Kapitel 1

Die Kristallflöte in Eliza Solomons Hand drohte zu zerspringen.

Sie konnte die Haarrisse im Glas spüren, die gegen ihre Handfläche drückten – ein perfektes Spiegelbild dessen, wie sich ihre Brust anfühlte: eng, zerbrechlich und nur einen Atemzug davon entfernt, zu explodieren.

„Er sieht glücklich aus, nicht wahr?“

Die Stimme kam von ihrer Linken. Eine Dame der Gesellschaft in smaragdgrüner Seide, jemand, den Eliza gekannt hatte, bevor das Solomon-Imperium zerfiel, bevor sie zum bemitleidenswerten Mündel der Familie Hyde wurde. Sie waren nicht nur ihre Vormünder; sie waren die eisenharten Treuhänder des Solomon-Vermögens, ein riesiges Vermögen, das sie nicht anrühren durfte, bis sie fünfundzwanzig wurde oder heiratete. Anson kontrollierte als Haupttreuhänder jeden einzelnen Dollar.

Eliza antwortete nicht. Sie konnte nicht. Ihre Kehle hatte sich irgendwann zwischen dem Vorspeisengang und dem Moment zugeschnürt, als Anson Hyde mit Claudine Chapman am Arm den Ballsaal betrat.

Anson sah mehr als nur glücklich aus. Er sah siegreich aus.

Er stand in der Mitte des Raumes, unter dem riesigen Kronleuchter, der mehr kostete als Elizas gesamtes Studium. Seine Hand ruhte in Claudines Kreuz, seine Finger besitzergreifend auf dem weißen Stoff ihres Kleides gespreizt. Er beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr, das Claudine dazu brachte, den Kopf in den Nacken zu werfen und zu lachen.

Der Klang war scharf. Er schnitt durch die schwere Orchestermusik und bohrte sich direkt hinter Elizas Rippen.

Es war dasselbe Lachen, das Claudine aufsetzte, wenn sie sich über Elizas gebrauchte Schuhe lustig machte.

„Entschuldigen Sie“, murmelte ein Kellner und stieß mit einem schweren Tablett gegen Elizas Schulter.

Champagner schwappte über den Rand ihres Glases und tränkte das Mieder ihres grauen Kleides. Er war kalt und klebrig.

Der Kellner entschuldigte sich nicht. Er warf ihr einen Blick zu, erkannte sie als den Wohltätigkeitsfall und verzog spöttisch die Lippen, bevor er weiterging, um die Gäste zu bedienen, die wirklich zählten.

Elizas Magen verkrampfte sich. Die Demütigung war ein physisches Gewicht, das auf ihre Schultern drückte, bis sich ihre Knie schwach anfühlten. Sie brauchte Luft. Sie musste von hier weg, durfte nicht zusehen, wie der Junge, der die Schlüssel zu ihrem goldenen Käfig hielt, seine Verlobung mit dem Mädchen bekannt gab, das diesen Käfig zur Hölle auf Erden gemacht hatte. Das Versprechen, sie zu „beschützen“, war immer eine Lüge gewesen. Es war ein Versprechen, sie zu besitzen.

Sie drehte sich um und ging in Richtung Bibliothek, den Kopf gesenkt.

Die Bibliothek war dunkel und roch nach altem Papier und Zitronenpolitur. Es war der einzige Raum im Anwesen der Hydes, in dem sich Eliza jemals sicher gefühlt hatte. Sie schloss die schwere Eichentür hinter sich und lehnte ihre Stirn gegen das Holz, nach Luft ringend. Ihre Lungen brannten.

Die Türklinke drehte sich in ihrer Hand.

Eliza sprang zurück und wischte sich hektisch die Augen. Sie erwartete Anson. Sie erwartete, dass er hereinkommen und ihr sagen würde, sie solle aufhören, eine Szene zu machen, für die Kameras zu lächeln und dankbar für das Dach über dem Kopf zu sein.

Aber die Gestalt, die den Türrahmen ausfüllte, war nicht Anson.

