Kapitel 2

Der U-Bahn-Waggon rüttelte heftig und schleuderte Harley mit der Schulter voran gegen den harten Plastiksitz. Sie spürte den Aufprall nicht. Ihr Blick war auf das dunkle Fenster ihr gegenüber gerichtet.

Draußen öffnete der Himmel über New York seine Schleusen. Schwere Regenwände begannen, gegen das Glas zu peitschen. Das schnelle, aggressive Klopfen bohrte sich in Harleys Ohren.

Ihr stockte der Atem. Das Geräusch des Regens war ein Auslöser. Ihre Gedanken rissen sie gewaltsam zurück und zerrten sie in die Dunkelheit.

Vor fünf Jahren. Das Anwesen der Vance auf Long Island.

Harley stand ganz oben auf der großen, geschwungenen Marmortreppe. Der schwere Holzgriff ihres Koffers grub sich in ihre Handfläche. Sie ging. Sie wollte einfach nur hier raus.

Alyssa stand da und blockierte die oberste Stufe. Sie trug ein makelloses weißes Kleid. Ein süßes, unschuldiges Lächeln lag auf ihrem Gesicht, aber ihre Augen waren kalt und tot.

„Hast du wirklich geglaubt, du gehörst hierher?", flüsterte Alyssa, ihre Stimme ein giftiges Zischen. „Du bist nur ein streunender Hund, den sie aufgelesen haben. Colvin liebt dich nicht. Er hat Mitleid mit dir."

Harley spürte, wie sich ein enger Knoten in ihrer Kehle bildete. Sie wollte nicht streiten. Sie wollte einfach nur gehen.

Sie drehte sich seitlich, um sich auf dem schmalen Treppenabsatz an Alyssa vorbeizudrängen. Als sie sich bewegte, streifte ihr Ellbogen leicht Alyssas Schulter. Es war kaum eine Berührung.

Plötzlich stieß Alyssa einen markerschütternden Schrei aus.

Harley erstarrte. Entsetzt sah sie zu, wie Alyssa die Arme hochriss, ihren Rücken durchbog und sich absichtlich nach hinten warf. Alyssa stürzte die lange, steile Marmortreppe hinunter, ihr Körper schlug mit widerlichen, dumpfen Geräuschen auf dem harten Stein auf.

Genau in diesem Moment schwangen die massiven Eichentüren der Eingangshalle auf.

Colvin Gaines trat ein und schüttelte den kalten Regen von seinem Mantel. Er blickte gerade rechtzeitig nach oben, um zu sehen, wie Alyssas Körper am Fuß der Treppe aufschlug. Blut von einer Schnittwunde an ihrer Stirn sammelte sich auf dem weißen Marmor.

„Alyssa!", brüllte Colvin.

Er ließ seine Aktentasche fallen und rannte durch das Foyer. Er rutschte auf die Knie und nahm Alyssas blutenden Kopf in seine Arme. Dann blickte er auf.

Sein Blick traf auf Harley, die oben auf der Treppe stand. Der Ausdruck in seinen Augen war nicht nur Wut. Es war purer, unverfälschter Hass.

Harleys Magen sank in die Tiefe. „Colvin, ich habe nicht…", begann sie mit zitternder Stimme.

Sie rannte die Treppe hinunter, ihre Füße rutschten auf dem Marmor. Sie streckte die Hand aus, um seine Schulter zu berühren, verzweifelt bemüht, es zu erklären.

Colvin holte mit dem Arm aus und schlug ihre Hand mit brutaler Gewalt weg. Das Klatschen hallte in der großen Halle wider. Harley stolperte zurück, ihr Handgelenk schmerzte.

Alyssa wimmerte in Colvins Armen. Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Brust, ihre Tränen vermischten sich mit dem Blut. „Sei nicht böse auf sie, Colvin", weinte Alyssa schwach. „Sie war nur wütend. Sie wollte mich nicht stoßen."

Colvins Kiefer spannte sich an. Er starrte Harley wütend an. „Du bösartige, eifersüchtige Schlampe", zischte er. „Du hast versucht, deine eigene Schwester umzubringen."

Harleys Mund klappte auf. Die Luft wich aus ihren Lungen. Das war der Mann, mit dem sie aufgewachsen war. Der Mann, den sie in zwei Monaten heiraten sollte. Er fragte nicht einmal, was passiert war. Er verurteilte sie einfach.

Colvin griff nach seiner ledernen Aktentasche auf dem Boden. Er riss sie auf, zog einen dicken Stapel juristischer Dokumente heraus und warf sie Harley direkt ins Gesicht.

