Kapitel 3

Kapitel 3

Lia hatte vermutet, dass es ein Fehler sein würde, nach Little Town zu kommen. Aber sie hätte nie gedacht, dass sich diese Intuition so schnell als richtig erweisen würde.

Kaum hatte sie sich von dem Schock der Straße erholt – diese Vision des Tieres, diese im Regen glitzernden Reißzähne –, musste sie sich nun dazu entschließen, an einem Ort zu leben, an dem Wölfe ein Teil der Dekoration zu sein schienen. Charmant.

Sie waren vor einer kleinen Apotheke mit verblasster Fassade stehen geblieben. Ihre Mutter war gegangen, um etwas zu kaufen, um ihre Schmerzen zu lindern und eine Tüte mit Lebensmitteln zu füllen. Die Luft im Auto war stickig geworden; Lia musste atmen.

Sie ging hinaus. Die kalte Abendluft fiel ihr wie eine wohltuende Ohrfeige entgegen. Sie holte tief Luft. Die Feuchtigkeit drang durch seine Kleidung, aber dieser eisige Biss hatte etwas Beruhigendes, fast Notwendiges nach der angestauten Anspannung.

- „Ich kenne diesen verlorenen Blick nur zu gut", rief eine Stimme hinter ihr.

Sie musste sich nicht umdrehen, um zu erraten, mit wem sie es zu tun hatte.

- „Wenigstens jemand, der es versteht", antwortete sie und strich sich geistesabwesend eine feuchte Haarsträhne aus der Stirn.

Seine Mutter lächelte müde.

- Du weißt ganz genau, dass ich keine Wahl hatte, Lia. Das ist das Haus deines Vaters.

- „Oh, bitte", seufzte Lia mit verschränkten Armen. Du hättest es durchaus verkaufen können. Aber nein, wir mussten kommen und uns dort begraben.

Der Tonfall seiner Mutter wurde plötzlich härter.

- Wie kann man das sagen? Das ist alles, was er uns hinterlassen hat, Lia. Dieser Bungalow ist die letzte Spur von ihm auf dieser Erde. Es ist nicht nur ein altes Grundstück, es ist... das, was er wollte, dass wir es behalten. Und ich werde das respektieren.

Seine Worte hallten wie eine Peitsche durch die Luft. Lia sah den zusammengepressten Kiefer ihrer Mutter und ihren unregelmäßigen Atem. Sie versuchte, ihre Wut herunterzuschlucken, aber der Groll brannte in ihren Adern.

- „Wenn er nur Vater gewesen wäre, bevor er eine Erinnerung war", flüsterte sie mit säuerlichem Ton.

- „Lia, sei vorsichtig, was du sagst", warnte ihre Mutter mit scharfer Stimme.

- Oh, ich muss mich nicht an Manieren erinnern, Mama. Können wir jetzt gehen? Ich kann es kaum erwarten, unseren *Familienpalast* zu entdecken.

Der Sarkasmus des jungen Mädchens ließ ihre Mutter das Gesicht verziehen, aber sie antwortete nicht. Was konnte sie sagen? Renard war ein Charmeur gewesen, ein Mann voller Versprechen und Abschiede. Ein unbeugsamer Ehemann, ein abwesender Vater. Lia hatte seine Augen geerbt, aber auch seine Wut. Und sie hatte Recht, es zu wollen.

Ein gedämpftes Gelächter ertönte hinter der Glasscheibe: Rex hatte sich gerade hinausgebeugt, in der Hoffnung, ein paar Bruchstücke ihres Gesprächs mitzubekommen.

- Steig ins Auto, befahl ihre Mutter.

Der Junge gehorchte sofort, etwas verlegen.

- „Zu spät, ich habe nichts gehört", murmelte er enttäuscht.

Lia verdrehte die Augen und stieg wortlos ins Auto. Schweigend warf Trevor einen vorsichtigen Blick auf seine Schwester: Er kannte sie gut genug, um sie nicht zu ärgern, als sich in ihr ein Sturm zusammenbraute.

Nach mehreren Stopps und ein paar Fragen an die Einheimischen – verschlossene, misstrauische, aber höfliche Gesichter – fanden sie endlich ihr Ziel.

Rex sprang als Erster mit leuchtenden Augen aus dem Auto. Ihre Mutter folgte ihr mit einem erschöpften Seufzer, dann Trevor mit einem neugierigen Gesichtsausdruck. Lia saß ein paar Sekunden da und blickte durch die Windschutzscheibe auf die Fassade, bevor sie widerstrebend ausstieg.

Das Haus stand vor ihnen, massiv, seltsam.

Ein zweistöckiger Bungalow mit einem schrägen Dach, das das Obergeschoss zu verschlingen schien. Eine große Veranda umgab das Gebäude und wurde von dunklen Holzsäulen getragen. Die in abblätterndem Weiß gestrichenen Fensterläden bildeten einen Kontrast zur dunkelbraunen Farbe der Rahmen. Der Weg verlief unter der widerspenstigen Vegetation, die an den Steinen knabberte.

Lia blickte zu den riesigen Bäumen hinauf, die das Grundstück umgaben. Die Äste waren über dem Haus verheddert wie ein lebendes Netz. Eine wilde, fast bedrückende, aber furchtbar schöne Kulisse.

Entgegen allen Erwartungen verspürte sie einen Schauer der Bewunderung. Dieser Ort hatte etwas Beunruhigendes, aber auch Faszinierendes.

- Wir müssen wohl die Ärmel hochkrempeln? fragte Trevor und ließ seinen Blick über das hohe Gras schweifen, das den Garten überwucherte.

- „Genau", antwortete ihre Mutter mit einem müden Lächeln.

Alle drei lachten einen Moment. Aber Lia fühlte etwas anderes. Ein unsichtbares Gewicht, eine Präsenz, die irgendwo im Schatten der Bäume lauert.

Jemand – oder etwas – beobachtete sie.

Jetzt die ganze Geschichte lesen
Unterstütze den Autor und inspiriere weitere tolle Geschichten von Moboreader
Alle Kapitel freischalten

Verbunden durch Blut und Verlangen

Kapitel 3
Kapitel
Anpassen
Nächstes Kapitel