Es war ein Mann wie eine Wand in einem schwarzen Smoking, der das gedämpfte Licht des Raumes zu verschlucken schien. Er war größer als Anson, breiter, und hatte eine Stille an sich, die die Luft in der Bibliothek um zehn Grad abkühlen ließ.

Dallas Koch.

Eliza stockte der Atem. Warum war er hier? Der CEO von Koch Industries, der mächtigste Mann der Stadt, versteckte sich nicht in Bibliotheken. Er sah Leute wie Eliza nicht einmal an.

Er stand da, seine Hand immer noch auf dem Messingknauf, und seine dunklen Augen musterten ihr Gesicht. Er nahm den Champagnerfleck auf ihrem Kleid wahr, die roten Flecken auf ihren Wangen und die Art, wie ihre Hände so heftig zitterten, dass die Kristallflöte klirrte.

Für eine Sekunde bekam die stoische Maske, die er trug – die ihn wie eine aus Granit gehauene Statue aussehen ließ – einen Riss. Ein Muskel in seinem Kiefer zuckte.

Er trat ein und schloss die Tür, wodurch der Lärm der Party ausgesperrt wurde.

Er griff in seine Brusttasche und zog ein Taschentuch hervor. Es war aus weißer Seide, zu einem perfekten Quadrat gefaltet. Wortlos hielt er es ihr hin.

Eliza starrte es an. „Ich ... mir geht es gut.“

„Ihnen geht es nicht gut“, sagte Dallas. Seine Stimme war ein tiefes Grollen, das in dem stillen Raum vibrierte. „Nehmen Sie es.“

Eliza streckte die Hand aus. Ihre Finger streiften seine Handfläche, als sie die Seide nahm. Ein Ruck statischer Elektrizität knisterte zwischen ihnen, scharf und überraschend. Sie zuckte zusammen, aber er rührte sich nicht.

Das Taschentuch roch nach Sandelholz und etwas Sauberem, wie Regen auf Asphalt. Es roch teuer. Es roch nach Stabilität.

Aus dem Flur drang Ansons Stimme durch das dicke Holz der Tür. Er brachte einen Toast aus.

„... auf meine wunderschöne Verlobte, Claudine ...“

Die Worte waren wie ein physischer Schlag in Elizas Kniekehlen. Ihre Beine gaben nach.

Sie schlug nicht auf dem Boden auf.

Dallas bewegte sich mit einer Geschwindigkeit, die für einen Mann seiner Größe unmöglich schien. Im einen Moment stand er noch einen Meter entfernt, und im nächsten schlang sich sein Arm um ihre Taille und fing sie auf.

Sein Griff war fest. Solide. Er hielt sie mühelos aufrecht, sein Arm wie eine Stahlstange an ihrer Wirbelsäule.

Eliza blickte auf. Ihr Blick verschwamm vor Tränen und ließ seine Züge verschwimmen, aber sie konnte die Intensität in seinen Augen sehen. Er sah sie nicht mit Mitleid an. Er sah sie mit einer erschreckenden Art von Konzentration an.

„Bring mich weg“, flüsterte sie.

Die Worte kamen über ihre Lippen, bevor sie sie aufhalten konnte. Es war ein verzweifeltes Flehen, geboren aus Herzschmerz und dem plötzlichen, überwältigenden Instinkt, dass dieser Mann das Einzige im Raum war, das nicht versuchte, sie zu zerquetschen.

Dallas erstarrte. Seine Augen verdunkelten sich, wechselten von Braun zu einem beinahe Schwarz. Er blickte auf sie herab, wog das Gewicht ihrer Bitte ab und kalkulierte den Preis.

„Es gibt kein Zurück, wenn wir gehen, Eliza“, warnte er. Seine Stimme war tief, mit einer rauen Kante. „Wenn du mit mir aus dieser Tür gehst, kommst du nicht in dieses Haus zurück.“

Eliza nickte hektisch. Die Tränen liefen ihr nun über, heiße Spuren auf ihrer kalten Haut. „Bitte. Bring mich einfach hier raus.“

Dallas zögerte nicht. Er verlagerte seinen Griff und führte sie zum Dienstbotenausgang, der hinter einem Wandteppich verborgen war. Er bewegte seinen Körper, um sie vor den Überwachungskameras abzuschirmen, und verdeckte sie mit seinen breiten Schultern.

