Kapitel 2

Der Chevrolet raste über die Autobahn. Carl hielt die Augen auf die Straße geheftet, seine Knöchel waren weiß am Lenkrad.

Plötzlich scherten drei schwarze Cadillac Escalades über die Fahrspuren. Sie bewegten sich in einer engen, militärisch anmutenden Zangenformation, kesselten den Chevrolet ein und zwangen ihn auf den Seitenstreifen.

Carl geriet in Panik. Er trat mit voller Wucht auf das Bremspedal.

Die Reifen kreischten auf dem Asphalt. Der Geruch von verbranntem Gummi erfüllte die Kabine. Aubrees Körper wurde durch die enorme Wucht nach vorne gerissen, doch ihre Rumpfmuskulatur spannte sich sofort an. Sie stabilisierte sich im Sitz, noch bevor ihre Hände das Leder berührten.

Der mittlere Escalade parkte diagonal und blockierte ihren Weg vollständig.

Die schwere Tür wurde aufgetreten. Kareem Hopkins stieg aus. Er trug einen maßgeschneiderten anthrazitfarbenen Anzug. Sein Kiefer war so fest zusammengebissen, dass die Muskeln unter seiner Haut zuckten.

Sechs massive Bodyguards strömten aus den anderen Fahrzeugen. Sie trugen taktische Ohrhörer. Sie umzingelten den Chevrolet in Sekundenschnelle.

Kareem marschierte zum Heckfenster. Er schlug mit offener Handfläche gegen das Glas.

Aubree drückte den Knopf. Das Fenster fuhr sanft herunter. Sie starrte auf das Gesicht, das ihr eigenes spiegelte, und fühlte absolut nichts.

Kareem griff in seine Anzugjacke. Er zog einen dicken weißen Umschlag heraus und warf ihn gewaltsam durch das Fenster. Er traf Aubrees Oberschenkel und öffnete sich.

Ein Einweg-First-Class-Ticket nach South America glitt heraus. Darunter lag ein Scheck eines Treuhandfonds. Eine Million Dollar.

„Nimm das Geld und verschwinde zum Teufel aus New York", spuckte Kareem. Seine Stimme zitterte vor blankem Hass. „Verpestet niemals wieder die Luft meiner Familie."

Aubree sah den Scheck nicht an. Sie griff nach dem Türgriff und stieß die Tür mit brutaler Kraft auf.

Die schwere Metallkante prallte gegen Kareems Hüfte. Er stolperte rückwärts, seine teuren Schuhe schrammten unbeholfen über den Asphalt.

Aubree stieg aus dem Wagen. Ihr abgetragener Kampfstiefel landete fest auf dem Millionen-Dollar-Scheck und rieb die Unterschrift in den Dreck.

Kareems Gesicht lief dunkelrot an. Er zerrte gewaltsam an seiner Seidenkrawatte.

„Werft sie in den Kofferraum und lasst sie am Flughafen raus", bellte Kareem die Wachen an.

Der nächste Bodyguard, ein Mann mit einer gezackten Narbe quer über die Wange, stürmte vorwärts. Seine massive Hand griff nach Aubrees Schulter.

Aubree ließ ihre Schulter um einen halben Zoll sinken. Die Hand des Mannes griff ins Leere.

In derselben fließenden Bewegung schnellte ihre Hand hoch. Sie umklammerte das Handgelenk des Bodyguards. Sie drehte ihre Hüften, setzte ihren gesamten Rumpf in einem makellosen CQC-Manöver ein und verdrehte es scharf.

Ein lautes, feuchtes Knacken hallte über den Autobahnlärm.

Der vernarbte Mann sank schreiend auf die Knie. Sein Handgelenk war in einem grotesken, unnatürlichen Winkel verbogen.

Der zweite Wachmann zog einen taktischen Stahlstock aus seinem Gürtel. Er schwang ihn in einem bösartigen Bogen direkt auf ihren Schädel.

Aubree duckte sich. Der Stahlstock zerschmetterte den Seitenspiegel des Chevrolet und zerbrach das Glas in hundert Stücke.

