Kapitel 3

Gerard und Willa hatten ihre Schritte beschleunigt und es irgendwie geschafft, noch vor Noelle den Eingang der Villa zu erreichen.

Genau wie der Leibwächter angekündigt hatte, stand dort ein eleganter, schwarzer Wagen am Straßenrand, und er war makellos poliert, aber ohne jede Spur von Protzerei.

Als Gerard das Fahrzeugmodell ins Auge fasste, stockte ihm der Atem. Diese limitierte Limousine … Sein Herz begann wie wild gegen seine Rippen zu hämmern.

In ganz Cielrora gab es nur einen einzigen Menschen, der eine solche Limousine sein Eigen nennen konnte: Ethan Martin.

Ethan, das Oberhaupt der mächtigen Familie Martin und Geschäftsführer der Martin-Gruppe, war weit mehr als nur ein Geschäftsmann. Er war die graue Eminenz der Stadt – eine Gestalt, die man nur selten zu Gesicht bekam, es sei denn, man wurde persönlich von ihm empfangen.

Dass Ethan heute höchstpersönlich hier erschien, grenzte an ein kleines Wunder.

Helle Aufregung flammte in Gerards Gesicht auf, er eilte auf den Wagen zu und seine Stimme troff plötzlich vor Schmeichelei und nervöser Ehrerbietigkeit. „Herr Martin! Einen wunderschönen guten Tag! Wir hatten ja keine Ahnung, dass Sie uns die Ehre Ihres Besuchs erweisen würden. Bitte verzeihen Sie, dass wir Sie nicht gebührend empfangen haben!“

Er verharrte in erwartungsvoller Haltung. Doch niemand antwortete. Der Wagen rührte sich nicht. Kein Fenster glitt herab. Die Tür blieb reglos. Als existierte er gar nicht.

Was um alles in der Welt ging hier vor? Gerards Lächeln erstarrte zur Maske.

Willa wagte sich als Nächste vor. Mit gespielter Anmut strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr, ihre Stimme klang wie Honigschlecken. „Herr Martin, welch außerordentliche Ehre, Sie hier begrüßen zu dürfen. Dürfte ich erfahren, was Sie zu uns führt?“

Wieder nichts. Kein Laut. Keine Regung.

Gerard und Willa tauschten ratlose Blicke.

Kein Zweifel, das war eindeutig Ethans Wagen. Und dennoch, so oft sie ihre höflichen Floskeln auch wiederholten, drang kein einziges Wort zu ihnen zurück. Nur ohrenbetäubende Stille.

Die Spannung war beinahe greifbar, als sich plötzlich die vordere Beifahrertür öffnete und ein Mann ausstieg – offensichtlich ein Assistent.

Gerard erkannte ihn auf den ersten Blick: Ruben Douglas. Ethans rechte Hand.

Blitzschnell justierte Gerard seine Erwartungen neu. Natürlich. Das ergab durchaus Sinn. Bei der momentanen Stellung ihrer Familie waren sie Ethans kostbare Zeit schlichtweg nicht wert. Dass er überhaupt Ruben schickte, war bereits ein Zeichen von Großzügigkeit.

Als Ethans engster Vertrauter war Ruben schließlich keine gewöhnliche Randfigur. Seine Gunst zu erlangen konnte der Familie Moss noch immer goldene Türen öffnen.

Nachdem Gerard seine Gedanken geordnet hatte, zwang er sich zu einem verbindlichen Lächeln und trat einen Schritt vor. „Herr Douglas, einen wunderschönen guten Tag! Was verschafft uns die—“

Doch Ruben würdigte ihn keines Blickes. Wortlos schritt er an Gerard und Willa vorbei, als wären sie Luft, und steuerte direkt auf Noelle zu, die einige Meter entfernt still dastand.

In diesem Augenblick gefror Gerard und Willa das Blut in den Adern. Ein eisiger Schauer lief ihnen über den Rücken, während sie wie vom Donner gerührt dastehten und unfähig waren, auch nur einen Muskel zu rühren.

