer.
Er blickte nicht auf die Krankenakte, die am Fußende des Bettes hing. Er blickte nicht auf den Infusionsschlauch, der an ihrer blassen Hand festgeklebt war.
Sein Kiefer war fest zusammengepresst. Er blieb direkt neben ihrem Bett stehen und starrte auf sie herab.
„Bist du fertig mit deinem kleinen Wutanfall?", forderte Cole, seine Stimme triefte vor Gift. „Eine Notaufnahme benutzen, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen? Du hast einen neuen Tiefpunkt erreicht, June."
June blickte zu ihm auf.
Sein Gesicht, das Gesicht, das sie vier Jahre lang geliebt hatte, kam ihr plötzlich völlig fremd vor.
„Raus hier", sagte June. Ihre Stimme war schwach, aber der Ton war pures Eis.
Coles Augen verengten sich. Er war ihr Flehen gewohnt. Er war ihre stille Unterwerfung gewohnt. Dieser plötzliche Trotz fühlte sich wie eine direkte Herausforderung seiner Autorität an.
Er beugte sich näher, seine große Hand schnellte vor und packte ihr Kinn. Seine Finger gruben sich in ihre Haut.
„Du bist meine Frau", höhnte Cole, sein Atem heiß auf ihrem Gesicht. „Ich habe jedes Recht, in diesem Zimmer zu sein."
June versuchte, ihr Gesicht wegzuziehen, aber sie war zu schwach. „Fass mich nicht an."
Cole stieß ein dunkles, spöttisches Lachen aus. „Du hast dieses ganze Drama inszeniert, um mich von der wichtigsten Nacht meines Jahres hierher zu zerren. Tu nicht so, als ob du nicht wolltest, dass ich dich anfasse."
Er ließ ihr Kinn los und stieß ihre Schultern plötzlich zurück gegen die Kissen, sein Gewicht drückte auf den Bettrahmen. Die Bewegung war grob, eine Bestrafung für ihren Trotz.
Panik ergriff Junes Brust.
„Hör auf!", schrie sie, ihre Hände schnellten nach unten, um ihren frisch genähten Bauch zu schützen. „Ich hatte gerade eine Operation!"
Coles Vorurteil war ein dicker Filter, der jede Vernunft ausblendete. Für ihn war dies nur eine weitere Lüge, ein weiterer dramatischer Akt, um ihn zu manipulieren. Er beugte sich über sie, sein Knie drückte sich fest in die Matratze, um mehr Hebelwirkung zu haben, in der Absicht, sie zum Schweigen einzuschüchtern.
Der plötzliche, erschütternde Druck auf das Bett strahlte direkt auf ihren Oberkörper aus. Ein scharfes, reißendes Geräusch schien in Junes Kopf zu widerhallen.
Ein blendender Schmerzblitz riss durch ihren Bauch. Die Nähte, die ihr Fleisch zusammenhielten, rissen unter der indirekten, aber starken Belastung.
„Ah!", kreischte June, ihr Rücken bog sich vom Bett auf. Ihr Gesicht wurde aschfahl.
Cole erstarrte. Er spürte, wie ihr Körper unter seinen Händen völlig steif wurde.
Er blickte nach unten.
Ein dunkelroter Fleck breitete sich schnell auf dem weißen Krankenhauskittel aus, genau über ihrem Unterleib. Das Blut sickerte durch den Stoff und befleckte die makellos weißen Laken unter ihr.
Cole trat schnell zurück, seine Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde.
Aber der Schock verschwand schnell hinter einer Mauer kalter Gleichgültigkeit. Er richtete seine Manschettenknöpfe und weigerte sich zu glauben, dass er wirklichen Schaden angerichtet hatte.
„Ist es das, was du wolltest?", höhnte Cole und blickte auf das Blut. „Eine Sauerei veranstalten? Du bist erbärmlich."
Sein Handy summte in seiner Tasche. Es war ein spezieller Klingelton. Alycias Klingelton.
