Kapitel 3

Roger ignorierte die fassungslosen Mienen der Müllers, und sein strenger Blick wurde weicher, als er sich Grace zuwandte. „Komm mit. Deine Mutter wartet zu Hause auf dich.“

Diese Worte lösten in Grace eine seltsame Welle von Emotionen aus, die sie noch nie zuvor gespürt hatte.

Für einen Moment fiel es ihr schwer, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Es fühlte sich an, als hätte die Kälte des Winters einen warmen Sonnenstrahl berührt. Fremd und neu, aber sie konnte sich nicht dazu überwinden, sich abzuwenden.

Ellas Hand glitt in ihre. Mit leiser Stimme fragte sie: „Grace, Herr Holden ist für dich da. Möchtest du mit ihm gehen?“

Grace hob ihr Kinn und musterte Rogers Gesicht. Ihr Ton war sanft, aber ihre Frage war direkt. „Werden Sie mich jemals ohne Vorwarnung wegschicken?“

Roger spürte einen unerwarteten Stich in seiner Brust. Anfangs hatte die Adoption einer Tochter für ihn wenig Bedeutung gehabt, er hatte nur zugestimmt, um die Hoffnungen seiner Frau zu erfüllen. Für eine so wohlhabende Familie wie die ihre war die Aufnahme eines Kindes kaum eine große Sache.

Doch nun, als er in Graces ängstliche, eigensinnige Augen blickte, die ihn an seine Frau erinnerten, wurde ihm klar, dass er entschlossen war, sie für sich zu behalten.

Er trat etwas näher und warf ihr einen Blick zu, der sowohl unerschütterlich als auch freundlich war. „Niemals. Von diesem Moment an gehörst du zur Familie Holden. Das wird sich niemals ändern.“

Ellas angespannte Schultern entspannten sich, als Erleichterung sie durchströmte. Sie vertraute darauf, dass Rogers Wort so gut wie in Stein gemeißelt war.

Mit einem kleinen Nicken trat Grace vor. Ringsum beobachtete die Familie Müller schockiert, wie sie auf die Flotte von Luxusautos zuging, die ein Leben im Überfluss markierten.

Von diesem Moment an würde sie nicht länger übersehen werden. Sie würde als geliebte Tochter der Holdens geschätzt und beschützt werden.

Ausdrücke von Unglauben und Unsicherheit huschten über die Gesichter der Familie Müller.

Dennoch schien die Befreiung von der Verantwortung für Grace wie ein Segen im Unglück.

Außerdem war in der Welt der gesellschaftlichen Elite nichts jemals einfach. Graces feuriger Geist könnte sie bald wieder ins Waisenhaus zurückbringen, denn die Geschichte wiederholt sich bekanntlich immer wieder.

... ...

Bald erreichten die Luxusautos das Zentrum der Stadt.

Grace saß schweigend da, ihr Rucksack lag auf ihren Knien. Darin befanden sich nur wenige Kleidungsstücke, ein kleiner Laptop und ein Handy mit einem ganz eigenen Design.

Plötzlich vibrierte ihr Handy.

Mit einer schnellen Bewegung entsperrte sie den Bildschirm und las eine verschlüsselte Nachricht. „Also, Frau Volger hat dir eine neue Familie vermittelt?“ Die Worte klangen vorsichtig, fast zögerlich.

Sie tippte eine einfache Antwort. „Ja.“

Ihre Gewohnheit, kurz angebunden zu sein, schien den Absender nicht zu stören, der schnell nachhakte. „Die Holdens haben ihre eigenen Komplikationen. Sollten wir die Dinge überdenken, da sie nicht Teil unseres Plans sind?“

Mit gesenktem Blick schwieg sie, in Gedanken verloren.

Momente vergingen, bevor die nächste Nachricht erschien. „Wie auch immer, melde dich, wenn du etwas brauchst. Soll ich in deinem Namen handeln?“

Grace antwortete ohne zu zögern: „Nimm alles zurück, was ich den Müllers gegeben habe. Wenn sie glauben, allein zurechtzukommen, dann sollen sie es tun.“

Als sie damals zur Familie Müller kam, hatte sie all ihre Anstrengungen darauf verwendet, ihnen zu helfen. Ihr Vermögen war dank ihrer Unterstützung in die Höhe geschnellt.