Ruben blieb vor Noelle stehen und verbeugte sich respektvoll. „Guten Tag, Frau Moss. Ich bin im Auftrag von Herrn Levi Martin hier, um Sie zum Anwesen der Familie Martin zu geleiten.“

Levi Martin?

Bei diesem Namen durchströmte Noelle eine sanfte Wärme. Also war es Levi.

Obwohl sie ihre ersten Lebensjahre in einem Waisenhaus verbracht hatte, wurde sie später von Jeffrey und Babette adoptiert, die sie mit viel Liebe und Fürsorge großzogen.

Levi, ein enger Freund Jeffreys, hatte einst mit ihr gespielt, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war.

In Rubens Hand ruhte eine Uhr, dieselbe, die Levi getragen hatte, solange Noelle zurückdenken konnte. Das allein war Beweis genug, dass er Ruben tatsächlich geschickt hatte, um sie abzuholen.

Da die Einladung von Jeffreys Freund stammte, blieb Noelle kaum eine andere Wahl, als sie anzunehmen. Sie nickte mit stiller Würde. „Vielen Dank.“

„Ganz meinerseits, Frau Moss“, erwiderte Ruben mit einem gewinnenden Lächeln und nahm ihr mühelos den Koffer ab.

Er verstaute ihn behutsam im Kofferraum und hielt ihr dann die hintere Wagentür auf. „Frau Moss, wenn Sie mir bitte folgen möchten.“

Noelle beugte sich vor, um einzusteigen, und erstarrte. Da saß bereits jemand.

Ein Mann.

Er thronte auf dem Rücksitz, ein Bein lässig über das andere geschlagen, und strahlte eine Aura müheloser Überlegenheit aus. Er trug ein blütenweißes Hemd, bis zum obersten Knopf geschlossen. Seine Haltung war von vollendeter Beherrschtheit.

In seinen Händen ruhte ein akkurat gestapelter Dokumentenberg, durch den seine langen, eleganten Finger geschmeidig blätterten.

Beim Klicken der sich öffnenden Tür hob er gemächlich den Blick von seinen Unterlagen und wandte sich ihr zu.

Noelles Augen trafen auf ein Paar nachtdunkler, unergründlicher Augen, die mehr Geheimnisse zu bergen schienen, als sie je preisgeben würden.

„Mein Name ist Ethan Martin“, sagte er mit einer tiefen, samtig-rauen Stimme, die von einer Gelassenheit getragen war, die keinerlei Bestätigung brauchte. „Ich bin im Auftrag meines Großvaters hier, um Sie nach Hause zu bringen.“

Ethan Martin?

Der Name, so vertraut und doch merkwürdig fremd, ließ eine Flut von Kindheitserinnerungen durch Noelles Gedanken branden.

Jeffrey hatte ihr vor Jahren einmal von einer Heiratsvereinbarung erzählt. Der Mann, den man für sie als zukünftigen Ehemann auserwählt hatte? Levis Enkel, Ethan.

Und nun saß dieser Mann leibhaftig vor ihr? Ihr zukünftiger Ehemann?

Langsam glitt sie auf den Rücksitz und versuchte verzweifelt, ihre wirbelnden Gedanken zu ordnen. Der schwarze Wagen setzte sich in Bewegung und fuhr vom Anwesen der Familie Moss weg.

Gerard und Willa standen noch immer draußen, wie zu Salzsäulen erstarrt. Ihre Mienen waren zu Masken aus Schock und Fassungslosigkeit gefroren.

Jahrelang hatten sie alles darangesetzt, bei der Familie Martin Eindruck zu schinden. Und nun tauchten die Martins auf, wegen Noelle? Und Ruben hatte Noelle mit ausgesuchter Höflichkeit persönlich in Ethans Wagen gebeten?

Die ganze Zeit über hatte er sie nicht eines Blickes gewürdigt und sie behandelt, als wäre sie nicht mehr als Staub unter seinen Schuhen. Wie konnte das sein?

