Kapitel 3
CARA POV:
Der Weg zurück vom Anwesen der Wolffs war ein Albtraum. Nik klammerte sich an mich, seine kleinen Schultern zuckten vor Schluchzen. "Mama", fragte er immer wieder, seine Stimme war kaum hörbar. "Warum wollte Papa mich nicht mehr? Hat er mich nicht lieb?"
Mein Herz zerbrach in tausend Stücke. Ich drückte ihn fest an mich. "Nein, mein Schatz. Das stimmt nicht. Papa ist einfach nur... verwirrt. Aber ich bin da. Ich bin immer für dich da. Und wir haben eine ganz neue Familie, die dich sehr liebhaben wird." Ich zwang mich, meine Stimme stark klingen zu lassen, obwohl ich innerlich zerrissen war.
Nik hob den Kopf, seine Augen waren rot und geschwollen. "Eine neue Familie? Aber ich will doch meinen Papa." Er hielt den kleinen Spielzeug-Löwen fest, den Thiemo ihm vor Wochen geschenkt hatte. Ein Überbleibsel einer Zeit, die sich schon jetzt wie eine ferne Erinnerung anfühlte.
"Ich weiß", murmelte ich. "Aber manchmal ändern sich die Dinge. Manchmal ist es besser, wenn wir mit den Menschen zusammen sind, die uns wirklich lieben und beschützen. Und diese neue Familie… sie wird dich lieben, wie niemand zuvor."
Er sah mich skeptisch an. "Aber... wird Papa mich dann nie wieder liebhaben?"
Ich schluckte schwer. Die Worte blieben mir im Hals stecken. Wie sollte ich einem Fünfjährigen erklären, dass sein Vater ihn fallen gelassen hatte wie eine heiße Kartoffel, um eine profitable Ehe einzugehen? "Er... er wird es vielleicht bereuen, mein Schatz. Aber wir können nicht darauf warten. Wir müssen nach vorne blicken. Willst du uns nicht eine Chance geben? Diesen Großeltern, die dich so sehr lieben werden?"
Er zögerte, seine kleinen Finger streichelten das Fell des Löwen. "Ich möchte aber trotzdem nochmal mit Papa feiern. Nur noch einmal. Er hat mir doch versprochen, dass wir zusammen meinen Geburtstag feiern."
Ein Stich durchfuhr mich. Er wollte immer noch an diesem Versprechen festhalten. Ich wusste, dass es Thiemo nicht im Traum einfallen würde, sein Wort zu halten, aber ich konnte Nik diesen letzten Funken Hoffnung nicht nehmen. Nicht, nachdem ich ihm gerade die halbe Welt zerstört hatte.
"In Ordnung", sagte ich. "Wir werden versuchen, noch einmal mit ihm zu feiern. Aber wenn er nicht kommt, dann... dann musst du stark sein, mein Liebling. Und wissen, dass Mama dich über alles liebt."
Nik nickte traurig. "Okay, Mama."
Ich wusste, dass es ein Fehler war, ihm diese Illusion zu lassen. Aber ich konnte seinen Schmerz nicht ertragen.
Ein paar Tage später, an Niks echtem Geburtstag, warteten wir. Ich hatte einen kleinen Kuchen gebacken, Kerzen aufgestellt. Nik saß auf einem Stuhl, seine Augen auf die Tür geheftet, bereit, seinen Vater zu umarmen. Eine Stunde verging. Zwei. Thiemo kam nicht.
Ich rief ihn an, meine Stimme war angespannt. Die Mailbox. Ich versuchte es noch einmal. Wieder die Mailbox.
Nik sah mich an, seine kleine Lippe zitterte. "Mama... kommt Papa nicht?"
Ich schüttelte den Kopf, meine Augen waren voller Tränen. "Ich glaube nicht, mein Schatz."
Er stand auf, ging zum Tisch und pustete die Kerzen aus, ohne sich etwas zu wünschen. Dann drehte er sich zu mir um. "Er ist Herr Wolff", sagte er, seine Stimme war klein, aber fest. "Und er ist nicht mein Papa." Er lächelte mich an, ein gezwungenes, tapferes Lächeln, das mein Herz noch mehr zerriss. Er wollte stark sein für mich.
Ich zog ihn in meine Arme und weinte still. Die Wut, die ich auf Thiemo empfand, war unermesslich. Wie konnte ein Vater sein eigenes Kind so behandeln?
Gerade als ich dachte, es könnte nicht schlimmer kommen, klingelte mein Handy. Eine SMS von Thiemo. Ich zögerte, bevor ich sie öffnete.
„Cara, es tut mir leid, dass ich am Geburtstag nicht da sein konnte. Wir haben heute Abend eine kleine, private Feier in der Fabrik. Nur ein paar enge Freunde. Ich dachte, du und Nik könnten vorbeikommen. Es wäre schön, wenn Nik mich sehen könnte. Und Joleen möchte sich auch entschuldigen. "
Mein Magen krampfte sich zusammen. Eine private Feier? Und Joleen wollte sich entschuldigen? Das klang zu gut, um wahr zu sein. Es klang nach einer Falle.
Aber dann sah ich Niks Gesicht. Er hatte meine Augen aufmerksam beobachtet, während ich die Nachricht las. "Was steht da, Mama?"
"Dein... Herr Wolff hat uns zu einer kleinen Feier eingeladen", sagte ich vorsichtig.
Nik sah mich mit großen Augen an. "Eine Feier? Ist das meine Geburtstagsfeier? Hat er es sich doch noch überlegt?" Ein Funken Hoffnung flammte in seinen Augen auf, den ich nicht auslöschen konnte. "Vielleicht hat er mir ein Geschenk gemacht! Ich bekomme doch immer ein Geschenk!"
Ich seufzte leise. Ich wusste, ich durfte nicht nachgeben. Aber wie konnte ich ihm diesen letzten Strohhalm der Hoffnung verwehren? Ich würde ihm die Wahrheit zeigen müssen.
"Gut, mein Schatz", sagte ich. "Wir werden hingehen. Aber wir gehen nur, um zu sehen, was für eine Feier das ist. Und dann gehen wir wieder."
Nik sprang auf, seine Traurigkeit war wie weggeblasen. "Juhu! Wir gehen zu Papa! Er hat mich doch nicht vergessen!" Er zog an meiner Hand, seine Augen strahlten. "Komm, Mama! Lass uns schnell fertig machen!"
Ich ließ mich von ihm mitziehen, mein Herz war schwer wie Blei. Ich wusste, dass ich ihn in eine weitere Enttäuschung führte. Aber ich musste es tun. Er musste es selbst sehen. Er musste wissen, dass sein Vater ihn endgültig aufgegeben hatte. Und dann, erst dann, konnten wir wirklich nach Hause gehen.