Kapitel 3

Die Stadt schlief in dieser Nacht nicht. Es war einer jener Abende, an denen der Himmel tiefer zu hängen schien, als hätten sich die Sterne versammelt, um von oben herabzuschauen, während das künstliche Licht um Aufmerksamkeit wetteiferte. Auf der Terrasse des Magnolia Hotels war alles bereit für die „Nail & Glow Experience", ein exklusives Event, bei dem sich Ästhetik mit sozialen Themen, Marketing und dem Wunsch, anzugeben, vermischte.

Aitana hielt ihre Aktentasche wie einen Schatz. Sie schritt stetig zwischen Models hin und her, die lachten, ohne den Mund ganz aufzumachen, und Stylisten, die Farbnamen riefen, als wären es geheime Cocktails. Aitana trug keine bekannten Marken und hatte auch keinen Vertrag mit einem Kosmetikunternehmen, aber ihre Designs machten in den WhatsApp-Gruppen der gefragtesten Promoter die Runde.

„Das sieht aus wie von einem anderen Planeten", murmelte sie, während ihr Blick über das intergalaktische Dekor schweifte: schwebende Kugeln, Nebelprojektionen und Lichter, die wie der Herzschlag von Sternen flackerten.

Ihr Stand war in der Innenstadt, direkt vor dem Neon-Wandbild mit der Aufschrift „HÄNDE, DIE SPRECHEN, NÄGEL, DIE SCHREIEN".

Und ihre Designs waren ein echter Hingucker.

Sie baute ihren kleinen Thron aus Nagellack auf: rosa Gelee, Chamäleonpigmente, Gel mit reflektierenden Partikeln und eine ganze Palette milchiger Grundtöne. Alles war auf einem holografischen Stoff arrangiert, der die Illusion erweckte, in einer flüssigen Galaxie zu schweben.

Als Erstes kamen zwei große Mädchen in Lackkleidern und transparenten Plateauschuhen auf sie zu.

„Bist du die berühmte Aitana?", fragte eine von ihnen mit leicht chilenischem Akzent und Promi-Attitüde.

„Kommt darauf an, wer fragt", antwortete Aitana lächelnd und bedeutete ihr, sich zu setzen.

„Ich möchte, dass du etwas Virales für mich machst. Wenn ich das Video hochlade, bekommt es 100.000 Likes."

„So, lass mich deine Hände sehen", sagte sie, und als sie sie berührte, spürte Aitana diese Elektrizität, die immer durch ihre Haut strömte, wenn etwas Gutes passieren würde.

Die Gelnägel nahmen Gestalt an. Ein Farbverlauf in Flieder- und Pfirsichtönen mit Details, die in schillerndes Papier gehüllt waren. Aitana setzte jeden Pinselstrich, als würde sie Musik komponieren. Niemand sprach, während sie arbeitete. Sie hörte nur das Geräusch der Drehbank, das Klicken der Handys und die leisen Kommentare der anderen Mädchen, die neidisch zusahen.

„Schau dir diese Nagelhaut an! Sie ist perfekt, sie sieht aus, als wäre sie noch nie mit einem Rasierer berührt worden", flüsterte eine Promoterin einer anderen zu.

„Sie ist die Neue. Die, die im Luna Spa arbeitet. Sie hat die Hände einer Chirurgin."

Aitana tat so, als hörte sie nichts, aber tief im Inneren war jedes Kompliment wie ein Glas Champagner direkt auf ihr Selbstwertgefühl.

Da spürte sie es.

Dieser Blick. Diese Präsenz.

Er ging nicht. Er glitt. Als ob die Leute ihm ungewollt Platz machten.

Iker.

Groß. Elegant. Mit einem schwarzen Hemd, das an der Brust leicht geöffnet war und eine Goldkette enthüllte. Sein gepflegter Bartstoppeln und diese „Ich weiß genau, wer ich bin und was ich tue"-Ausstrahlung. Ein Magnet.

Er blieb vor ihr stehen.

„Bist du Aitana?"