Bevor der Wachmann sein Gleichgewicht wiedererlangen konnte, führte Aubree einen verheerenden Seitenkick aus. Die Ferse ihres Stiefels traf perfekt die Seite seines Knies.

Das Gelenk verdrehte sich mit einem widerlichen Knacken. Der Mann brach zusammen, umklammerte sein ruiniertes Bein, sein Gesicht bleich vor Schock.

Die verbleibenden vier Wachen erstarrten für den Bruchteil einer Sekunde und stürmten dann alle gleichzeitig auf sie zu.

Aubree bewegte sich wie ein Geist. Sie schlüpfte in ihre Deckung. Ihre Schläge waren präzise. Ein harter Handflächenschlag gegen einen Hals. Ein scharfer Ellbogenstoß gegen einen Solarplexus. Ein präziser Fersenstampfer auf einen Spann.

Es dauerte genau neun Sekunden.

Sechs hochtrainierte Männer lagen stöhnend und blutend auf dem Asphalt.

Kareem stand wie angewurzelt da. Seine Augen waren weit aufgerissen, die Pupillen vor absoluter Panik geweitet. Seine Brust hob und senkte sich. Er konnte die Gewalt, die er gerade miterlebt hatte, nicht verarbeiten. Das sollte seine schwache, erbärmliche Schwester sein. Das Mädchen, das sie vor sieben Jahren wie Müll weggeworfen hatten. Doch die Frau, die vor ihm stand, bewegte sich wie eine militärische Waffe. Er starrte sie an, als wäre sie eine völlig Fremde, ein Monster, das Aubrees Gesicht trug. „Was zum Teufel ist ihr da draußen passiert?", schrie der Gedanke in seinem Kopf, vermischt mit seiner aufsteigenden Panik.

Aubree stieg über einen stöhnenden Wachmann. Sie ging langsam auf Kareem zu.

Kareem versuchte zurückzuweichen, doch seine Beine versagten den Dienst.

Aubree streckte die Hand aus. Ihre kalten Finger streiften seine Brust. Sie packte seine schief sitzende Seidenkrawatte und zog sie gerade.

„Jetzt ist es Zeit für dich, beiseite zu treten", flüsterte Aubree.

Kapitel 3

Aubree kehrte Kareem den Rücken zu und ging den Seitenstreifen der Autobahn entlang.

Die massive Massenkarambolage, verursacht durch Kareems drei Escalades, hatte die Hauptverkehrsadern nach Manhattan vollständig lahmgelegt. Weit unter der Überführung war ein Konvoi schwarzer Fahrzeuge gezwungen worden, einen Umweg durch die trostlosen, labyrinthartigen Straßen des Industriegebiets zu nehmen, um den Stau zu umgehen. Es war der perfekte Engpass.

Ein scharfes, rhythmisches Knallgeräusch hallte aus dem Industriegebiet unter der Überführung wider. Automatisches Gewehrfeuer.

Aubrees Muskeln reagierten, bevor ihr bewusstes Denken es tat. Sie sprang über die Betonbarriere und rutschte den Abhang hinunter, wobei sie geräuschlos hinter einem Stapel verrosteter Schiffscontainer landete.

Sie lugte um den gewellten Metallrand herum.

Die Kreuzung war ein Schlachthaus. Zwei gepanzerte Maybachs waren gegen einen Betonpfeiler geprallt. Dicker schwarzer Rauch quoll aus den Motoren. Vier Männer in Anzügen lagen tot auf den Gittern, ihr Blut vermischte sich mit dem schmutzigen Straßenwasser.

Ein Mann in einer schwarzen taktischen Weste ging langsam auf den zweiten Maybach zu. Er hielt ein Sturmgewehr fest an seiner Schulter.

Die hintere Tür des Maybachs wurde von innen aufgetreten. Ein großer Mann stolperte auf den Bürgersteig. Er trug einen maßgeschneiderten marineblauen Anzug, aber der Stoff über seinem Bauch war in dunkles, dickes Blut getränkt.

Hays Crane.

Der Attentäter blieb drei Fuß entfernt stehen. Er zielte mit dem Gewehrlauf direkt auf Hays' Kopf.

