Kapitel 3
ELARA VOGT POV:
Seraphina lag auf dem kalten Stein des Podests, ihre Atemzüge kamen in inszenierten, mitleiderregenden Schluchzern. „Es ist in Ordnung“, flüsterte sie, laut genug, damit die Ältesten in der Nähe es hören konnten. „Sie ist nur … verwirrt. Ich vergebe ihr.“
Ihre Vorstellung war makellos. Sie war das Bild der Anmut und Vergebung, eine großmütige zukünftige Luna, während ich als der verrückte, gewalttätige Omega dargestellt wurde. Das Murmeln des Rudels wandte sich gegen mich, ihre Sympathie verlagerte sich vollständig auf sie.
Lucian kniete neben Seraphina nieder, seine Berührung auf ihrer Schulter war sanft. Dann erhob er sich, seine Augen loderten vor einer Wut, die ich noch nie auf mich gerichtet gesehen hatte. „Bist du wahnsinnig?“, brüllte er, seine Stimme hallte in der fassungslosen Stille wider.
Er wandte sich an das Rudel, seine Hand deutete auf mich, als wäre ich ein Stück Müll. „Dieser Wolf und ich haben keine Verbindung“, erklärte er, seine Stimme kalt und absolut. „Sie ist nichts weiter als ein rangniedriger Omega mit einer erbärmlichen, kranken Besessenheit.“
Jedes Wort war ein körperlicher Schlag, der mir den Atem raubte. Das war es. Die endgültige, öffentliche Demütigung.
Er fixierte seinen Blick auf mich. Der Mond stand jetzt direkt über uns, sein kaltes Licht tauchte uns ein, ein stiller Zeuge der Gräueltat, die er im Begriff war zu begehen.
„Ich, Alpha Lucian Schwarzwald, verstoße dich, Elara Vogt, als meine Gefährtin.“
Die Worte, in die heilige Stille gesprochen, zerschmetterten die Welt um mich herum. Ein Schmerz, wie ich ihn noch nie gekannt hatte, riss durch meine Seele. Es war kein sauberer Schnitt, sondern ein gewaltsames, brutales Zerreißen. Es fühlte sich an, als würde ein lebenswichtiger Teil von mir, der Teil, der mich mit ihm, mit meiner anderen Hälfte verband, aus meiner Brust gekratzt, eine rohe, klaffende Wunde hinterlassend.
Bluttränen strömten aus meinen Augen, ein Zeugnis der spirituellen Gewalt, die mir angetan wurde. Die alten Gesetze des Rudels verlangten eine Antwort. Ich musste akzeptieren, sonst wäre die Verstoßung unvollständig und würde uns beide in einer qualvollen Schwebe lassen.
Meine Stimme war ein gebrochenes Flüstern, aus einer von Qual zugeschnürten Kehle gepresst. „Ich, Elara Vogt, akzeptiere deine Verstoßung.“
Das Band zerriss. Die Welt wurde grau. Der lebendige Duft von Kiefern und Sturm, der ihn immer definiert hatte, wurde zu Asche in meiner Nase.
Später in dieser Nacht kam er zu meiner kleinen Hütte. Ich lag zusammengerollt auf meiner Pritsche und zitterte in der Hülle meines eigenen Körpers. Er klopfte nicht. Die Tür öffnete sich einfach, und er war da.
Er versuchte, mich zu berühren, aber ich zuckte zurück.
„Elara, du musst verstehen“, sagte er mit leiser, eindringlicher Stimme, ein Politiker, der Schadensbegrenzung betrieb. „Meine Verbindung mit Seraphina ist rein politisch. Ihre Familie kontrolliert die Silberminen im Osten. Diese Allianz ist für die Zukunft des Schwarzmond-Rudels.“
Die Worte waren hohl, bedeutungslos.
„Vertrau mir“, flehte er, seine Stimme sank zu einem verschwörerischen Flüstern. „Gib mir ein Jahr. Höchstens zwei. Sobald meine Position gesichert ist, werde ich sie beiseiteschieben. Dann können wir zusammen sein. Ich werde dich zu meiner wahren Luna machen, die ich verborgen halte, mein echter Schatz.“
Er verteidigte nicht sie; er verteidigte seine Wahl. Er rechtfertigte seinen Ehrgeiz. „Ihre Familie ist mächtig, Elara. Du musst geduldig sein. Du musst das zum Wohle des Rudels tun.“
Ich sah ihn an, wirklich sah ihn an. Der Mann, den ich liebte, war verschwunden. An seiner Stelle stand ein Fremder, ein Politiker, dessen Herz von Ehrgeiz regiert wurde, nicht von Liebe. Die letzten Funken meiner Zuneigung für ihn erloschen, ersetzt durch einen eiskalten Hass.
Die Qual der Verstoßung, kombiniert mit der Beleidigung seiner erbärmlichen Lügen, trieb meine Trauer an ihre absolute Grenze. Und in diesem Abgrund aus Schmerz und Verrat begann etwas tief in mir, etwas Uraltes und Ruhendes, sich zu regen.
Eine Kraft, von der ich nie wusste, dass ich sie besaß, erwachte.