Kapitel 3
Der Gang zum Altar war ein Gang durch ein Feld stiller Verurteilung.
Das Drama im Ankleidezimmer war schnell eingedämmt worden. Hephzibah wurde diskret weggebracht, ihre plötzliche „Krankheit" wurde einer schlechten Reaktion auf Schalentiere zugeschrieben. Doch Gerüchte folgten Eliza wie ein Schatten, als ihr Vater, Earl, sie über den perfekt gepflegten Rasen führte.
Sie sah ihn am Blumenbogen stehen. Julian. Er trug seine formelle militärische Galauniform, eine Kaskade von Medaillen auf seiner Brust. Er sah unglaublich gutaussehend aus und war so kalt und unnahbar wie ein ferner Stern.
Als ihr Vater ihre Hand in Julians legte, war seine Berührung kurz, seine Finger kühl und steif. Es war, als würde man eine scharfe Granate anfassen.
Die Zeremonie war eine Farce. Julian sprach seine Gelübde mit abgehackter, monotoner Stimme, seine Augen auf einen Punkt irgendwo über ihrer Schulter gerichtet. Er erfüllte eine Mission, nichts weiter.
Als der Zeremonienmeister fragte: „Nimmst du, Julian, diese Frau...", hielt er inne. Die Stille dehnte sich volle fünf Sekunden lang. Die Luft wurde dick vor Spannung. Jeder Gast hielt den Atem an.
Schließlich sprach er, die beiden Worte klangen wie ein Todesurteil.
„Ich will."
Als sie an der Reihe war, antwortete Eliza sofort, ihre Stimme klar und fest. Es war eine Geschäftsabwicklung. Sie bestätigte die Bedingungen.
Er schob den Ring mit einer rauen, ungeduldigen Bewegung auf ihren Finger. Der Kuss war ein kurzer, blutleerer Druck seiner Lippen auf ihre, vorbei, bevor er richtig begann.
Beim Empfang zerbrach der zerbrechliche Frieden.
Beatrice Malone stellte ihren Sohn nahe dem Champagnerbrunnen, ihre Stimme ein wütendes, zischendes Flüstern, das über den Rasen trug. Eliza stand allein da, eine Insel in einem Meer von Feindseligkeit, und beobachtete die Konfrontation.
„Das kannst du nicht zulassen, Julian! Du wirst nicht zulassen, dass dieses... dieses Geschöpf den Namen Malone auch nur einen Tag länger als nötig trägt!"
Beatrices Stimme erhob sich, jede Vortäuschung von Diskretion ablegend. „Das werde ich nicht dulden! Wenn du deine Anwälte nicht bis Montag den Annullierungsprozess beginnen lässt, werde ich deinen Treuhandfonds einfrieren. Du wirst keinen Cent mehr sehen."
Julians Vater, Harrison, stand neben seiner Frau, sein Ausdruck ein stillschweigendes Einverständnis. „Diese Ehe ist eine politische Belastung, mein Sohn. Eine Belastung, die wir neutralisieren müssen."
Julians Gesicht war eine Gewitterwolke. Er verachtete Eliza, doch die rohe, kontrollierende Macht der Drohung seiner Mutter erzürnte ihn sichtlich. Die Familie Malone implodierte in der Öffentlichkeit, und die Gäste verschlangen es, ihre Augen weit vor morbider Neugier.
Da bewegte sich Brenda Solis.
Sie marschierte über den Rasen, ihr Kiefer fest zusammengebissen, ihr billiges Kleid sah aus wie eine Rüstung. Sie stellte sich vor Beatrice, eine kleine, wilde Löwin, die ihr Junges beschützte.
„Meine Tochter", sagte Brenda, ihre Stimme zitternd, aber fest, „ist jetzt Mrs. Malone. Es ist legal. Es ist vollzogen."
Beatrice lachte auf, ein Lachen, das wie zerbrechendes Glas klang. „Legal? Meine liebe Frau, in unserer Welt ist das Gesetz lediglich ein Vorschlag."
Brenda atmete tief durch. Sie zog ihr abgenutztes Smartphone hervor. „Vielleicht ist das Gesetz so", sagte sie, ihre Stimme plötzlich so kalt wie Stahl. „Aber eine Geschichte ist eine Geschichte." Sie hielt ihr Telefon hoch und zeigte eine halbfertige Textnachricht auf dem Bildschirm. „Ich weiß nicht viel, aber ich weiß, dass die Leute Drama lieben. Ein Kriegsheld... seine reiche Mutter enterbt ihn, weil seine neue Frau nicht gut genug ist... Ich wette, irgendein Reporter im Internet würde gutes Geld für einen solchen Tipp bezahlen. Wollen Sie sehen, ob ich Recht habe?"
Die Wirkung war augenblicklich. Beatrices Gesicht wurde schlaff vor Schock. Harrisons Augen weiteten sich. Sie kümmerten sich nicht um Elizas Gefühle, aber sie kümmerten sich zutiefst um die öffentliche Wahrnehmung, Aktienkurse und politisches Kapital. Julian stand kurz vor einer großen Beförderung. Eine solche Geschichte wäre Gift.
Harrison war der Erste, der sich erholte. Er trat vor und legte eine beschwichtigende Hand auf den Arm seiner Frau. Er sah Brenda an, sah sie zum ersten Mal wirklich an. Er sah nicht ein Stück Abschaum, sondern eine Bedrohung.
„Beatrice ist nur... emotional. Sie liebt ihren Sohn", sagte er und zwang sich zu einem Lächeln. „Natürlich heißen wir Eliza in der Familie willkommen."
Er erhob sein Glas vor den Gästen, brachte einen Toast auf das glückliche Paar aus, seine Stimme dröhnte vor falscher Fröhlichkeit. Der Sturm war vorüber, vorerst.
Julian warf einen Blick auf Eliza und ihre Mutter, einen Blick, der unmöglich zu deuten war, aber keine Wärme enthielt. Ohne ein Wort drehte er sich um und ging weg, verschwand in einer Menge uniformierter Kollegen.
Brendas Schultern sanken erleichtert herab. Sie ergriff Elizas Hand, ihre Handfläche feucht von kaltem Schweiß.
„Du bist jetzt auf dich allein gestellt, mein Schatz", flüsterte sie, ihre Stimme zitterte.
Eliza sah das tapfere, verängstigte Gesicht ihrer Mutter an. Und zum ersten Mal, seit sie in dieser neuen Welt aufgewacht war, spürte sie, wie sich etwas in ihr regte. Ein Flackern von Wärme, fremd und ungewohnt, im kalten, harten Kern von Nyx. Die Wärme war ein fremdes Gefühl. Elizas Erinnerungen, so fragmentiert sie auch waren, reagierten darauf mit einem Ansturm von Emotionen, die Nyx bewusst unterdrücken musste. Dieser Körper hatte Bindungen. Sie waren eine Schwäche... und eine Komplikation.