Das schwere Papier traf ihre Wange und brannte auf ihrer Haut, bevor es sich über den blutigen Boden verteilte.

Harley blickte nach unten. Die fetten schwarzen Buchstaben auf der obersten Seite lauteten: Prenuptial Asset Forfeiture Agreement & Family Trust Relinquishment.

„Ich habe dich nie geliebt", sagte Colvin, seine Stimme kalt und ausdruckslos. „Ich liebe Alyssa. Die Verlobung war nur dazu da, die alten Männer im Vorstand bei Laune zu halten. Unterschreib und verschwinde."

Harleys Herz hörte auf zu schlagen. Es fühlte sich an wie ein Eisblock in ihrer Brust. Sie sah zu Colvin, der Alyssa hielt. Die Wahrheit traf sie so hart, dass ihre Knie nachgaben. Ihr ganzes Leben, ihre Familie, ihr Verlobter – alles war eine riesige, inszenierte Lüge.

Schritte hämmerten den Flur entlang. Ihre Adoptiveltern, Mr. und Mrs. Vance, eilten ins Foyer. Sie sahen die blutende Alyssa und ließen sich sofort neben ihr auf den Boden fallen. Mrs. Vance blickte zu Harley auf, ihr Gesicht vor Abscheu verzogen.

„Du Monster", zischte Mrs. Vance. „Raus aus meinem Haus."

Harley blickte die Frau an, die sie großgezogen hatte. In diesen Augen war keine Liebe. Nur Hass.

Harleys Brust fühlte sich hohl an. Sie bückte sich. Ihre Finger waren taub, als sie einen Stift vom Boden aufhob. Sie kniete über den verstreuten Papieren und setzte ihren Namen auf jede einzelne Zeile. Sie verzichtete auf das Geld, den Trust, den Namen. Sie schnitt die Verbindung durch.

Sie stand auf, ergriff ihren Koffer und ging durch die Vordertür hinaus in den eiskalten, sintflutartigen Regen.

Harley warf ihren Koffer auf den Rücksitz ihrer verbeulten Ford-Limousine. Sie kletterte auf den Fahrersitz. Ihre Kleidung war durchnässt und klebte an ihrer eiskalten Haut. Ihre Hände zitterten heftig, als sie den Schlüssel im Zündschloss umdrehte.

Sie fuhr aus der Einfahrt und raste die kurvenreiche Küstenstraße von Long Island hinunter.

Endlich kamen die Tränen. Sie brannten in ihren Augen und verschleierten ihre Sicht. Sie wischte sich aggressiv über das Gesicht, aber die Tränen hörten nicht auf.

Eine scharfe Kurve tauchte im starken Regen vor ihr auf. Harley bewegte ihren Fuß zum Bremspedal und trat es durch.

Das Pedal sank bis zum Bodenblech durch. Es gab keinen Widerstand. Nichts. Jemand hatte sie manipuliert. Alyssa. Colvin. Es spielte keine Rolle, wer den Abzug gedrückt hatte; sie hatten beide die Waffe gerichtet.

Panik schnürte ihr die Kehle zu. Sie pumpte panisch die Bremsen. „Nein, nein, nein!", schrie sie.

Das Auto war zu schnell. Sie riss das Lenkrad hart nach rechts. Die Reifen verloren die Haftung auf dem nassen Asphalt. Das Auto geriet ins Schleudern und krachte durch die metallene Leitplanke.

Schwerelosigkeit.

Das Auto überschlug sich in der Luft. Harley wurde nach vorne geschleudert, ihr Kopf schlug heftig gegen das Lenkrad. Ein blendender Blitz weißen Lichts explodierte hinter ihren Augen.

Das Geräusch von sich verbiegendem, reißendem Metall war ohrenbetäubend, als das Auto unterhalb der Klippe in die Bäume krachte. Die Windschutzscheibe zersprang in tausend Stücke und ließ Glas auf ihren Körper regnen.

Warmes Blut strömte über ihre Stirn und tropfte ihr in die Augen. Die Welt wurde schwarz. Das Letzte, was sie hörte, war das leise, ferne Heulen von Polizeisirenen.

„Nächster Halt, 14th Street."

Die schrille, roboterhafte Stimme der U-Bahn-Sprechanlage riss Harley aus der Erinnerung.

Harley schnappte laut nach Luft, ihre Augen rissen sich weit auf. Kalter Schweiß rann ihr den Nacken hinunter. Sie blickte auf ihre Hände. Ihre Fingernägel hatten sich so tief in ihre Handflächen gegraben, dass sich vier kleine blutige Halbmonde auf ihrer Haut gebildet hatten.

