Kapitel 1
Amy klopfte leise an, bevor sie eintrat, und schloss die Tür vorsichtig hinter sich. Ihr Herz schien zu groß für ihre Brust, angeschwollen von einer so intensiven Freude, dass ihr beinahe schwindelig wurde. Jeder ihrer Schritte verriet ihre leuchtende Ungeduld, und das Lächeln, das ihr Gesicht erhellte, schien unmöglich zu bändigen. Sie strahlte ein reines Glück aus, als würde ein inneres Licht jeden Schatten um sie herum vertreiben.
Im Raum befanden sich die einflussreichsten Mitglieder des Goldblade-Rudels. Im Zentrum dominierte Alpha Oswald allein durch seine Präsenz die Versammlung. Er musste seine Stimme nicht erheben, um respektiert zu werden; ein einziger Blick genügte, um seine natürliche Autorität zu unterstreichen. An seiner Seite verkörperte Luna Beatrice eine ruhige Eleganz. Ihre Sanftheit war nur scheinbar: Hinter ihren bedachten Gesten und wohlwollenden Lächeln verbarg sich eine unerschütterliche Stärke.
Amys Blick glitt zu ihren Eltern. Ihr Vater, Beta Richard, stand aufrecht, ganz der Alte, stolz und standhaft wie ein Fels. Ihre Mutter, Lucille, verströmte eine tröstliche Wärme, die den ganzen Raum zu erfüllen schien. Etwas weiter entfernt beobachtete ihre Schwester Kathy die Szene, die Augen glänzend vor fiebriger Neugier.
Dann sah sie ihn.
Peter.
Ihr bestimmter Gefährte.
Derjenige, der mit nur einem Blick ihr ganzes Leben verändert hatte. Derjenige, der eines Tages die Last der Führung als Alpha tragen würde.
Bei dieser Erinnerung geriet ihr Atem ins Stocken. Noch am Vortag, während der Feier zu seiner Rückkehr, hatte sich ihre Verbindung offenbart. Nach zwei Jahren an der Alpha-Akademie, wo er seine Stärke verfeinert und die Kunst des Führens erlernt hatte, war Peter verwandelt zurückgekehrt – imposanter, selbstsicherer. Doch als sich ihre Blicke inmitten der Menge trafen, hatte alles andere aufgehört zu existieren.
Sie erinnerte sich mit beinahe schmerzlicher Klarheit an diesen Moment. Die Welt war verschwunden, verschlungen von einer heiligen Stille. Es gab nur noch sie beide, zueinander hingezogen von einer uralten, unwiderlegbaren Kraft. Eine glühende Wärme war durch ihre Adern geströmt, eine absolute Gewissheit hatte ihre Seele durchdrungen: Sie gehörte ihm, und er war der ihre.
Dieses Gefühl hatte keinen Namen. Es ging über bloße Freude hinaus, sogar über Liebe. Es war, als hätte sie endlich das fehlende Stück eines unsichtbaren Puzzles gefunden.
Ihre Wölfin hatte in ihr gejubelt, beinahe an ihrer Brust gekratzt, um sie zu ihm zu treiben. Sie wollte ihn berühren, ihn markieren, sich in seinem Duft verlieren. Und als Peter ihren Blick erwiderte, wusste sie, dass er dieselbe brennende Welle empfand.
Der zukünftige Alpha. Ihre Seelenverwandtschaft.
Nun, in diesem Raum, umgeben von ihrer Familie und ihren Anführern, spürte Amy noch immer die Schwingung der Verbindung zwischen ihnen. Sie pulsierte wie ein unsichtbarer Faden, stark und unzerstörbar. Es war nicht nur Glück. Es war das Schicksal, das sich erfüllte.
Die Liebe auf den ersten Blick, die instinktive Besitzergreifung, der wilde Beschützerinstinkt, die Explosion der Freude. Ihre Wölfin heulte innerlich, nicht vor Schmerz, sondern vor Triumph, denjenigen gefunden zu haben, für den sie geschaffen worden war. Ein einziger Wolf für sie. Nur einer, und kein anderer.
Peter trat auf sie zu. Mit jedem Schritt beschleunigte sich ihr Herzschlag. Sein Duft umhüllte sie bereits, intensiv und betörend, weckte in ihr ein Verlangen, das sie nie zuvor gekannt hatte. Ihre Wölfin bebte vor Ungeduld.