Willas Kiefer verkrampfte sich, ihr zuckersüßes Lächeln war wie weggewischt. Es hatte sie schon immer gewurmt, in Noelles Schatten zu stehen. Aber das hier … Das hier war eine völlig andere Dimension. Es fühlte sich an wie eine schallende Ohrfeige vor aller Augen.

Noelle hielt währenddessen im Wageninneren den Blick gesenkt und warf dem atemberaubenden Mann neben ihr verstohlene Seitenblicke zu. Doch nur ein einziger Gedanke kreiste unablässig in ihrem Kopf: Erinnerte er sich an die Heiratsvereinbarung?

Gott, hoffentlich nicht.

Die ganze Vorstellung kam ihr mittlerweile so kindisch vor. So verstaubt. So absurd.

Doch Ethan schien mühelos in ihren Gedanken zu lesen.

Er musterte sie, eine Augenbraue kaum merklich angehoben. Seine Kehle bewegte sich, als er sprach, seine Stimme ruhig und unerschütterlich. „Ich erinnere mich.“

Noelles Herz stolperte.

Von allen Szenarien, die sie sich ausgemalt hatte, war genau dieses das, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ihre Beziehung war von Anfang an ein einziges Minenfeld gewesen.

Auch wenn sie adoptiert war, hatten Jeffrey und Babette ihr ein gutes Leben geschenkt. Jeffrey pflegte Freundschaften zu mächtigen Persönlichkeiten, und unter ihnen befand sich Levi, das ehemalige Oberhaupt der einflussreichen Familie Martin.

Selbstverständlich war Levi häufig zu Besuch gekommen, stets mit Ethan im Schlepptau. So hatten ihre Wege sich zum ersten Mal gekreuzt.

Als Kinder hatten sie unzählige Stunden miteinander verbracht. Vielleicht sogar zu viele. Die Erwachsenen deuteten dies als vielversprechendes Zeichen und beschlossen kurzerhand, die beiden eines Tages zu vermählen.

Damals war Noelle viel zu jung gewesen, um wirklich zu begreifen, was eine Heiratsvereinbarung bedeutete. Doch mit den Jahren, als ihr allmählich dämmerte, was damit verbunden war, begann die ganze Angelegenheit sich zunehmend bedrückend anzufühlen. Ethans Gegenwart machte alles nur noch schlimmer.

Auch Ethan schien alles andere als begeistert zu sein. Vielmehr verhielt er sich oft unterkühlt und unerklärlich feindselig, besonders wenn sie Zeit mit dem Nachbarsjungen verbrachte. Seine Worte waren messerscharf, als wüsste er haargenau, welche Knöpfe er drücken musste.

Mit der Zeit eskalierten ihre Auseinandersetzungen von harmlosem Kindergezänk zu erbitterten, leidenschaftlichen Gefechten. Am Ende konnten sie einander nicht mehr ausstehen.

In der Oberstufe befand sich Noelle mitten in ihrer rebellischen Phase. Eines Tages marschierte sie zu Jeffrey und verkündete, dass sie die Vereinbarung auflösen wolle, da sie sich Hals über Kopf in einen Klassenkameraden verliebt hatte.

Als Ethan davon erfuhr, stürmte er noch in derselben Nacht in ihr Zimmer, als wäre er einem Unwetter entstiegen. Mit einer Stimme, kalt wie Gletschereis, verlangte er zu wissen, ob sie vollständig den Verstand verloren hätte.

Niemals zuvor hatte sie ihn derart aufgebracht erlebt. Sie stritten. Laut. Qualvoll. In jener Nacht zerbrach etwas zwischen ihnen unwiederbringlich. Nach diesem verheerenden Streit ging Ethan zum Studium ins Ausland und seitdem hatten sie sich nicht mehr gesehen.

Sie hatte ihn nicht einmal erkannt, als sie in den Wagen gestiegen war.

Er hatte sich so grundlegend verändert. Der Junge, den sie einst gekannt hatte, existierte nicht mehr.

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