Sie wischte sich mit dem Ärmelrücken über die Stirn. Ihre Atmung war schnell und flach. Sie stand auf, als der Zug quietschend zum Stehen kam.

Sie stieg aus dem Zug in die schwüle New Yorker Nacht. Sie blickte zu den Neonlichtern von Manhattan auf. Die Verletzlichkeit in ihren Augen verschwand und wurde durch kalten, unzerbrechlichen Stahl ersetzt. Sie zog ihre Kapuze hoch und ging in Richtung des Clubs.

Kapitel 3

Der schwere Bass aus dem Club vibrierte durch den Betonboden, wanderte durch Harleys Stiefel hinauf und bis in ihre Knochen. Sie stand in der dunklen, müllübersäten Gasse hinter dem „The Apex", Manhattans exklusivstem Underground-Club.

Sie zog die schwere stählerne Diensttür auf. Der Geruch von abgestandenem Bier, Schweiß und billigem Kölnischwasser schlug ihr ins Gesicht.

Harley ging den schummrig beleuchteten Personalgang entlang und hielt den Kopf gesenkt. Sie wich zwei betrunkenen Männern in teuren Anzügen aus, die aus einer Toilette torkelten. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und öffnete ihre Nachrichten.

Sie tippte: Bin drinnen. Wo ist der Vorsprechraum?

Ein paar Sekunden später antwortete Brenda: VVIP 9. Im unfertigen Teil im dritten Stock. Beeil dich.

Harley runzelte die Stirn. Ihr Daumen schwebte über dem Bildschirm. Warum sollte ein großes Studio ein Stunt-Casting in einem unfertigen, verlassenen Teil eines Clubs abhalten? Ein kaltes Kribbeln des Unbehagens lief ihr den Rücken hinunter. Aber sie dachte an den Kontostand von null auf dem Bankkonto ihres Studios. Sie brauchte das Geld.

Sie schob das Handy zurück in ihre Tasche und ging zur Treppe.

Als sie die schwere Akustiktür, die in den dritten Stock führte, aufstieß, verschwand die ohrenbetäubende Musik augenblicklich. Die Stille war befremdlich. Die Luft hier war eiskalt und roch stark nach Rigipsstaub und Schimmel.

Harley ging den dunklen Flur entlang. Ganz am Ende stand Brenda nervös an einer Tür.

Brenda umklammerte ihr Handy mit beiden Händen. Sie schaute sich immer wieder über die Schulter, ihre Augen waren weit aufgerissen und panisch.

Harley ging auf sie zu. „Wo ist der Regisseur?", fragte Harley mit leiser Stimme.

Brenda zuckte erschrocken zusammen. Sie sah Harley nicht in die Augen. Sie starrte auf Harleys Schuhe. „Er ist … er ist drinnen. Er wartet auf dich."

Harleys Magen zog sich zusammen. Brendas Hände zitterten. Die Alarmglocken in Harleys Kopf schrillten jetzt.

Harley streckte die Hand aus und stieß die schwere, selbstverriegelnde Brandschutztür zu VVIP 9 auf. Sie trat ein.

Es war stockdunkel. Keine Lichter, keine Kameras, keine Crew. Nur ein riesiger, leerer, lagerhallenartiger Raum voller Bauschutt.

Harley wirbelte herum.

Brenda wich bereits in den Flur zurück. Sie packte den schweren Metallgriff der Tür und zog sie mit ihrem ganzen Gewicht zu.

„Brenda!", schrie Harley.

Der schwere Riegelmechanismus, der so konstruiert war, dass er von außen automatisch verriegelte, rastete mit einem ohrenbetäubenden KLONK ein.

Der Klang hallte in dem dunklen Raum wider. Harley war eingesperrt.

Sie stürzte zur Tür und hämmerte mit den Fäusten gegen den kalten Stahl. „Brenda! Mach die Tür auf! Was tust du da?!"

Durch das dicke Metall drang Brendas Stimme gedämpft und erstickt von Tränen. „Es tut mir leid, Harley. Alyssa hat gedroht, meine ganze Agentur auf die schwarze Liste zu setzen. Ich muss auch von etwas leben. Ich habe keine Wahl."

Das Geräusch von Brendas Schritten verklang schnell den Flur hinunter.

Harley fluchte leise vor sich hin. Sie zog ihr Handy heraus. Kein Netz. Die dicken Betonwände und Stahltüren wirkten wie ein perfekter Faradayscher Käfig.