Ohne weiter nachzudenken, warf Amy sich gegen ihn. Ihre Lippen fanden die seinen mit einer Dringlichkeit, die sie nicht zu verbergen versuchte. Ein Stromstoß durchfuhr ihren ganzen Körper und ließ sie beinahe erzittern.
„Mein Gefährte...", flüsterte sie mit bebender Stimme. „Meiner."
Peters Augen verdunkelten sich mit neuer Intensität.
„Meine Seelengefährtin", antwortete er mit tiefer Stimme. „Wir müssen reden... woanders."
Doch sie brauchte keine Erklärung. Sie wäre ihm überallhin gefolgt. Seit ihrer Kindheit hatte sie sich diesen Moment ausgemalt, sich geschworen, alles, was sie war, demjenigen zu geben, den das Schicksal für sie bestimmt hatte. Dass er der Erbe des Alpha-Ranges war, stärkte ihre Entschlossenheit nur noch: Sie würde die Luna werden, die er brauchte.
Als sie sich in Peters Zimmer wiederfanden, schien die Luft dichter, elektrisch aufgeladen. Noch bevor er ein Wort sagen konnte, ergriff Amy erneut seine Lippen, diesmal noch kühner. Sie empfand keine Scham. Er war der ihre.
Ihre Küsse wurden intensiver, zuerst langsam, dann gierig. Ihre Hände schienen zu handeln, ohne auf die Erlaubnis ihrer Gedanken zu warten. Er zog sie an sich, seine Lippen glitten ihren Hals hinab und hinterließen brennende Spuren auf ihrer Haut. Sie keuchte, ihre Finger krallten sich in den Stoff seines Hemdes.
Man hatte ihr immer gesagt, dass männliche Wölfe, besonders jene, die dazu bestimmt waren, Alpha zu werden, zutiefst besitzergreifend waren. Sie beanspruchten ihre Gefährtin ohne Zögern. Amy wollte, dass er wusste, dass er der einzige Mann in ihrem Leben war.
Seine Berührungen wurden bestimmter. Er führte sie zum Bett und ließ sie sanft, aber entschlossen zurücksinken. Ihre Lippen fanden sich erneut, tiefer, fordernder. Ihr Kleid verschwand nach und nach, achtlos auf den Boden geworfen.
Peters Lippen erkundeten ihre Haut, wanderten langsam tiefer und zeichneten eine glühende Spur über ihre Brust. Seine Hände setzten ihre Entdeckungsreise fort und weckten in ihr unbekannte Empfindungen. Sie entdeckte ihren eigenen Körper durch ihn. Ihre Finger glitten über seinen Oberkörper, spürten die Festigkeit seiner Muskeln, die Kraft, die unter seiner Haut vibrierte.
Als er sie intimer berührte, überrollte sie eine Welle. Sie war noch nie so berührt worden, und doch fühlte es sich natürlich an, selbstverständlich. Als hätte ihr Körper immer gewusst, dass er auf ihn gewartet hatte.
„Hast du dich für mich aufbewahrt?", fragte er mit vor Verlangen dunkler Stimme.
Sie hielt seinem Blick stand, trotz des Sturms in ihr.
„Ja. Nur für dich. Ich gehöre dir."
Ein tiefes Knurren entrang sich seiner Kehle.
„Du gehörst mir."
„Für immer."
Diese Worte schienen die Zurückhaltung zu zerbrechen, die er noch aufrechtzuerhalten versuchte. Er küsste sie mit neuer Intensität, als wollte er dieses Versprechen besiegeln. Seine Lippen wanderten tiefer, verweilten auf jedem Zentimeter ihrer Haut und entfachten in ihr ein unstillbares Feuer. Als er sie vollständig kostete, bäumte sie sich auf, überwältigt vom Gefühl.
Seine Finger führten sie präzise, lenkten sie zu einer wachsenden, kaum erträglichen Empfindung.
„Lass dich gehen", hauchte er. „Gib mir alles."
Sie ließ los.
Das Vergnügen durchströmte sie mit einer Kraft, die sie sich nie hätte vorstellen können. Ihr Schrei vermischte sich mit seinem Namen.
