Kapitel 2

Ich fand eine abgelegene Ecke in der Nähe eines Personalausgangs, weit weg von den klirrenden Gläsern und dem gezwungenen Lachen.

Meine Kamera hing schwer um meinen Hals, ein nutzloses Gewicht.

Ich musste es noch einmal sehen, um zu bestätigen, dass der Albtraum real war.

Durch eine Lücke in einem Blumenarrangement spähend, sah ich sie.

Michael. Selina Cole. Das Baby.

Sie waren ein perfektes Bild, ein abscheuliches Tableau häuslichen Glücks.

Michael beugte sich über den makellos weißen Stubenwagen, sein Lächeln breit und echt, von der Art, die er mir nur noch selten zeigte.

Er kitzelte das Baby unter dem Kinn. Das Baby gluckste.

Selina, strahlend und selbstgefällig aussehend, legte eine Hand auf Michaels Arm, ihre Finger besitzergreifend.

Sie blickte mit bewundernden Augen zu ihm auf.

Mein Herz zerbarst. Kein sauberer Bruch, sondern eine unordentliche, zerreißende Qual.

Er sah dort so natürlich aus, so … hingebungsvoll.

Das Wort aus der früheren Vorstellung hallte nach. „Der hingebungsvolle Vater des Babys.“

Unsere gemeinsamen Freunde, Leute, die auf unsere Hochzeit, auf unsere Schwangerschaft angestoßen hatten, gurrten über Selinas Kind.

Sie wussten es. Ihre Lächeln waren zu strahlend, ihr Blick wich meinem zu bewusst aus.

Ich war hier die Außenseiterin. Der Geist bei ihrem Festmahl.

Meine eigene Schwangerschaft, das Kind, das ich trug, fühlte sich an wie ein Phantomglied, eine unbequeme Wahrheit in ihrer glänzenden, neuen Realität.

Er baute sich ein Leben auf, eine Familie, ohne mich. Während ich unsere plante.

Die Luft in meinen Lungen wurde zu Asche.

Unglaube kämpfte mit einer widerlichen Gewissheit.

Das war kein Fehler. Das war kein Missverständnis.

Das war eine kalkulierte, grausame Täuschung.

Und ich war mitten in ihre Feier hineingestolpert.

Kapitel 3

Ich brauchte Luft, echte Luft, nicht die parfümierte, süßliche Atmosphäre der Party.

Ich schlüpfte durch die Personaltür in eine Gasse, der Gestank von Mülltonnen war eine willkommene Abwechslung.

Mein Handy summte. Elisabeth.

„Liv, es ist schlimmer, als wir dachten“, sagte sie ohne Umschweife. „Er ist der Vater. Vaterschaft bestätigt. Er hat vor Monaten eine Wohnung für sie im Lehel gemietet. Er führt ein Doppelleben.“

Jedes Wort war ein Hammerschlag.

Genau in dem Moment hörte ich Stimmen von drinnen, in der Nähe der Personaltür. Michaels Stimme.

„… mach dir keine Sorgen, Richard, Liv ist nur emotional. Du weißt schon, die Schwangerschaftshormone.“

Richard, einer von Michaels ältesten Freunden, jemand, der bei unserer Hochzeit Trauzeuge gewesen war.

„Trotzdem, Mann, dass sie dich hier sieht … das ist hart“, sagte Richard mit einem Anflug von Unbehagen in seiner Stimme.

Michael lachte, ein leises, abfälliges Geräusch.

„Sie wird darüber hinwegkommen. Das tut sie immer. Liv liebt mich zu sehr, um jemals wirklich zu gehen. Außerdem, wohin sollte sie gehen? Sie braucht mich.“

Mein Blut gefror in meinen Adern.

Die Gefühlskälte, die absolute Gewissheit in seiner Stimme.

Er glaubte wirklich, ich sei sein Besitz, eine berechenbare Puppe, die weinen und dann verzeihen würde.

„Und Selina?“, fragte Richard.

„Selina versteht die Situation. Sie ist geduldig. Sie weiß, dass ich mich um Liv kümmern werde.“

Mich um mich kümmern. Als wäre ich ein Problem, das man managen muss.

Ich presste mich gegen die Ziegelmauer, die raue Oberfläche grub sich in meinen Rücken.

Der Ekel war etwas Körperliches, das mir in der Kehle hochstieg.

Er war nicht nur hinterhältig. Er war verächtlich.

Er hielt mich für schwach.

Er dachte, meine Liebe zu ihm sei eine Kette, mit der er mich für immer fesseln könnte.

Die Verzweiflung war ein schweres Gewicht, das meine Brust zerdrückte.

Er hatte keine Ahnung.

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Die Wahrheit über seine Geliebte

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