Die Nachtluft draußen war beißend kalt. Ein schnittiger, mattschwarzer Maybach stand mit laufendem Motor am Straßenrand und sah aus wie ein Raubtier, das in den Schatten lauerte.

Dallas öffnete die schwere Tür und half ihr hinein. Der Innenraum roch nach Leder und Abgeschiedenheit. Er schlug die Tür zu, und die Stille war absolut. Die Musik, das Lachen, Ansons Stimme – alles war verschwunden.

Eliza sackte in den Sitz. In der Mittelkonsole stand eine Kristallkaraffe. Sie dachte nicht nach. Sie goss einfach bernsteinfarbene Flüssigkeit in ein Glas und trank es in einem Zug aus.

Es brannte. Es brannte den ganzen Weg hinunter in ihren leeren Magen und setzte ihr Blut in Brand.

Dallas setzte sich auf den Fahrersitz. Er sah sie nicht an. Er umklammerte das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.

„Wohin fahren wir?“, fragte sie, ihre Stimme leicht lallend, als der Alkohol mit der Wucht eines Lastwagens in ihr System einschlug.

„Zu mir“, sagte Dallas.

Das Auto setzte sich in Bewegung. Die Lichter der Stadt verschwammen zu Neonstreifen. Eliza fühlte sich schwindelig, haltlos. Der Alkohol vermischte sich mit dem Adrenalin und der Trauer und erzeugte einen giftigen Cocktail in ihrem Gehirn.

Sie betrachtete Dallas' Profil. Er war Azaleas Vater. Er war altes Geld. Er war Macht.

„Ich brauche einen Schild“, murmelte sie, die Worte purzelten nur so aus ihr heraus. „Ich brauche eine Mauer, die er nicht überwinden kann.“

Dallas warf ihr einen Blick im Rückspiegel zu. Sein Gesichtsausdruck war unleserlich.

Sie kamen an einem Gebäude an, das die Skyline durchstieß. Die Fahrt im Aufzug war ein verschwommener Anfall von Reisekrankheit. Als sich die Türen zum Penthouse öffneten, stolperte Eliza.

Wieder war Dallas da und stützte sie. Seine Hände auf ihren Armen fühlten sich durch den dünnen Stoff ihres Kleides heiß an.

Sie sah zu ihm auf. Im grellen Licht des Foyers sah er nicht wie ein Retter aus. Er sah gefährlich aus.

„Heirate mich“, platzte es aus ihr heraus.

Die Stille, die folgte, war ohrenbetäubend.

Ja, es war der Alkohol, der sprach, aber es war auch ein verzweifelter, kalkulierter Schachzug. Anson zu heiraten war eine lebenslange Haftstrafe. Aber irgendjemand anderen zu heiraten ... das war die Lücke im Testament ihres Vaters. Es war ihre einzige Ausstiegsklausel. Es war der Überlebensinstinkt eines verwundeten Tieres, das versucht, das eine Raubtier im Wald zu finden, das den Wolf an seiner Kehle töten könnte.

Dallas erstarrte. Die Luft im Penthouse wurde elektrisch, geladen mit einer Spannung, die die Haare auf Elizas Armen zu Berge stehen ließ.

Er lachte nicht. Er sagte ihr nicht, dass sie betrunken war.

Er ging zu einem Wandsafe, der hinter einem Gemälde verborgen war. Er gab einen Code ein, die Pieptöne waren laut in dem stillen Raum. Er zog ein Dokument und einen schweren Füllfederhalter heraus.

Er kam zu ihr zurück und legte das Papier auf den Marmorkonsolentisch.

„Unterschreiben Sie“, befahl er. Seine Stimme war leise, aber sie hatte das Gewicht eines Hammers, der auf einen Resonanzblock schlägt.

Eliza blinzelte und versuchte, sich auf das Papier zu konzentrieren. Die Worte verschwammen. Sie sah die Worte „Heirat“ und „Vereinbarung“.