Er ließ ihr kaum Zeit zum Atemholen. In einer fließenden Bewegung drehte er sie und vereinte sich mit ihr. Das Eindringen ließ sie aufkeuchen, doch fast sofort erfüllte sie ein Gefühl der Vollständigkeit. Als wäre eine Leere endlich ausgefüllt worden.
„Verzeih mir, ich kann nicht mehr warten", murmelte er.
„Ich gehöre dir", antwortete sie mit zitternder, aber fester Stimme. „Wir sind es."
Ihre Blicke hielten einander fest. Er las darin absolutes Vertrauen, eine Hingabe, die nicht aus Schwäche geboren war, sondern aus der Stärke ihres Bandes.
Das Band vibrierte zwischen ihnen, zog sich um sein Herz wie Ketten, vom Schicksal geschmiedet. Er hatte von diesem Moment geträumt. Sie so zu spüren, offen und bereit, entfachte in ihm ein beinahe wildes Verlangen.
Ihre Körper fanden einen gemeinsamen, instinktiven Rhythmus. Jede Bewegung vertiefte ihre Vereinigung, machte sie noch realer. Er gab sich ihr ohne Vorbehalt hin, und sie nahm ihn mit derselben Intensität auf.
Die Geräusche, die den Raum erfüllten, gingen über bloße körperliche Leidenschaft hinaus. Es war die rohe Sprache zweier endlich vereinter Seelen. Ihre Seufzer, seine Knurrlaute, das rasende Schlagen ihrer Herzen bildeten eine einzigartige Melodie.
Amy klammerte sich an ihn, überwältigt von Emotion und Lust zugleich. Jede Bewegung ließ Funken durch ihre Adern jagen. Sie hatte das Gefühl, innerlich zu explodieren, so vollkommen war dieses Empfinden.
„Peter...", hauchte sie, Tränen in den Augen. „Du bist alles für mich. Mein Gefährte. Mein Alpha."
Ihre Worte brachten ihn an den Rand des Kontrollverlusts. Er ergriff ihre Lippen, hielt sie fest, als fürchte er, man könnte sie ihm entreißen. Niemand würde sie trennen.
Sie verloren sich vollständig in der Wärme ihrer Vereinigung und besiegelten mit ihren Körpern, was das Schicksal bestimmt hatte.
Doch irgendwo in einer stillen Ecke der Zukunft wartete ein Schatten. Wenn jemand, der Amy tief verbunden war, sich zwischen sie stellen würde, würde sie erkennen, dass diese Nacht, so intensiv sie auch gewesen war, bereits die Anfänge eines Fehlers in sich trug.
Kapitel 2
„Da bist du ja, Amy. Setz dich bitte", erklärte Alpha Oswald mit ruhiger Stimme, die jedoch von einer so dichten Autorität erfüllt war, dass sie die Atmosphäre zu beschweren schien. „Wir haben dir etwas Wichtiges mitzuteilen."
„Ich auch, Onkel. Ich habe Neuigkeiten, die ich mit euch allen teilen möchte." Ihre Stimme vibrierte vor aufrichtiger Begeisterung, und ein strahlendes Lächeln erhellte ganz natürlich ihr Gesicht. Doch trotz dieser offensichtlichen Freude glitt ihr Blick zu Peter.
Ihre Augen trafen sich für einen kurzen Moment. Sie erwartete, darin dasselbe Glück zu lesen wie in ihrem eigenen, auf seinen Lippen ein Echo ihres Lächelns entstehen zu sehen. Doch was sie erblickte, beunruhigte sie: Sein Kiefer war angespannt, und ein unergründlicher Schatten lag über seinen Augen – ein Schimmer von Schuld, vielleicht sogar von Reue. Bevor sie dessen Bedeutung erfassen konnte, wandte er den Blick ab und ließ sie mit einem nagenden Gefühl der Verwirrung zurück.
Trotz dieses störenden Details konnte nichts ihre Hochstimmung mindern. Nicht heute Abend.