Cole zog es heraus und ging sofort ran. Die Härte in seinem Gesicht schmolz augenblicklich dahin.
„Hey, Alycia", sagte er sanft und drehte June den Rücken zu. „Die Ärzte sagen, es war nur ein kleiner Schreck, sie übertreibt. Ich weiß. Ich gehe jetzt sofort. Ich bin gleich da."
Er beendete den Anruf und blickte über seine Schulter zu June.
„Mach dich sauber", befahl er kalt. „Hör auf, den Namen Compton zu blamieren."
Er verließ das Zimmer und ließ die schwere Tür hinter sich ins Schloss klicken.
June lag auf dem Bett und rang nach Luft. Der körperliche Schmerz war unerträglich, aber die Übelkeit, die in ihrem Magen aufstieg, war schlimmer. Ihr wurde körperlich schlecht bei dem Gedanken, dass sie diesen Mann jemals hatte an sich heranlassen.
Sie streckte eine zitternde Hand aus und hämmerte auf den Schwesternrufknopf.
Sekunden später eilte eine Krankenschwester herein. Als sie die Blutlache auf den Laken sah, keuchte sie auf und rannte auf den Flur, um nach einem Arzt zu schreien.
Das Ärzteteam stürmte herein. Sie rissen den Kittel auf und begannen, Druck auf die aufgerissene Operationswunde auszuüben. „Sie hat wieder eine Blutung! Holt den Notfallwagen! Ruft Dr. Evans, sofort!"
Inmitten des Chaos gab June keinen Laut von sich. Sie starrte an die Decke. Ihre Augen, einst weich und flehend, verhärteten sich zu scharfem Glas.
Nachdem die Blutung gestoppt und sie zum zweiten Mal in weniger als zwölf Stunden stabilisiert war, verließ der Arzt das Zimmer mit der strengen Warnung, dass sie für mindestens eine weitere Woche strikte Bettruhe einhalten müsse. Jede plötzliche Bewegung könnte tödlich sein.
June wartete, bis das Zimmer leer war. Jeder Muskel in ihrer Körpermitte schrie vor Protest, aber sie ignorierte es.
Sie griff in ihre kleine Handtasche auf dem Nachttisch. Sie zog einen gefalteten Stapel Papiere heraus, den sie vor Wochen vorbereitet hatte.
Die Scheidungsvereinbarung.
Sie griff hinüber und riss die Infusionsnadel aus ihrem Handrücken. Ein Blutstropfen quoll hervor und fiel direkt auf die Unterschriftenzeile des Papiers.
June griff nach einem Stift. Ihre Hand zitterte, aber sie drückte die Spitze fest auf das Papier und unterschrieb mit ihrem Namen über dem Blutstropfen.
Dann blickte sie auf ihre linke Hand. Der massive Diamantring fühlte sich schwer an. Er fühlte sich an wie eine Handschelle.
Sie zog ihn ab. Er glitt leicht über ihren Fingerknöchel.
Sie legte den Ring genau in die Mitte der Scheidungspapiere und ließ ihn auf dem Nachttisch liegen, wo er nicht zu übersehen war.
Sie nahm ihr Handy und schrieb ihrer besten Freundin Vera eine SMS.
Ich bin fertig. Ich muss hier raus.
June wartete nicht auf eine Antwort. Sie ignorierte die Anweisungen des Arztes. Sie zog ihre eigene Kleidung aus der kleinen Reisetasche, die Mrs. Lynch achtlos gepackt hatte.
Sie zog sich an und biss sich so fest auf die Lippe, dass sie Blut schmeckte, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Jede Bewegung war eine langsame, qualvolle Folter.
Sie verließ das Zimmer und stützte sich schwer an der Wand ab.
Als sie schließlich durch die gläsernen Schiebetüren der Krankenhauslobby trat, schlug ihr der kalte New Yorker Wind ins Gesicht.
Sie blickte ein letztes Mal auf das Gebäude zurück. Sie schwor sich in diesem Moment, dass sie nie wieder für Cole Compton bluten würde.