Die Details waren ihr egal. Sie wollte nur, dass Anson wusste, dass sie weg war. Sie wollte die Brücke so gründlich niederbrennen, dass sie sie nie wieder überqueren konnte.

Sie ergriff den Füller. Ihre Unterschrift war unordentlich, ein zackiges Gekritzel auf der unteren Zeile.

„Erledigt“, flüsterte sie.

Der Füller glitt ihr aus den Fingern und klapperte auf den Marmor. Der Raum kippte zur Seite.

Das Letzte, was sie spürte, war, wie Dallas sie wieder auffing und sie in seine Arme hob, als die Schwärze sie ganz verschluckte.

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Kapitel 2

Das Licht war aggressiv.

Es schnitt durch die bodentiefen Fenster und traf Eliza direkt ins Gesicht. Sie stöhnte, drehte sich auf die andere Seite und griff blind nach dem Wasserglas, das normalerweise auf ihrem Nachttisch stand.

Ihre Hand griff ins Leere.

Sie öffnete einen Spaltbreit ein Auge. Die Decke war zu hoch. Die Stuckleisten waren zu kunstvoll. Und die Laken … das waren nicht ihre kratzigen Polyesterlaken. Das hier war Baumwolle, so glatt, dass sie sich wie Wasser auf ihrer Haut anfühlte.

Die Erinnerung traf sie wie ein körperlicher Schlag.

Die Party. Der Champagner. Dallas.

Eliza setzte sich so schnell auf, dass ihr schwindelig wurde. Der Raum neigte sich und ihr Gehirn pochte in einem rhythmischen, schmerzhaften Takt gegen ihre Schädeldecke. Sie blickte nach unten.

Sie trug ein übergroßes seidenes Pyjamaoberteil für Herren, das ihre Gestalt verschluckte. Der Stoff war unvorstellbar weich auf ihrer Haut und roch schwach nach Sandelholz – sein Duft.

Panik, kalt und schneidend, durchflutete ihre Brust. Sie packte die riesige Bettdecke und zog sie sich bis zum Kinn, während ihr Herz wie ein gefangener Vogel gegen ihre Rippen hämmerte. Ihr eigenes Kleid, das billige graue, war nirgends zu sehen.

Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen. Er war minimalistisch, maskulin und teuer. Dunkles Holz, graue Akzente, keine Unordnung.

Auf dem Nachttisch lag ein Stapel Kleidung, mit militärischer Präzision gefaltet.

Oben auf der Kleidung lagen ein Stück schwerer Karton und eine schwarze Kreditkarte.

Eliza streckte eine zitternde Hand aus. Die Karte war aus schwerem Metall, nicht aus Plastik. Eine Centurion-Karte. Es war eine blanko Zusatzkarte, die nur das Platin-Emblem der Bank trug.

Sie ließ sie fallen, als wäre sie glühende Kohle.

Sie nahm die Notiz in die Hand. Die Handschrift war scharf und kantig.

Trink etwas. Der Code ist dein Geburtstag. - D.

Flashbacks überfielen sie. Die Autofahrt. Die Forderung nach Schutz. Das Papier auf dem Marmortisch.

Unterschreib.

Sie schnappte nach Luft und presste die Hände auf den Mund. Sie hatte dem Vater ihrer besten Freundin einen Antrag gemacht. Und er hatte Ja gesagt.

Sie griff nach ihrem Handy auf dem Nachttisch. Der Bildschirm leuchtete mit einer Flut von Benachrichtigungen auf.

52 verpasste Anrufe von Anson Hyde.

30 Nachrichten von Anson Hyde.

12 Mailboxnachrichten.

Dann eine einzelne Nachricht von einer Nummer, die sie nicht gespeichert hatte, aber sofort erkannte.

Anwälte leiten alles in die Wege. Du bist in Sicherheit. Geh zur Uni.

Dallas.

Eliza starrte auf ihre linke Hand. Dort war ein Ring. Es war ein schlichtes Platinband, elegant und unaufdringlich, aber es fühlte sich schwerer an als eine Fessel.

Sie kletterte aus dem Bett, ihre Beine waren wackelig. Sie griff nach der Kleidung. Ein weicher Kaschmirpullover, dunkle Jeans, frische Unterwäsche. Sie zog sie an. Sie passten.