Amy hatte das Gefühl zu strahlen. Eine sanfte, leuchtende Wärme erfüllte ihr ganzes Wesen. Die Enthüllung vom Vortag erfüllte ihr Herz noch immer mit einem tiefen Rausch. Ihr vorherbestimmter Gefährte war niemand anderes als Peter, der Erbe, der dazu bestimmt war, das Goldblade-Rudel zu führen. Der Mann, den sie seit ihrer Kindheit kannte, nun durch den heiligen Willen der Mondgöttin mit ihr verbunden. Allein dieser Gedanke ließ ihre Seele vor Stolz und Ungeduld vibrieren. Sie brannte darauf, der ganzen Welt die Wahrheit dieser Verbindung zu verkünden.
Als sie an diesem Morgen erwachte, fühlte sie sich leichter als je zuvor. Ihre innere Wölfin schnurrte vor Freude und flüsterte ihr die Verheißungen einer kraftvollen Zukunft zu, gewoben aus Liebe und Harmonie. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich vollständig. Auch wenn sie allein erwacht war, hatte Peters Abwesenheit sie nicht beunruhigt. Sie wusste, wie viele Verpflichtungen seine Rolle mit sich brachte. Vielleicht organisierte er bereits die Zukunft, die ihre Verbindung mit sich brachte. Er hatte sie noch nicht gezeichnet, doch sie sah darin lediglich ein Zeichen respektvoller Zurückhaltung. Vermutlich wartete er auf den feierlichen Moment, die offizielle Paarungszeremonie. So nahm sie ihn wahr: besonnen, würdevoll, pflichtbewusst.
Früher am Tag, als sie das Haus des Rudels durchquerte, war ihr Glück beinahe explodiert. Die Mitglieder, denen sie begegnete, gratulierten ihr herzlich, ihre offenen Lächeln vertrieben jeden Zweifel. Alle hatten die Szene am Vortag bei der Feier ihrer Rückkehr miterlebt. Sie hatten gesehen, wie ihre Wölfin ihren Gefährten erkannte, hatten den unbestreitbaren Funken gespürt, der zwischen ihnen aufblitzte. Niemand konnte die Wahrheit leugnen.
„Herzlichen Glückwunsch, Amy!", hatte eine Rudelschwester ausgerufen und sie in die Arme geschlossen.
„Du wirst eine perfekte Luna sein", hatte eine andere bewundernd gemurmelt.
Sie hatte jedes Wort mit Dankbarkeit aufgenommen, ihr Herz erfüllt von neuer Entschlossenheit. Jede Umarmung, jeder Segen, jede Hand auf ihrer Schulter festigte das stille Versprechen, das sie sich selbst gab: Sie würde die Luna sein, die Goldblade verdiente. Sie würde Peter loyal zur Seite stehen und all ihre Kräfte dem Wohl des Rudels widmen.
Nun, da sie im Büro des Alpha saß, umgeben von ihrer Familie und dem Mann, den das Schicksal ihr bestimmt hatte, fühlte sie sich bereit, ihr Glück offiziell zu verkünden. Sie wartete nur darauf, die Worte auszusprechen, die ihre Verbindung vor allen besiegeln würden.
Nur diese seltsame Kälte in Peters Blick trübte den Moment leicht. Sie redete sich ein, es handle sich lediglich um ein Missverständnis. In wenigen Sekunden würde er lächeln. Alles würde sich wieder fügen.
„Amy", begann Alpha Oswald erneut mit ruhiger, aber von schwerer Ernsthaftigkeit geprägter Stimme, „wir müssen über das sprechen, was gestern Abend geschehen ist. Wir können deine Verbindung mit Peter nicht gutheißen."
Amys Atem stockte. Sie blinzelte, überzeugt, sich verhört zu haben.
„Wie... nicht gutheißen?", stammelte sie, Unglauben zerriss ihre Stimme. „Er ist mein von der Göttin bestimmter Gefährte. Da gibt es nichts zu genehmigen."
Ihr Blick suchte sofort ihre Eltern, flehend nach einem Zeichen der Unterstützung, nach einer Erklärung, die diesen aufkeimenden Albtraum auflösen würde. Doch das Gesicht ihres Vaters war verschlossen, das ihrer Mutter von erdrückender Traurigkeit gezeichnet. Von ihnen würde keine Hilfe kommen.