Kapitel 3
Ein kirschroter Porsche Cayenne legte eine Vollbremsung hin, die Reifen quietschten auf dem Asphalt direkt vor dem Krankenhauseingang.
Vera Vance riss die Fahrertür auf und sprintete um die Motorhaube herum.
Als sie June am Bordstein stehen sah, schwankend wie ein Geist im Wind, stieß Vera einen scharfen Atemzug aus. Junes Gesicht war völlig farblos, und ein frischer, dunkelroter Blutfleck sickerte durch ihren Mantel.
„Oh mein Gott, June!", schrie Vera und fing June gerade noch auf, als ihre Knie nachgaben. „Was ist passiert? Wo zum Teufel ist Cole?"
June lehnte ihren Kopf an Veras Schulter. Ein schwaches, bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Selbst die Hölle ist besser, als da drin zu sein", flüsterte June.
„Du blutest durch deinen Mantel!", schrie Vera und ignorierte Junes Versuch zu gehen. Sie schlang ihren Arm um Junes Taille und trug sie praktisch zum Beifahrersitz des Porsche.
Vera brachte sie nicht zum Compton estate. Sie brachte sie nicht in ihre eigene Wohnung. Sie legte den Gang ein und raste zum Mount Sinai, einem Privatkrankenhaus, in dem sie Beziehungen hatte.
Im Auto lief die Heizung auf Hochtouren. Vera umklammerte das Lenkrad, ihre Knöchel traten weiß hervor, und Tränen reiner Wut brannten in ihren Augen.
„Ich werde ihn umbringen", murmelte Vera, während sie sich gefährlich durch den Verkehr von Manhattan schlängelte. „Ich werde ihm mit bloßen Händen das Herz aus der Brust reißen."
June lehnte ihren Kopf gegen den kühlen Ledersitz. Ihre Sicht verschwamm.
Als das Auto über eine Bodenwelle fuhr, überkam sie eine neue Schmerzwelle, und ihre Gedanken glitten in die Vergangenheit.
Zehn Jahre zuvor.
Das Geräusch von sich verwindendem Metall und berstendem Glas. Der Regen, der das Blut von der Autobahn wusch. Der Tag, an dem ihre Eltern starben.
Sie erinnerte sich, wie sie im Regen stand, ein fünfzehnjähriges Mädchen, dem nichts mehr geblieben war. Ihr Onkel, Richard Erickson, hatte ihr einen Stapel juristischer Papiere ins Gesicht gedrückt, die Familie für bankrott erklärt und sie aus ihrem eigenen Haus geworfen.
Sie war auf dem nassen Bürgersteig zusammengebrochen.
Dann war ein Junge aus einer schwarzen Limousine gestiegen. Er hatte das Gesicht eines Engels. Er kniete im Schlamm und reichte ihr ein weißes Leinentaschentuch, das nach Zeder und Regen roch. Er hatte sie mit so tiefem Mitleid und solcher Güte angesehen.
Dieser Junge war im letzten Jahrzehnt ihr Lebensgrund gewesen.
June öffnete die Augen in der Gegenwart, während die Erinnerung in der harten Realität des Armaturenbretts verblasste.
„Ich dachte, er wäre mein Retter", murmelte June in die Stille des Autos. „Ich habe mich geirrt. Ich war in einen Geist verliebt."
Vera warf ihr einen Blick zu, verwirrt, aber zu sehr auf das Fahren konzentriert, um zu fragen.
Sie kamen im Privatkrankenhaus an. Dank Veras Beziehungen umgingen sie den Warteraum komplett. June wurde eilig in eine VIP-Suite gebracht.
Der behandelnde Arzt untersuchte die aufgerissenen Nähte. Sein Gesicht färbte sich rot vor Wut.
„Das ist ein schweres sekundäres Trauma", fuhr der Arzt Vera an. „Wer hat ihr das angetan? Das erfordert eine polizeiliche Anzeige."