Sie sah ihn nicht einmal sofort an. Sie fixierte das Gel mit einer UV-Lampe, bevor sie aufblickte. Als sie das tat, trafen sich ihre Blicke mit seinen. Eine Sekunde genügte, und alles um sie herum wurde irrelevant.

„Und wer bist du? Eine Art Nagelhautexpertin?", fragte er mit einem halben Lächeln.

„Nein, aber ich erkenne Talent, wenn ich es sehe. Ich bin Iker. Ich leite die Glow Agency, die Promoter, mit denen du heute zusammenarbeitest."

Aitana nickte, ohne ihre Deckung fallen zu lassen.

„Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich habe schon mit drei Ihrer Mädchen gearbeitet. Sie haben einen teuren Geschmack und kaputte Nägel." Aber das lässt sich ändern.

„Ich habe von Ihnen gehört", antwortete er. „Eine Maniküristin mit Charakter. Das gefällt mir."

„Und ich mag es, für meine Arbeit respektiert zu werden, nicht für mein Aussehen."

„Was, wenn mir beides gefällt?"

Sie schwieg. Sie hätte ihm sarkastisch antworten können, aber sie hielt seinem Blick stand. Die Spannung war groß, als hätte sich die Luft zwischen ihnen verdichtet.

„Haben Sie diese Woche frei?", fragte er. „Ich organisiere eine Kampagne für eine neue Gruppe von Promotern. Ich möchte, dass Sie ihnen die Nägel machen. Etwas Sexyes, Modernes, aber nicht Vulgäres."

„Das kommt darauf an. Wie viel zahlen sie?"

„Genug, damit es sich lohnt. Und vielleicht schenkst du mir sogar eines deiner Lächeln."

Claudia, die ein paar Meter entfernt stand, sah sie mit großen Augen an. Sobald Iker sich zurückzog, um mit einem seiner Models zu sprechen, rannte sie zu Aitana.

„Weißt du, wer das ist?! Iker Valverde! Der Iker! Inhaber der gefragtesten Agentur der Stadt. Er ist auf Instagram, und seine bessere Hälfte will dich. Und er hat dich gerade eingeladen, mit ihm zu arbeiten!"

Aitana strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Sie wollte ruhig wirken, aber ihr Herz hämmerte, als würde es unter ihrem weißen Kittel jeden Moment explodieren.

„Er hat mir gerade einen Job angeboten."

„Ja, einen Job und noch etwas ... Sieh dir an, wie er dich angesehen hat. Als wärst du ein mit Emaille überzogenes Kunstwerk."

„Was, wenn er mich nur benutzen will?", flüsterte Aitana, plötzlich unsicher.

„Dann lass ihn dich doch mal benutzen. Aber du hast das Sagen."

Aitana blickte auf ihren Schreibtisch. Der Glanz ihrer frisch lackierten Nägel. Ihre Werkzeuge waren aufgereiht. Ihre Pinsel ordentlich angeordnet. Und mittendrin ... Ikers Visitenkarte.

Sie nahm sie zwischen die Finger. Der Name „Iker Valverde" war in mattem Gold auf schwarzem Grund eingraviert. Auf der Rückseite nur eine Telefonnummer.

„Ein Mann, der sein Instagram nicht auf seine Karte schreibt ... der ist schon ein Mysterium", murmelte sie.

An diesem Abend, als sie nach Hause kam, setzte sie sich vor den Spiegel und packte ihr Nagellacketui aus. Einen nach dem anderen reinigte sie die Nägel. Das rosa Gel, den samtigen Überlack, den 01-Liner-Pinsel. Alles musste perfekt sein. Äußerlich sah sie aus wie jedes andere berufstätige Mädchen. Doch in ihrem Inneren spürte sie Schmetterlinge in Paillettenbesatz, die in ihrem Bauch flatterten.

Und obwohl sie es damals noch nicht wusste, hatte sie in dieser Nacht nicht nur einen Mann kennengelernt.

Sie hatte den Teil von sich kennengelernt, der den Verstand verlieren konnte ... aus Liebe.

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Gelee-Liebe

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