Eine eisige Angst breitete sich in ihrer Brust aus. Sie wandte sich ihrer Schwester zu, dann zu Peter. Ihrem Gefährten. Dem Mann, der ihr gehören sollte. Keiner von beiden wagte es, ihrem Blick standzuhalten. Peters Kiefer blieb angespannt, seine Schultern steif. Kathy starrte auf ihre zitternden Hände, Schuld strahlte von ihr aus wie ein sichtbarer Nebel.
„Was geht hier vor?", flüsterte Amy, ihre Stimme unter der Last des Raumes gebrochen.
Alpha Oswald antwortete ohne Umschweife. „Amy, Kathy erwartet das Kind des zukünftigen Alpha. Seit Jahren bereitet sie sich darauf vor, die Luna dieses Rudels zu werden. Sie und Peter haben sich schon vor langer Zeit als gewählte Gefährten entschieden."
Jedes Wort traf sie wie ein Hammerschlag und zerschmetterte die fragile Hoffnung, an die sie sich geklammert hatte.
„Du kennst unsere Gesetze. Wenn der zukünftige Alpha seine vorherbestimmte Gefährtin vor seinem dreißigsten Lebensjahr nicht findet, kann er eine Luna bestimmen. Peter hat seine Wahl getroffen."
Ihr Atem wurde unregelmäßig.
„Aber er hat mich gefunden!", rief sie, ihre Stimme erhob sich zu einem gequälten Schrei. „Ich bin seine Gefährtin!"
Sie sprang auf, die Fäuste geballt, während ihre Wölfin in ihr vor Zorn aufheulte.
Ein erdrückendes Schweigen folgte. Niemand protestierte. Niemand widersprach. Die Wahrheit lag unausweichlich in der Luft.
„Niemand wusste, dass Kathy sich darauf vorbereitet, Luna zu werden", fuhr sie mit gepresster Stimme fort. „Kein Mitglied des Rudels ahnte, dass Peter bereits eine gewählte Gefährtin hatte. Ihr habt es verheimlicht. Ihr habt es mir verschwiegen."
Oswalds Gesicht blieb unbewegt. „Wir haben es geheim gehalten, falls Peter seiner vorherbestimmten Gefährtin begegnen sollte. Aber Kathy trägt bereits sein Kind. Wir können nicht zulassen, dass der Erbe ohne Legitimation geboren wird. Die Entscheidung ist gefallen."
Ihr Vater ergriff ebenfalls das Wort, ernst und unnachgiebig. „Amy... es ist notwendig. Die Zukunft des Rudels steht über allem. Kathy wird Luna sein."
Amys Welt zerbrach. Die Gesichter verschwammen hinter dem brennenden Schleier ihrer Tränen, die sie sich weigerte fließen zu lassen.
Sie hatten sich alle entschieden. Ihre Eltern. Ihr Alpha. Ihre Schwester. Er.
Sie war allein.
„Meine Schwester...", versuchte Kathy mit zitternder Stimme, doch sie verstummte angesichts von Amys Ausdruck – eine Mischung aus Zorn und Schmerz, die jedes Wort erstickte.
Amy wandte sich Peter zu, ihre Stimme bebte vor verletzter Liebe und unterdrückter Wut. „Und du? Was hältst du von all dem, mein Gefährte?"
Endlich hielt er ihrem Blick stand, seine Augen hart, obwohl in seinem Ton Bedauern mitschwang. „Ich weiß, dass es dir wehtut. Aber ich kann nicht zulassen, dass mein Erbe ohne offizielle Anerkennung geboren wird. Ich muss an das Rudel denken."
Der Schmerz zerriss ihre Brust.
„Du kannst dein Kind anerkennen, ohne mich aufzugeben", flehte sie. „Du musst mich nicht zurückweisen."
Die Worte, die ihr auf der Zunge brannten – weise mich zurück, löse unsere Verbindung – blieben in ihrer Kehle stecken, denn sie fürchtete, dass sie, einmal ausgesprochen, unumkehrbar wären.
Peter biss die Zähne zusammen. „Kathy bereitet sich seit Jahren darauf vor. Sie wurde ausgebildet, um Luna zu werden, und-"
„Ich kann das auch lernen!", unterbrach sie ihn heftig. „Ich werde mehr arbeiten als jeder andere. Ich werde die notwendigen Opfer bringen. Tu nicht so, als wäre ich dazu nicht fähig."