Sie passten perfekt.

Sie hielt inne, den Pullover auf halbem Weg über den Kopf gezogen. Wie? Woher hatte er Kleidung in genau ihrer Größe? Der Gedanke jagte ihr einen Schauer über den Rücken, aber sie schob ihn beiseite. Damit konnte sie sich jetzt nicht befassen.

Sie musste hier weg.

Sie schnappte sich ihre Tasche und die schwarze Karte – die sie tief in ihre Hosentasche stopfte – und floh aus dem Zimmer.

Das Penthouse war still. Eine Haushälterin staubte im Flur, eine untersetzte Frau mit grauem Haar.

„Guten Morgen, Mrs. –“

Eliza ließ sie nicht ausreden. Sie stürzte zum Aufzug und hämmerte auf den Knopf, halb erwartend, dass er nicht funktionieren würde. Zu ihrer Überraschung blinkte ein grünes Licht auf und die Türen glitten zu. Er hatte ihr bereits Zugang gewährt.

Ihr Handy summte in ihrer Hand. Es war Azalea.

Bibliothek. Sofort. Notfall.

Elizas Magen zog sich zusammen. Wusste sie es?

Vor dem Gebäude winkte sie ein Taxi herbei, wobei ihre Hände so sehr zitterten, dass sie kaum die Tür öffnen konnte. Die Fahrt zur Universität dauerte zwanzig Minuten, aber es fühlte sich an wie zwanzig Sekunden.

Sie rannte über den Campus-Quad und ignorierte die Blicke der Studenten, die wahrscheinlich die Fotos von ihrer Flucht von der Party letzte Nacht gesehen hatten.

Sie fand Azalea in der Bibliothek hinter der Abteilung für Nachschlagewerke auf und ab gehend. Azalea sah manisch aus, ihr blondes Haar war zerzaust, das Handy umklammert.

„Eliza!“ Azalea packte sie am Arm und zerrte sie tiefer in die Regalreihen. „Mein Dad hat mir gerade eine wahnsinnige Menge Geld auf mein Konto überwiesen.“

Eliza erstarrte. „Was?“

„So nach dem Motto ‚Kauf-dir-eine-kleine-Insel‘-Geld“, flüsterte Azalea mit großen Augen. „Er sagte, ich soll mit dir einkaufen gehen. Warum verwöhnt er dich so?“

Azalea sah misstrauisch aus. Ihre Augen verengten sich und musterten Elizas Gesicht.

Elizas Mund wurde trocken. „Ich … ich habe ihm bei einem Projekt geholfen. Einer Übersetzungsarbeit.“

Es war eine schwache Lüge. Eliza studierte Kunstgeschichte, sie war keine Übersetzerin. Azalea nickte langsam, obwohl ein Anflug von Zweifel ihre Gedanken durchzog. Übersetzungsarbeit? Für ihren Vater, der ein ganzes hauseigenes Team von Linguisten hatte? Es klang fadenscheinig, aber Eliza sah so zerbrechlich aus, dass Azalea beschloss, vorerst nicht nachzuhaken.

„Wie auch immer. Wir haben Befehle. Komm mit nach draußen.“

Azalea marschierte mit ihr aus der Bibliothek in Richtung des Studentenparkplatzes.

„Er meinte, dein Auto sei eine Todesfalle“, sagte Azalea über die Schulter. „Was es, um ehrlich zu sein, auch ist. Die Bremsen klingen wie sterbende Katzen. Also habe ich mir die Freiheit genommen, es heute Morgen zu einem Schrottplatz schleppen zu lassen. Gern geschehen.“

Sie erreichten den Parkplatz. Dort stand ein Tieflader mit laufendem Motor, seine leere Ladefläche ein Zeugnis für Azaleas Effizienz. Auf ihrem alten Parkplatz stand ein silberner Aston Martin. Er glänzte in der Sonne und wirkte wie ein Fremdkörper zwischen den verbeulten Civics und Toyotas.

Der Fahrer sprang heraus und ging zu Azalea hinüber. Er reichte ihr einen Funkschlüssel.

