Kapitel 3
Der schwere Bass aus dem Club vibrierte durch den Betonboden, wanderte durch Harleys Stiefel hinauf und bis in ihre Knochen. Sie stand in der dunklen, müllübersäten Gasse hinter dem „The Apex", Manhattans exklusivstem Underground-Club.
Sie zog die schwere stählerne Diensttür auf. Der Geruch von abgestandenem Bier, Schweiß und billigem Kölnischwasser schlug ihr ins Gesicht.
Harley ging den schummrig beleuchteten Personalgang entlang und hielt den Kopf gesenkt. Sie wich zwei betrunkenen Männern in teuren Anzügen aus, die aus einer Toilette torkelten. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und öffnete ihre Nachrichten.
Sie tippte: Bin drinnen. Wo ist der Vorsprechraum?
Ein paar Sekunden später antwortete Brenda: VVIP 9. Im unfertigen Teil im dritten Stock. Beeil dich.
Harley runzelte die Stirn. Ihr Daumen schwebte über dem Bildschirm. Warum sollte ein großes Studio ein Stunt-Casting in einem unfertigen, verlassenen Teil eines Clubs abhalten? Ein kaltes Kribbeln des Unbehagens lief ihr den Rücken hinunter. Aber sie dachte an den Kontostand von null auf dem Bankkonto ihres Studios. Sie brauchte das Geld.
Sie schob das Handy zurück in ihre Tasche und ging zur Treppe.
Als sie die schwere Akustiktür, die in den dritten Stock führte, aufstieß, verschwand die ohrenbetäubende Musik augenblicklich. Die Stille war befremdlich. Die Luft hier war eiskalt und roch stark nach Rigipsstaub und Schimmel.
Harley ging den dunklen Flur entlang. Ganz am Ende stand Brenda nervös an einer Tür.
Brenda umklammerte ihr Handy mit beiden Händen. Sie schaute sich immer wieder über die Schulter, ihre Augen waren weit aufgerissen und panisch.
Harley ging auf sie zu. „Wo ist der Regisseur?", fragte Harley mit leiser Stimme.
Brenda zuckte erschrocken zusammen. Sie sah Harley nicht in die Augen. Sie starrte auf Harleys Schuhe. „Er ist … er ist drinnen. Er wartet auf dich."
Harleys Magen zog sich zusammen. Brendas Hände zitterten. Die Alarmglocken in Harleys Kopf schrillten jetzt.
Harley streckte die Hand aus und stieß die schwere, selbstverriegelnde Brandschutztür zu VVIP 9 auf. Sie trat ein.
Es war stockdunkel. Keine Lichter, keine Kameras, keine Crew. Nur ein riesiger, leerer, lagerhallenartiger Raum voller Bauschutt.
Harley wirbelte herum.
Brenda wich bereits in den Flur zurück. Sie packte den schweren Metallgriff der Tür und zog sie mit ihrem ganzen Gewicht zu.
„Brenda!", schrie Harley.
Der schwere Riegelmechanismus, der so konstruiert war, dass er von außen automatisch verriegelte, rastete mit einem ohrenbetäubenden KLONK ein.
Der Klang hallte in dem dunklen Raum wider. Harley war eingesperrt.
Sie stürzte zur Tür und hämmerte mit den Fäusten gegen den kalten Stahl. „Brenda! Mach die Tür auf! Was tust du da?!"
Durch das dicke Metall drang Brendas Stimme gedämpft und erstickt von Tränen. „Es tut mir leid, Harley. Alyssa hat gedroht, meine ganze Agentur auf die schwarze Liste zu setzen. Ich muss auch von etwas leben. Ich habe keine Wahl."
Das Geräusch von Brendas Schritten verklang schnell den Flur hinunter.
Harley fluchte leise vor sich hin. Sie zog ihr Handy heraus. Kein Netz. Die dicken Betonwände und Stahltüren wirkten wie ein perfekter Faradayscher Käfig.
Sie schloss die Augen und zwang sich, langsamer zu atmen. Panik würde nur Sauerstoff verschwenden. Sie schaltete die Taschenlampe ihres Handys ein und ließ den Lichtkegel durch den Raum schweifen.
