Kapitel 2
Ein Dutzend Männer in schwarzen Anzügen stürmten die Notaufnahme.
Augusts privates Sicherheitsteam bewegte sich wie eine Militäreinheit. Sie rissen gewaltsam die Sichtschutzvorhänge vor jedem Glasfenster zu und schirmten so den Warteraum ab.
Ein massiger Bodyguard trat Elisa direkt in den Weg. Er streckte die Hand aus, um ihr das Triage-Klemmbrett aus den Händen zu reißen.
Elisa wich schnell einen Schritt zurück.
Der Bodyguard blickte finster und löste den schweren Schlagstock von seinem Gürtel. Hinter dem Tresen stieß die Oberschwester einen leisen Schrei aus und duckte sich weg.
Elisa zuckte nicht mit der Wimper. Sie starrte dem Bodyguard direkt in die Augen.
„Nach den HIPAA-Gesetzen des Staates New York ist das Berühren dieser Krankenakte eine Straftat nach Bundesrecht", sagte Elisa mit einer Stimme, die so scharf wie Glas war. „Versuchen Sie es nur."
Die Türen des Schockraums schwangen auf. August trat heraus. Er winkte den Bodyguard beiseite und marschierte auf Elisa zu. Seine Augen waren dunkel und stürmisch.
Der Krankenhausdirektor rannte den Flur entlang, stark schwitzend in seinem maßgeschneiderten Anzug. Er verneigte sich vor August, bevor er Elisa einen panischen Blick zuwarf.
„Geben Sie mir die Akte, Elisa. Sofort", befahl der Direktor.
Elisa wehrte sich nicht. Sie ließ ihre Finger von dem Plastikklemmbrett gleiten. Sie sah zu, wie der Direktor es wie ein treuer Hund überreichte.
August griff in sein Jackett. Er zog ein ledergebundenes Scheckbuch und einen goldenen Füllfederhalter hervor. Er kritzelte so schnell eine Zahl, dass der Füller über das Papier kratzte.
Er knallte den Scheck auf den Tresen der Schwesternstation.
„Einhunderttausend Dollar", sagte August, seine Stimme eine leise, gefährliche Drohung. „Halten Sie den Mund."
Der Scheck rutschte von der glatten Oberfläche und flatterte auf den Linoleumboden. Elisa blickte auf das Papier hinab. Ein bitteres, spöttisches Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.
Die Doppeltüren öffneten sich erneut. Sanitäter schoben Allena auf einer Transportliege heraus. Ihr Gesicht war blass, aber ihre Augenlider flatterten auf.
Allenas Blick durchdrang die Menge und fixierte sich perfekt auf Elisa. Ein schwaches, aber sehr bewusstes Grinsen bildete sich auf Allenas Lippen.
Galle stieg Elisa in der Kehle hoch. Sie sah Allena an, wie sie einen Beutel mit medizinischem Abfall ansehen würde.
August drehte Elisa sofort den Rücken zu. Er beugte sich über die Transportliege, seine große Hand umschloss sanft Allenas Wange und versperrte Elisa vollständig die Sicht.
Die Sanitäter schoben die Liege in Richtung des VIP-Ausgangs. August ging direkt daneben.
Kurz bevor er durch die Ausgangstüren ging, warf August Elisa einen letzten warnenden Blick über die Schulter zu. Dann war er verschwunden.
Das Dröhnen der Helikoptermotoren verklang in der Nacht. In der Notaufnahme herrschte eine erstickende Stille. Der Direktor wischte sich die verschwitzte Stirn ab und eilte davon.
Claire, eine junge Krankenschwester, tauchte neben Elisa auf. Ihre Augen waren weit vor Aufregung.
„Oh mein Gott", flüsterte Claire. „Wer war das? Das Mädchen muss seine absolute Seelenverwandte sein. Die müssen es ja heftig getrieben haben, um hier zu landen."
Elisa bückte sich. Sie hob den Hunderttausend-Dollar-Scheck auf und zerknüllte ihn in ihrer Faust zu einer festen Kugel.
Sie wandte sich an Claire. Sie senkte ihre Stimme und nahm einen zutiefst ernsten, klinischen Ton an.
„Ich habe seine Akte gesehen", log Elisa geschickt. „Der Mann leidet an einer schweren, organischen erektilen Dysfunktion."
Claire schnappte nach Luft und schlug die Hände vor den Mund.
„Die Verletzungen", fuhr Elisa mit völlig ausdruckslosem Gesicht fort, „wurden durch illegale, übergroße mechanische Spielzeuge verursacht. Er kann es nicht auf natürliche Weise tun."
Claires Augen quollen ihr fast aus dem Kopf. Die romantische Illusion zerplatzte augenblicklich und wurde durch reinen Ekel ersetzt. „Igitt. Widerlich."
Elisa klopfte Claire auf die Schulter. „Schweigepflicht, Claire. Verraten Sie es niemandem."
Sie kannte Claire. Claire konnte kein Geheimnis für sich behalten, selbst wenn ihr Leben davon abhinge. Bis morgen früh würde das Gerücht über August Chambers' Impotenz das absolut heißeste Klatschthema sein, das in jedem Pausenraum und jeder Schwesternstation dieses ganzen Krankenhauses kursierte.
Elisa ging in den Pausenraum. Sie stopfte den zerknüllten Scheck in den Hochleistungs-Aktenvernichter.
Die Maschine surrte laut und zerkaute das Papier in winzige, wertlose Streifen.