Azalea warf ihn Eliza zu.

„Er sagte, das hier ist der Ersatz.“

Eliza fing die Schlüssel auf. Der Anhänger war schwer, aus Leder und Chrom. Sie sah das Auto an. Es war mehr wert als das Haus, in dem sie aufgewachsen war.

„Das kann ich nicht annehmen“, flüsterte Eliza.

„Du musst“, sagte Azalea und verschränkte die Arme. „Du weißt doch, wie er ist. Wenn du es zurückschickst, schickt er einfach zwei.“

Studenten blieben stehen. Handys wurden gezückt. Geflüster machte die Runde.

Ist das Eliza Solomon? Wer hat ihr das gekauft?

Elizas Handy summte erneut. Anson.

Sie drückte den Anruf weg, ihr Daumen traf den roten Knopf mit aggressiver Wucht.

Sie ging zum Auto und drückte den Knopf zum Entriegeln. Die Spiegel klappten aus. Die Lichter blinkten auf.

„Steig ein, Mrs. Koch“, scherzte Azalea und stieß sie in die Rippen.

Eliza zuckte zusammen. Die Anrede traf einen wunden Punkt.

Sie glitt auf den Fahrersitz. Der Geruch von neuem Leder umhüllte sie. Es roch genau wie der Maybach. Es roch nach Dallas.

Sie umklammerte das Lenkrad, ihre Knöchel traten weiß hervor. Sie hatte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und fuhr nun seinen Streitwagen.

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Kapitel 3

Das Café auf dem Campus war laut, eine chaotische Mischung aus zischenden Espressomaschinen und Studenten, die sich über die Zwischenprüfungen beschwerten.

Eliza saß in der Ecknische und umklammerte einen Latte wie einen Rettungsanker. Das Koffein ließ ihre Hände nur noch stärker zittern, aber sie brauchte es, um den Nebel in ihrem Gehirn zu bekämpfen.

Azalea saß ihr gegenüber und scrollte mit verzogenem Gesicht durch Instagram.

„Alle reden darüber, wie du verschwunden bist“, sagte Azalea, ohne aufzusehen. „Claudine postet passiv-aggressive Zitate über ‚Loyalität‘ und ‚Müll, der sich selbst rausbringt‘.“

Eliza zuckte zusammen. Ein Tropfen Schaum kleckerte auf ihren Daumen. „Lass sie reden.“

„Oh, das tue ich“, sagte Azalea düster. „Ich kommentiere jeden einzelnen Post mit Kotz-Emojis.“

Eliza griff nach einer Serviette, um ihre Hand abzuwischen. Bei der Bewegung rutschte der Kaschmirschal, den sie trug, ein wenig zur Seite.

Azalea schnappte nach Luft.

Das Geräusch war so laut, dass sich zwei Leute am Nebentisch umdrehten. Azalea ließ ihr Handy mit einem Klappern auf den Tisch fallen.

„Eliza! Was ist das an deinem Hals?“

Elizas Hand schoss zu ihrem Hals. Sie spürte die empfindliche Stelle direkt unter ihrem Ohr. Ein dunkler, lilafarbener Fleck auf ihrer blassen Haut.

Sie hatte ihn heute Morgen im Spiegel gesehen. Sie erinnerte sich an den heftigen Aufprall, als Dallas sie aufgefangen hatte, und wie ihr Kopf zur Seite geschnellt war. Der Fleck musste daher stammen, oder vielleicht davon, als sie beim Aussteigen aus dem Auto gestolpert war. Die Erinnerung war verschwommen, vom Alkohol getrübt.

„Das ist nichts“, stammelte Eliza und zog den Schal enger. „Ich muss mich gestern Abend beim Hinfallen gestoßen haben.“

„Blödsinn“, zischte Azalea und beugte sich über den Tisch. Ihre Augen waren weit aufgerissen, raubtierhaft. „Das kommt nicht von einem Sturz, das ist ein Knutschfleck. Ein erstklassiger, besitzergreifender ‚Halt dich von ihr fern‘-Knutschfleck. Wer ist er?“

Elizas Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Sie konnte nicht sagen: Dein Dad. Das konnte sie auf gar keinen Fall sagen.