Es war ein einziges Chaos. Stapel von Rigipsplatten, zerbrochene Holzpaletten und ausrangierte Sofas lagen auf dem Boden verstreut. Die Luft war abgestanden und eiskalt.
Sie ging zurück zur Tür und zog eine metallene Haarnadel aus ihrem Haar. Sie kniete sich hin und schob die Nadel in das Schlüsselloch, um das Schloss zu knacken. Sie drehte sie, aber der innere Mechanismus war völlig verrostet und verklemmt. Die Nadel brach entzwei.
Harley warf das abgebrochene Stück auf den Boden.
Plötzlich vernahm sie ein Geräusch. Es war leise. Ein unregelmäßiges, flaches Keuchen.
Harley erstarrte. Sie drehte langsam den Kopf. Das Geräusch kam aus einer dunklen Ecke des Raumes, von unter einer großen, staubigen blauen Plane.
Ihre Muskeln spannten sich an. Leise bückte sie sich und hob ein schweres, verrostetes Stahlrohr vom Boden auf. Sie hielt es fest in ihrer rechten Hand, ihre Knöchel traten weiß hervor. Sie ging lautlos auf die Plane zu.
Sie streckte die linke Hand aus, packte den Rand der Plastikplane und riss sie weg. Sie hob das Rohr, bereit zuzuschlagen.
Sie erstarrte.
Zusammengerollt zu einem engen Ball lag ein kleiner Junge auf dem Betonboden. Er sah aus wie fünf oder sechs Jahre alt. Er trug einen winzigen, unglaublich teuren Maßanzug, der jetzt mit Staub bedeckt war.
Der Junge blickte zu ihr auf. Seine Augen waren weit aufgerissen, erfüllt von purem, lähmendem Entsetzen. Er sah aus wie ein gefangenes Tier. Er biss sich so fest auf die Unterlippe, dass sie weiß wurde. Er gab keinen Laut von sich.
Harley ließ das Stahlrohr sofort fallen. Es klirrte laut auf dem Boden, was den Jungen zusammenzucken und sich noch fester in die Ecke pressen ließ.
Harley hob beide Hände und zeigte ihre leeren Handflächen. Langsam ging sie in die Hocke.
„Hey", flüsterte Harley, ihre Stimme sank zu einem sanften, beruhigenden Ton. „Ich werde dir nicht wehtun. Versprochen."
Der Junge rührte sich nicht. Seine Brust hob und senkte sich in schnellen, flachen Atemzügen. Er stand kurz vor einer ausgewachsenen Panikattacke.
Harley bemerkte, dass seine Wangen tief und unnatürlich rot glühten. Langsam streckte sie ihre Hand aus. Der Junge kniff die Augen fest zusammen, einen Schlag erwartend. Harley drückte sanft ihren Handrücken gegen seine Stirn.
Ihr stockte der Atem. Seine Haut war glühend heiß. Es fühlte sich an, als würde man einen Heizkörper berühren.
„Du glühst ja richtig", murmelte Harley. Sie blickte in seine verängstigten Augen. „Wie heißt du? Wo sind deine Eltern?"
Der Junge starrte sie nur an. Er hielt seine Lippe fest zwischen den Zähnen. Er weigerte sich zu sprechen.
Harley blickte sich in dem eiskalten, luftdichten Raum um. Wenn sie die ganze Nacht hier eingesperrt blieben, könnte ein so hohes Fieber einen Anfall auslösen. Das Kind könnte sterben.
Sie nahm ihre Taschenlampe und richtete sie gerade nach oben.
Drei Meter über dem Boden, nahe der Decke, befand sich ein großes, verrostetes Metallgitter, das einen Lüftungskanal der Klimaanlage verdeckte.
Harley blickte an ihrem schweren Hoodie hinunter. Sie öffnete den Reißverschluss, warf ihn auf den Boden und stand nur noch in einem engen, schwarzen Sport-BH da. Die kalte Luft biss sich in die Narben an ihrer Taille.
Sie sah den Jungen an, ihr Blick verhärtete sich mit absoluter Entschlossenheit. „Wir kommen hier raus."