Aubree blickte nach unten. Ein Splitter zerbrochenen Windschutzscheibenglases lag in der Nähe ihres Stiefels. Ihre Agenteninstinkte übernahmen; sie riss schnell einen Stoffstreifen vom Saum ihrer verblichenen Jacke ab und wickelte ihn fest um ihre Handfläche. Sie hob ihn auf. Die Kante war messerscharf.

Sie explodierte aus den Schatten. Sie überwand die Distanz in drei lautlosen, sprintenden Schritten.

Gerade als der Finger des Attentäters den Abzug fester drückte, sprang Aubree. Ihr linker Arm umschlang seinen Hals wie ein Schraubstock aus Stahl und riss seinen Kopf zurück. Ihre rechte Hand trieb das gezackte Glas tief in die Seite seines Halses und durchtrennte die Halsschlagader.

Heißes, unter Druck stehendes Blut spritzte über ihre Fingerknöchel.

Der Attentäter ließ das Gewehr fallen. Er brach auf dem Asphalt zusammen, sein Körper zuckte heftig, bevor er völlig still wurde.

Aubree stieß das Gewehr weg. Sie sank neben Hays auf ein Knie.

Hays' Sicht verschwamm. Der Blutverlust ließ die Welt sich drehen. Er konnte nur die dunkle Silhouette einer Frau vor dem grellen Sonnenlicht sehen.

Aubree packte die Revers seines zerstörten Anzugs und riss sein Hemd auf. Die Schusswunde in seinem Bauch pulsierte Blut.

Sie drückte beide ihrer blutverschmierten Hände direkt in die Wunde und übte massiven, qualvollen Druck auf die gerissene Arterie aus.

Hays stieß ein gutturales Stöhnen aus. Sein Körper krümmte sich in reiner Qual vom Bürgersteig. Er versuchte, sie wegzustoßen.

„Halt den Mund und bleib still, wenn du atmen willst", befahl Aubree. Ihre Stimme war eiskalt und trug absolute, unbestreitbare Autorität.

Der Klang ihrer Stimme traf Hays wie ein physischer Schlag.

Ein heftiger elektrischer Schlag durchfuhr seine fragmentierten Erinnerungen. Ein Flammenblitz. Ein zerfallendes Gebäude. Der Rücken einer weiblichen Walküre, die ihn vor drei Jahren aus den Trümmern zog.

Aubree griff in die taktische Weste des toten Attentäters. Sie zog ein Tourniquet, eine Packung Alkoholtupfer und eine Tube militärischen Gerinnungsgels heraus. Ihre Finger bewegten sich mit blendender, mechanischer Geschwindigkeit. Sie versorgte die Wunde und verschloss sie in Sekunden. Ohne einen Moment zu zögern, riss sie die Alkoholtupfer auf und schrubbte ihre eigenen blutverschmierten Finger gründlich, um jede Spur ihrer biometrischen Daten von seiner Haut und Kleidung zu entfernen.

Hays zwang seine Augen auf. Er griff mit einer zitternden, blutigen Hand nach oben. Seine Finger umschlossen Aubrees Handgelenk fest.

„Wer bist du?", krächzte Hays. Sein Kiefer war so fest zusammengebissen, dass die Muskeln in seiner Wange auszubrechen schienen.

Das Heulen der NYPD-Sirenen durchdrang die Luft. Ein Polizeihubschrauber hackte durch den Himmel über ihnen.

Aubree blickte auf seine Hand. Sie packte seinen Daumen und löste seinen Griff mit rücksichtsloser Effizienz von ihrem Handgelenk. Sie ließ seinen Arm auf den Bürgersteig fallen.

Sie stand auf, schnappte sich ihre Segeltuchtasche und sprintete in das Labyrinth der Brooklyn-Gassen.

Hays sah ihr nach, wie sie verschwand. Kurz bevor die Dunkelheit ihn übermannte, fixierten seine Augen ein spezifisches, besonderes Abnutzungszeichen an der Schulter ihrer olivfarbenen Jacke. Er brannte das Bild in sein Gehirn ein.

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Die Rückkehr der verstoßenen Verlobten

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