„Es ist ... kompliziert“, sagte Eliza und blickte auf ihre Tasse. „Ein älterer Typ.“

Azaleas Augenbrauen schossen in die Höhe. „Älter? So wie ... in Ansons Alter?“

„Älter“, flüsterte Eliza.

Azalea öffnete den Mund, um zu schreien, aber ihr Handy unterbrach sie. Es begann zu klingeln und vibrierte heftig auf dem Holztisch.

Die Anrufer-ID leuchtete auf: The Bank.

Das war ihr Kontaktname für Dallas.

Azalea ging sofort ran, wobei sich ihre Haltung instinktiv straffte. „Ja, Daddy?“

Eliza hielt den Atem an. Sie konnte das tiefe Grollen von Dallas' Stimme am anderen Ende hören, auch wenn sie die Worte nicht verstehen konnte. Allein das Geräusch ließ die Haare auf ihren Armen zu Berge stehen.

Azalea runzelte die Stirn. „Jetzt sofort? Aber wir haben in einer Stunde eine Vorlesung.“

Sie lauschte noch ein paar Sekunden, dann seufzte sie. „Okay. In Ordnung. Wir kommen.“

Sie legte auf und sah Eliza verwirrt an.

„Er will uns im Flagship-Store in der Innenstadt haben.“

Elizas Magen sank. „Uns beide?“

„Ja. Er sagt, du brauchst ‚angemessene Kleidung‘ für ein Abendessen heute Abend.“

„Abendessen?“, quietschte Eliza.

„Anscheinend.“ Azalea packte ihre Tasche zusammen. „Komm schon. Man lässt The Bank nicht warten.“

Sie gingen zurück zum Parkplatz. Der silberne Aston Martin glänzte in der Sonne und zog die Blicke einer Gruppe von Verbindungsstudenten auf sich.

Eliza schloss das Auto auf. Sie glitt auf den Fahrersitz, das Leder schmiegte sich an ihren Körper. Sie drückte den Startknopf, und der Motor erwachte mit einem tiefen, kehligen Grollen zum Leben, das durch den Fahrzeugboden vibrierte.

„An das Highlife gewöhnst du dich schon noch“, lachte Azalea und schnallte sich an.

Eliza fuhr vom Parkplatz und fädelte sich auf der Hauptstraße in Richtung Stadt ein. Vor ihnen ragte die Skyline auf, deren Glastürme die Nachmittagssonne reflektierten.

Sie warf einen Blick auf ihr Spiegelbild im Rückspiegel. Sie richtete den Schal erneut und stellte sicher, dass der Fleck verdeckt war.

Ob es nun ein blauer Fleck war oder ... etwas anderes, Dallas hatte eine Markierung an ihr hinterlassen. Und er hatte es an einer Stelle getan, die schwer zu verbergen war.

Es fühlte sich an wie ein Brandzeichen.

Plötzlich leuchtete der Bildschirm des Armaturenbretts auf. Eliza hatte ihr Handy zuvor mit dem Bluetooth des Autos gekoppelt.

Eine SMS-Benachrichtigung erschien auf der Mittelkonsole, riesig und unübersehbar.

Absender: Anson Hyde

Nachricht: Hör auf mit den Spielchen. Komm nach Hause. Du gehörst hierher.

Azalea sah es. Sie stieß einen leisen Pfiff aus.

„Er ist besessen“, sagte Azalea kopfschüttelnd. „Das ist echt gruselig. Gut, dass du einen neuen ‚älteren Mann‘ hast, der dich ablenkt.“

Eliza umklammerte das Lenkrad fester. „Ja. Ein Glück.“

Sie fuhr schneller und schuf so Abstand zwischen sich und der Universität, zwischen sich und Anson. Aber sie fuhr direkt auf den Mann zu, der ihr einen Ring an den Finger gesteckt und eine Markierung am Hals hinterlassen hatte.

Und sie hatte keine Ahnung, was sein Spiel war.

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Sein Verrat machte mich zur Milliardärsgattin

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