Sie schloss die Augen und zwang sich, langsamer zu atmen. Panik würde nur Sauerstoff verschwenden. Sie schaltete die Taschenlampe ihres Handys ein und ließ den Lichtkegel durch den Raum schweifen.

Es war ein einziges Chaos. Stapel von Rigipsplatten, zerbrochene Holzpaletten und ausrangierte Sofas lagen auf dem Boden verstreut. Die Luft war abgestanden und eiskalt.

Sie ging zurück zur Tür und zog eine metallene Haarnadel aus ihrem Haar. Sie kniete sich hin und schob die Nadel in das Schlüsselloch, um das Schloss zu knacken. Sie drehte sie, aber der innere Mechanismus war völlig verrostet und verklemmt. Die Nadel brach entzwei.

Harley warf das abgebrochene Stück auf den Boden.

Plötzlich vernahm sie ein Geräusch. Es war leise. Ein unregelmäßiges, flaches Keuchen.

Harley erstarrte. Sie drehte langsam den Kopf. Das Geräusch kam aus einer dunklen Ecke des Raumes, von unter einer großen, staubigen blauen Plane.

Ihre Muskeln spannten sich an. Leise bückte sie sich und hob ein schweres, verrostetes Stahlrohr vom Boden auf. Sie hielt es fest in ihrer rechten Hand, ihre Knöchel traten weiß hervor. Sie ging lautlos auf die Plane zu.

Sie streckte die linke Hand aus, packte den Rand der Plastikplane und riss sie weg. Sie hob das Rohr, bereit zuzuschlagen.

Sie erstarrte.

Zusammengerollt zu einem engen Ball lag ein kleiner Junge auf dem Betonboden. Er sah aus wie fünf oder sechs Jahre alt. Er trug einen winzigen, unglaublich teuren Maßanzug, der jetzt mit Staub bedeckt war.

Der Junge blickte zu ihr auf. Seine Augen waren weit aufgerissen, erfüllt von purem, lähmendem Entsetzen. Er sah aus wie ein gefangenes Tier. Er biss sich so fest auf die Unterlippe, dass sie weiß wurde. Er gab keinen Laut von sich.

Harley ließ das Stahlrohr sofort fallen. Es klirrte laut auf dem Boden, was den Jungen zusammenzucken und sich noch fester in die Ecke pressen ließ.

Harley hob beide Hände und zeigte ihre leeren Handflächen. Langsam ging sie in die Hocke.

„Hey", flüsterte Harley, ihre Stimme sank zu einem sanften, beruhigenden Ton. „Ich werde dir nicht wehtun. Versprochen."

Der Junge rührte sich nicht. Seine Brust hob und senkte sich in schnellen, flachen Atemzügen. Er stand kurz vor einer ausgewachsenen Panikattacke.

Harley bemerkte, dass seine Wangen tief und unnatürlich rot glühten. Langsam streckte sie ihre Hand aus. Der Junge kniff die Augen fest zusammen, einen Schlag erwartend. Harley drückte sanft ihren Handrücken gegen seine Stirn.

Ihr stockte der Atem. Seine Haut war glühend heiß. Es fühlte sich an, als würde man einen Heizkörper berühren.

„Du glühst ja richtig", murmelte Harley. Sie blickte in seine verängstigten Augen. „Wie heißt du? Wo sind deine Eltern?"

Der Junge starrte sie nur an. Er hielt seine Lippe fest zwischen den Zähnen. Er weigerte sich zu sprechen.

Harley blickte sich in dem eiskalten, luftdichten Raum um. Wenn sie die ganze Nacht hier eingesperrt blieben, könnte ein so hohes Fieber einen Anfall auslösen. Das Kind könnte sterben.

Sie nahm ihre Taschenlampe und richtete sie gerade nach oben.

Drei Meter über dem Boden, nahe der Decke, befand sich ein großes, verrostetes Metallgitter, das einen Lüftungskanal der Klimaanlage verdeckte.

Harley blickte an ihrem schweren Hoodie hinunter. Sie öffnete den Reißverschluss, warf ihn auf den Boden und stand nur noch in einem engen, schwarzen Sport-BH da. Die kalte Luft biss sich in die Narben an ihrer Taille.

Sie sah den Jungen an, ihr Blick verhärtete sich mit absoluter Entschlossenheit. „Wir kommen hier raus."

Jetzt die ganze Geschichte lesen
Unterstütze den Autor und inspiriere weitere tolle Geschichten von Moboreader
Alle Kapitel freischalten

Die tödliche Ersatzbraut des Milliardärs

Kapitel 2
Kapitel
Anpassen
Nächstes Kapitel