Doch sein Ausdruck verhärtete sich noch mehr. Er schüttelte langsam den Kopf. „Es tut mir leid, Amy. Ich werde nicht auf Kathy verzichten. Sie wird meine Luna sein. Das ist die klügste Entscheidung für das Rudel."
„Die klügste...", wiederholte sie mit leerer Stimme.
Noch vor wenigen Stunden war sie mit einem Herzen voller Hoffnung erwacht, entschlossen, die bestmögliche Luna zu werden, die ideale Gefährtin, Peters unerschütterliche Stütze. Sie hatte sich geehrt, geliebt, an seiner Seite stehend gesehen.
Jetzt verstand sie, dass dieser Thron niemals frei gewesen war. Jemand anderes hatte ihn längst eingenommen, lange bevor sie überhaupt von ihrem eigenen Schicksal erfahren hatte.
Der Raum schwankte um sie herum. Die Stimmen verwandelten sich in ferne Echos. Der Verrat bohrte sich grausamer in ihr Fleisch als jede Klinge.
Ihre Welt war gerade in sich zusammengebrochen.
Kapitel 3
Ein unerbittlicher Schmerz brandete in Amys Brust auf, ein brennendes, unnachgiebiges Feuer, das sie niemandem gewünscht hätte, nicht einmal ihrem schlimmsten Feind. Der Schmerz verwüstete sie von innen, als würde etwas langsam ihre Seele aus ihrem Körper reißen. Atmen wurde zu einer unüberwindbaren Anstrengung, jeder Atemzug drohte, sie noch weiter zu zerbrechen.
Mit tränenverschleierten Augen, schwer von Tränen, die sie sich weigerte fließen zu lassen, starrte sie Peter mit verzweifelter Intensität an. In der Stille flehte sie ihn an, seine Entscheidung zu überdenken, die Wahrheit zu erkennen, sich daran zu erinnern, was sie für ihn bedeutete: seine vorherbestimmte Gefährtin, diejenige, die die Göttin für ihn bestimmt hatte. Doch der Blick, den er ihr zurückgab, war undurchdringlich, hart wie Stein. Er wankte nicht. Seine Entscheidung stand fest.
Er hatte Kathy gewählt. Seine eigene Schwester.
Amys Stimme brach, als sie sich ihren Eltern zuwandte und sich an den letzten Funken Hoffnung klammerte, der ihr geblieben war.
„Und ihr?" fragte sie und ließ ihren Blick von ihrem Vater zu ihrer Mutter wandern, auf der Suche nach einem Zeichen, nach Ablehnung, nach Unterstützung. „Billigt ihr das?"
Ihr Vater schien unter dem Gewicht ihres Blickes nachzugeben. Sein Ton blieb ruhig, doch seine Worte waren von unerbittlicher Grausamkeit. „Wir müssen an das Rudel denken, Amy. Nicht nur an unsere Familie, sondern an alle, die auf uns zählen. Diese Entscheidung übersteigt uns."
Die Augen ihrer Mutter glänzten vor aufrichtiger Traurigkeit, doch ihre Worte trafen mit der Härte eines Urteils. „Deine Schwester erwartet ein Kind, Amy. Da ist auch dieses Baby."
Amys Herz zog sich so heftig zusammen, dass sie einen Moment lang glaubte, es würde aufhören zu schlagen. Sie wandte sich Kathy zu, in der Hoffnung auf einen Protest, auf ein Nein, auf ein Zeichen schwesterlicher Loyalität.
Doch in den Augen ihrer Schwester lag nur Reue.
„Es tut mir leid, dass das alles passiert ist, meine Schwester", flüsterte Kathy mit zitternder Stimme. „Ich liebe dich. Ich wusste nicht, dass Peter dein Seelengefährte ist. Ohne mein Kleines... würde ich mich zurückziehen. Ich verspreche es dir. Aber ich kann nicht. Nicht jetzt."
Jede Silbe bohrte sich wie eine weitere Klinge in sie hinein. Der Verrat war unerträglich. Diejenigen, die sie hätten beschützen sollen, wurden zu den Architekten ihres Untergangs. Und das Schlimmste war die Art, wie sie ihre Entscheidung darstellten: als ehrenhafte Pflicht, als wäre es ein nobler Akt, ihr Glück zu opfern.
