Kapitel 3
Der Korridor, der zur Haupthalle führte, war dunkel und schmal. Harding beugte seinen Arm und bot ihn ihr an.
Anissa schob ihre Hand durch die Beuge seines Ellbogens. Ihre Finger streiften den maßgeschneiderten Stoff seines Anzugs. Die plötzliche, intensive Wärme seines Körpers strahlte durch das Material.
Die Wärme traf sie wie ein physischer Schlag. Ihr Gehirn setzte aus. Eine heftige Welle von PTSD überrollte sie.
Die schwachen Wandleuchter verschwammen. Der Flur verdrehte sich und verwandelte sich in die eisigen, schneebedeckten Straßen von New York aus ihrem früheren Leben.
Sie erinnerte sich an die quälende Kälte. Ashlee hatte sie reingelegt. Die Familie Roy hatte sie ohne einen Cent rausgeworfen. Die Temperatur lag bei zwanzig Grad unter Null.
Sie erinnerte sich, wie sie Connors Nummer mit erfrorenen Fingern wählte. Sie erinnerte sich, Seraphinas süße, kichernde Stimme am anderen Ende zu hören, bevor die Leitung tot war.
Sie erinnerte sich an Lorraines Stimme auf der Mailbox. Stirb auf der Straße, Anissa. Blute nur nicht auf meine Teppiche.
Das Phantom-Eis krallte sich in ihre Lungen. Ihre Brust zog sich zusammen. Sie konnte nicht atmen. Ihre Knie knickten ein, und sie stolperte vorwärts.
Hardings Arm schoss hervor. Seine große Hand umklammerte ihre Taille und hielt sie fest. Er zog sie eng an seine feste Brust und stoppte ihren Fall.
„Hast du Angst?", dröhnte seine Stimme direkt an ihrem Ohr, tief und unglaublich erdend.
Anissa blickte auf. Sie starrte auf die scharfen, perfekten Linien seines Kiefers. Die Erinnerungen verschoben sich erneut.
Sie erinnerte sich, wie sie über ihrem eigenen toten Körper schwebte.
Sie sah Harding. Den rücksichtslosen Tyrannen der Wall Street, der in einer sterilen Leichenhalle stand. Er hatte seinen eigenen Wollmantel ausgezogen und ihn über ihre gefrorene Leiche gelegt.
Sie sah seine private bewaffnete Sicherheit das Roy-Anwesen stürmen und ihre Asche gewaltsam an sich nehmen.
Sie sah ihn allein auf einem privaten Friedhof in Long Island stehen, wo er eine Beerdigung für eine Frau abhielt, mit der er im Leben kaum gesprochen hatte.
Sie erinnerte sich an das erstickende Gewicht der Erde, die erschreckende Endgültigkeit des Todes. Sie erinnerte sich an den schieren, unbegreiflichen Schock, heute aufzuwachen, zu atmen, ihr Herz in ihrer Brust schlagen zu fühlen. Warum war sie zurück? Wie war sie zurück? Das Universum hatte ihr eine zweite Chance gegeben, eine wundersame Umkehrung des Schicksals, die jeder Logik widersprach. Und in diesem neuen Leben war der einzige Mann, dem sie vertrauen konnte, derjenige, der ihr Gnade erwiesen hatte, als sie nichts als eine Erinnerung war. Er hatte auf diesem eisigen Friedhof gestanden, eine einsame Gestalt absoluter Macht, und ihr die Würde im Tod gegeben, die ihr eigenes Blut ihr verwehrt hatte.
In der Gegenwart gruben sich Anissas Finger in seinen Arm. Ihre Knöchel wurden kreidebleich.
Sie holte einen keuchenden Atemzug. Sie schob die Verletzlichkeit tief in ihren Magen und schüttelte den Kopf. „Mir ist gerade klar geworden, dass es zu spät ist."
„Zu spät, um zu sehen, wer sie wirklich sind", flüsterte sie, ihre Stimme verhärtete sich zu Stahl. „Aber früh genug, um sie zu zerstören."
Harding blickte auf sie herab. Seine Augen fielen auf die leichte Rötung an den Augenwinkeln. Eine gewalttätige, erschreckende Dunkelheit blitzte in seinen Pupillen auf.
Die Stimme seines Assistenten knisterte über das Funkgerät. „Herr. Die Bildschirme in der Haupthalle sind neu gestartet. Die Presse ist in Position."
Harding hob seine Hand. Er richtete sanft den Rand ihres Spitzenschleiers. Die Sanftheit seiner Berührung widersprach völlig der tödlichen Aura, die ihn umgab.
„Sobald wir diese Türen aufstoßen", sagte Harding mit tiefer, rauer Stimme, „sind Sie die Gastgeberin von Manhattan. Niemand wird Sie jemals wieder dazu bringen, den Kopf zu senken."
Die Orgelmusik verstummte abrupt. Eine Sekunde später erschütterten die großen, imposanten Akkorde eines königlichen Hochzeitsmarsches die Wände.
Die schweren Eichentüren am Ende des Saals wurden langsam von zwei Platzanweisern aufgestoßen. Blendendes weißes Licht von Hunderten von Kamerablitzen ergoss sich in den dunklen Korridor.
Anissa streckte ihren Rücken. Sie hob ihr Kinn, ihre Augen verwandelten sich in Eisstücke. Sie sah aus wie eine Königin, die ein Schlachtfeld betritt.
„Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Onkel", flüsterte sie.
Harding hörte das Wort. Sein Kiefer zuckte. Ein dunkles, besitzergreifendes Grinsen berührte seine Lippen.
„Gemäß den juristischen Dokumenten, die gerade ausgearbeitet werden", korrigierte Harding sie, „werden Sie mich Ehemann nennen."
Die Türen öffneten sich vollständig. Tausend Augen und Kameralinsen richteten sich direkt auf sie.