Sie zog ihre Arbeitskleidung aus, streifte ihren beigen Trenchcoat über und stieß die Krankenhaustüren auf. Der eiskalte New Yorker Wind schlug ihr ins Gesicht, und zum ersten Mal seit sieben Jahren hatte sie das Gefühl, atmen zu können.
Kapitel 3
Elisa stieß die schweren Eichentüren des Manhattan-Penthouses auf.
Die Lichter mit Bewegungssensor flackerten auf und warfen einen kalten, sterilen Schein auf die riesige Fläche aus weißem Marmor. Sie streifte ihre Stöckelschuhe ab. Ihre nackten Füße landeten auf dem dicken Teppich, doch die Wohnung fühlte sich an wie ein Eisschrank.
Sie ging geradewegs an dem riesigen Familienporträt vorbei, das im Foyer hing. August hatte eine halbe Million Dollar für dieses Ölgemälde bezahlt. Es war nichts als eine Lüge auf Leinwand.
Sie betrat das dunkle Arbeitszimmer. Hinter dem massiven Mahagoni-Bücherregal zog sie eine dicke Enzyklopädie hervor. Ein verstecktes digitales Tastenfeld leuchtete auf.
Sie gab eine komplexe Zahlenfolge ein. Die schwere Stahltür des Wandsafes klickte auf.
Elisa ignorierte die Samtschatullen mit Diamanten und Smaragden. Sie griff ganz nach unten und zog einen vergilbten Manila-Umschlag hervor.
Sie zog die Dokumente heraus. Die fetten schwarzen Buchstaben am oberen Rand lauteten: Ehe- und Zeitvertrag. Dauer: Sieben Jahre.
Sie blätterte zur letzten Seite. Ihre Finger fuhren die unordentliche Unterschrift des verstorbenen Baron Chambers III nach, und direkt darunter Augusts scharfe, aggressive Handschrift.
Elisa ging zu dem eleganten Drucker in der Ecke. Sie drückte die Kopiertaste. Das grüne Licht wanderte hin und her und erhellte den dunklen Raum.
Das Gerät spuckte die warmen Seiten aus. Sie heftete sie zusammen und legte den Stapel perfekt in die Mitte von Augusts riesigem Schreibtisch.
Das Tastenfeld der Eingangstür piepte. Schwere, eilige Schritte hallten über den Marmorboden.
August kam ins Wohnzimmer und lockerte aggressiv seine Krawatte. Der aufdringliche Duft der VIP-Luxuskerzen des Krankenhauses hing in seiner Kleidung und vermischte sich mit dem Geruch von sterilem Alkohol.
Er sah das Licht, das aus dem Arbeitszimmer drang, und runzelte die Stirn. Er marschierte hinein.
„Du hast deine Schicht früher beendet", fuhr August sie an, seine Augen voller Ärger.
Elisa widersprach nicht. Sie schob den zusammengehefteten Vertrag einfach über das glatte Holz des Schreibtisches, bis er direkt vor seinen Fingerspitzen zum Liegen kam.
August blickte auf das Deckblatt hinab. Er verdrehte die Augen.
„Noch eine Änderung des Treuhandfonds?" Er stieß ein raues, spöttisches Lachen aus. Er stemmte beide Hände auf den Schreibtisch und beugte sich vor, um sie von oben herab anzustarren.
„Deine kaltblütige Vorstellung heute Abend im Krankenhaus war nur eine Verhandlungstaktik, nicht wahr?", höhnte er. „Du willst mehr Geld."
Elisa blickte zu ihm auf. Ihre Augen waren schmerzhaft klar.
„Ich will die Scheidung", sagte sie gleichmütig. „Der Vertrag läuft in drei Tagen aus."
August erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. Dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte. Es war ein grausames, abfälliges Geräusch.
„Du bist erbärmlich", sagte er. „Diese dramatische, aufmerksamkeitsheischende Nummer wird langsam alt, Elisa."
Er öffnete das Dokument nicht einmal. Er schlug mit dem Handrücken gegen den Papierstapel. Die Blätter flogen vom Schreibtisch und verteilten sich auf dem teuren Perserteppich.
„Ich habe keine Zeit für deine verzweifelten Spielchen", sagte er und drehte ihr den Rücken zu.
Bevor er zwei Schritte machen konnte, summte sein Handy. Ein spezieller Klingelton erfüllte den Raum. Allena.
August nahm den Anruf entgegen, seine Stimme wurde zu einem widerlich süßen, sanften Flüstern. „Ich bin hier, Baby. Tut es weh?"
Eine hektische, atemlose Stimme drang leise aus dem Hörer. „August ... der Arzt sagt, es könnte eine Komplikation geben. Ich habe solche Angst. Bitte komm zurück."
Sein Gesicht verkrampfte sich vor lauter Panik. Er wirbelte herum und ignorierte die Papiere auf dem Boden vollkommen. Er sah Elisa nicht einmal an.
Er schnappte sich seine Autoschlüssel vom Beistelltisch und rannte aus der Wohnung.
Die Eingangstür schlug ins Schloss. Der Schall hallte gewaltig durch das leere Penthouse.
Elisa saß vollkommen still in dem Ledersessel. Sie blickte auf die verstreuten Papiere auf dem Boden. Ihre Augen waren vollkommen trocken.
Sie bückte sich und hob die Seite mit den Unterschriften auf. Sie starrte auf das Datum, und ein langsames, eisiges Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.