An anderer Stelle im Auto klingelte Rogers Handy. Er nahm ab, und Julias warme, aufgeregte Stimme drang durch die Leitung. „Schatz, ist unsere Tochter bei dir? Sag mir, was sie gerne isst, und ich sorge dafür, dass der Koch ihre Lieblingsgerichte zubereitet!“

Als er Graces Spiegelbild im Rückspiegel erblickte, verzogen sich Rogers Lippen zu einem sanften Lächeln. „Ja, sie ist hier bei mir. Sie ist wirklich einzigartig.“

Stunden vergingen, während das Auto über endlose Autobahnabschnitte fuhr und schließlich langsamer wurde, als sich ihr Ziel näherte.

Gipfelresidenz, das Kronjuwel der Stadt, war das Zuhause der Familie Holden. Nur die einflussreichsten und reichsten der Stadt konnten sich einen Platz in dieser exklusiven Nachbarschaft leisten.

Unter Anwesen, bei denen selbst ein kleines Stück Land als Preis galt, prahlte das Haus der Holdens mit weitläufigen Gärten und einem künstlichen See, der in der Nachmittagssonne schimmerte.

Vor Jahren hatte Lukas es gewagt, sich vorzustellen, diese Nachbarschaft sein Zuhause zu nennen, obwohl solche Träume immer unerreichbar geblieben waren.

Ihre Luxusautos glitten eine makellose Auffahrt hinunter, und Grace blickte durch das Fenster, die prachtvolle Architektur des Anwesens bewundernd, die einem königlichen Palast Konkurrenz machte.

Roger stieg zuerst aus und ging um den Wagen herum, um ihr die Tür zu öffnen. Er führte sie über verschlungene Gartenwege, auf denen jede Blüte perfekt arrangiert schien.

Im Inneren wartete bereits der Rest der Familie Holden im geräumigen Wohnzimmer.

Im Zentrum saß eine ältere Frau auf dem Ehrenplatz. Obwohl sie kein Wort sprach, zog allein ihre Anwesenheit die Aufmerksamkeit aller auf sich.

Perfekt frisiertes silbernes Haar umrahmte ihr Gesicht, und Perlen glitzerten an ihren Ohren – Greta Holden, die angesehene Hausherrin.

Zu Gretas Rechter saß Karl, ihr Ältester, zusammen mit seiner eigenen Familie. Roger war ihr zweiter Sohn. Die Jüngste, Eliana, lebte nun mit ihrem Mann im Ausland. Neben Greta stand ein junges Mädchen in einem frischen weißen Kleid, Gianna White, eine Verwandte, die Greta bei sich aufgenommen hatte.

„Mama, das ist meine Tochter, Grace“, sagte Roger mit ungewohnter Zärtlichkeit.

Sofort trat eine plötzliche Stille im Raum ein.

Mit ruhiger Sicherheit hob Grace ihren Kopf und erwiderte ihre Blicke. Kein Anflug von Unbehagen zeigte sich in ihrem Ausdruck.

Ihre schlichte weiße Bluse verlieh ihr eine Aura stiller Zuversicht, die selbst in der opulenten Umgebung auffiel.

Für einen kurzen Moment war die Familie verblüfft. Sie hatten ein schüchternes Mädchen frisch aus dem Waisenhaus erwartet, aber die Selbstsicherheit, die sie ausstrahlte, verschlug ihnen die Sprache.

Julia konnte sich nicht länger zurückhalten und trat in ihrem fließenden Kleid vor. Ihre Arme schlossen sich fest um Grace, ihre Stimme zitterte vor Glück. „Grace, ich hätte nie gedacht, dass wir auf diese Weise zusammenfinden würden. Mein Herz ist so erfüllt. Wir sind jetzt eine Familie, und nichts wird das ändern.“

Sie behielt ihr Geheimnis für sich und flüsterte jeden Abend diesen Wunsch, in der Hoffnung, dass Grace wieder frei sein würde, damit sie ihr ein richtiges Zuhause geben könnte.

In Julias Umarmung gehüllt, nahm Grace den zarten Duft von Irisparfüm wahr und spürte eine Welle der Geborgenheit. Zum ersten Mal verstand sie, was Wärme wirklich bedeutete.

Jetzt die ganze Geschichte lesen
Unterstütze den Autor und inspiriere weitere tolle Geschichten von Moboreader
Alle Kapitel freischalten

Unaufhaltbare Brillanz: Mit der Welt in ihrer Hand

Kapitel 3
Kapitel
Anpassen
Nächstes Kapitel