Etwas erstarrte in ihr. Sie spürte, wie sich eine heimtückische Kälte in ihr ausbreitete, als würde sich ihr Herz mit einer Schicht aus Eis überziehen. Eine Gewissheit setzte sich fest: Nie wieder würde sie sie auf die gleiche Weise ansehen. Sie waren nicht länger ihre Familie. Sie waren die Beta-Familie, vollständig dem Rudel ergeben.
Das Alpha-Paar war für sie nur noch ein Titel und eine Funktion: der Alpha und die Luna, Anführer, keine Beschützer. Und Peter... er war nicht länger ihr bestimmter Gefährte. Nur noch der zukünftige Alpha.
Sie atmete langsam ein und beherrschte das Zittern, das sie durchlief. Sie weigerte sich, ihnen das Schauspiel ihres Leidens zu bieten. Sie verdienten weder ihre Tränen noch ihre Zuneigung noch ihr Vertrauen.
„Also", sagte sie mit überraschend ruhiger, fast distanzierter Stimme, „was schlagt Ihr vor, Alpha?"
Ein erstauntes Schweigen legte sich über den Raum. Keine Schreie, keine Bitten, kein verzweifeltes Flehen – nur eine Kälte, die sie an ihr noch nie gesehen hatten. Amy war immer Wärme und Licht gewesen, diejenige, die tröstete und zusammenführte. Jetzt schien dieses Licht erloschen.
Alpha Oswald räusperte sich, sein Gesicht verdunkelt.
„Peter und Kathy werden ihre Verbindung nächsten Monat feiern", verkündete er mit ernster Stimme. „Das Rudel weiß bereits, dass du Peters bestimmte Gefährtin warst. Es ist notwendig, dass du anwesend bist, Amy. Du musst deine Unterstützung zeigen. Die Einheit des Rudels hängt davon ab."
Ein neuer Riss durchzog ihr Herz. Man entriss ihr nicht nur ihren Gefährten und das Schicksal, das die Göttin ihr zugedacht hatte, sondern verlangte auch, dass sie dieser Verbindung beiwohnte, lächelte und Freude vortäuschte. Ihre Demütigung sollte zur Pflicht werden.
„Also", antwortete sie mit sanfter Stimme, in der eine schneidende Härte mitschwang, „soll ich auf meinen von der Göttin gesegneten Gefährten verzichten... und auch noch dankbar dafür sein?"
„Das habe ich nicht gesagt!", entgegnete Alpha Oswald, ein Anflug von Ärger in seinem Blick.
„Das spielt keine Rolle", unterbrach Amy ihn nun unbeugsam. „Tut, was ihr wollt. Schließlich habe ich in diesem Rudel keine Bedeutung."
„Sag das nicht, meine Schwester", flehte Kathy, während die Tränen frei über ihre Wangen liefen. „Das stimmt nicht."
Ein bitteres Lachen entwich Amy, ein hohler Klang, der die Atmosphäre gefrieren ließ.
„Ich bitte dich", drängte Kathy und trat näher. „Wir lieben dich. Wir wissen, dass du leidest, aber wir müssen zum Wohl des Rudels handeln. Ich wollte dich nie verletzen. Ich habe mir das nie gewünscht. Versuch, es zu verstehen."
Sie streckte die Hand aus, um Amys zu ergreifen, und flüsterte ein letztes „Bitte".
Doch Amy wich abrupt zurück, als würde diese Berührung sie verbrennen. Diejenige, die sie bewundert und mehr als alles andere geliebt hatte, war nun die Quelle ihres tiefsten Schmerzes. Und sie konnte es nicht ertragen.
Ihre Stimme wurde fest, endgültig. „Ich muss nachdenken. Ich muss mich von euch allen entfernen."
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und ging auf den Ausgang zu, ignorierte die panischen Rufe, die Stimmen, die versuchten, sie aufzuhalten, die Entschuldigungen und Bitten, die sich hinter ihr vermischten. Nichts erreichte sie mehr.
Sie errichtete eine Mauer zwischen ihnen und ihrem Herzen. Als sie versuchten, sie über die mentale Verbindung zu erreichen, schloss sie sie ohne Zögern aus und verriegelte den Zugang mit einem Willensakt.
Zum ersten Mal in ihrem Leben war Amy wirklich allein.