Vera stand am Fenster, die Arme so fest verschränkt, dass sich ihre Nägel in die eigene Haut bohrten. „Ich kümmere mich um die Polizei. Bringen Sie sie einfach in Ordnung."
Sie hängten einen Bluttransfusionsbeutel auf und nähten die Wunde erneut. Das Schmerzmittel wirkte endlich und zog June in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Als June aufwachte, war das Zimmer still. Vera saß auf einem Stuhl neben dem Bett, ihre Augen waren vom Weinen rot und geschwollen.
Als Vera sah, dass June wach war, goss sie sofort ein Glas warmes Wasser ein und hielt es ihr an die Lippen.
„Hast du die Scheidungspapiere unterschrieben?", fragte Vera mit heiserer Stimme.
June schluckte das Wasser und nickte. „Unterschrieben. Ich gehe mit leeren Händen."
Vera sprang vom Stuhl auf, ihre Augen weit aufgerissen. „Was? Bist du verrückt? Das ist das Geld der Comptons! Du hast ihm vier Jahre deines Lebens geschenkt und gehst mit leeren Händen?"
June sah ihre beste Freundin an. Ihre Augen waren vollkommen ruhig, frei von der Panik und dem Kummer, die sie jahrelang gequält hatten.
„Ich brauche sein Geld nicht, Vera", sagte June leise. „Ich will nur seinen Namen aus meinem Leben auslöschen."
Vera starrte sie an. Sie wusste, dass June ein Genie war – sie kannte sie seit dem College –, aber sie hatte June so lange die Rolle einer unterwürfigen Hausfrau spielen sehen, dass sie fast vergessen hatte, wer June wirklich war.
June streckte die Hand aus und packte Veras Handgelenk. „Tu mir einen Gefallen. Geh zu meinem alten Lagerraum. Bring mir meinen alten Laptop. Den dicken schwarzen."
Vera runzelte verwirrt die Stirn. „Dein Laptop aus dem College? Warum?"
„Bring ihn einfach."
Zwei Stunden später kehrte Vera mit einem schweren, veralteten schwarzen Laptop zurück.
June legte ihn auf ihren Schoß. Sie drückte den Einschaltknopf. Der Bildschirm flackerte auf.
Ihre Finger flogen über die Tastatur und tippten eine komplexe Code-Zeichenfolge in ein schwarzes Terminalfenster. Ein hochverschlüsselter Anmeldebildschirm erschien.
Vera beugte sich vor und blinzelte auf den Bildschirm. Sie verstand keine einzige Zeile des Codes, aber die schiere Geschwindigkeit, mit der June tippte, jagte ihr einen Schauer über den Rücken.
Genau in diesem Moment schaltete der an der Wand des VIP-Zimmers montierte Fernseher auf die Abendnachrichten um.
Ein Reporter hielt Cole ein Mikrofon ins Gesicht, als dieser ein Firmengebäude verließ.
„Mr. Compton! Ihre Frau war gestern Abend bei der Gala auffallend abwesend. Ist mit Ihrer Ehe alles in Ordnung?"
Auf dem Bildschirm blieb Cole stehen. Er rückte sein Jackett zurecht, sein Gesicht eine Maske perfekter, höflicher Besorgnis.
„Meine Frau fühlt sich nicht ganz wohl", log Cole geschmeidig in die Kamera. „Sie ruht sich zu Hause aus. Danke für Ihre Besorgnis."
Vera schnappte sich die Fernbedienung und schleuderte sie gegen den Bildschirm. Das Plastik zersplitterte am Glas und hinterließ einen spinnennetzartigen Riss über Coles lächelndem Gesicht.
„Heuchlerischer Bastard!", schrie Vera.
June zuckte bei dem Lärm nicht zusammen. Sie blickte auf den gesprungenen Bildschirm, ihre Finger ruhten auf der Enter-Taste ihres Laptops.
„Lass ihn nur lächeln", sagte June, ihre Stimme zu einem tödlichen Flüstern gesenkt. „Er wird nicht mehr lange lächeln."