Kapitel 2
Cadence schleppte ihre schweren, gefühllosen Beine in das Hauptbadezimmer. Sie schob die Milchglastür zu und schloss sie ab, wodurch sie den erstickenden Luxus des Penthouses aus ihrem Blick verbannte. Ihre zitternden Finger umklammerten den Duschregler und drehten ihn mit aller Kraft nach links.
In der Sekunde, in der das heiße Wasser aus der Regendusche von oben schoss, traf sie die Erinnerung wie ein körperlicher Schlag.
Die eiskalte, knochenbrechende Strömung des Hudson River verschlang sie vollständig.
Ihr Atem setzte komplett aus. Ein rohes, qualvolles Zischen entrang sich ihrer Kehle, als ihre Knie auf die rutschfesten Fliesen trafen.
Sie brach zusammen, ihre Hände flogen nach oben, um sich an den eigenen Hals zu krallen.
Die schwere PTBS löste eine massive Panikattacke aus, die die Ränder ihres Sichtfeldes schwärzte. Der metallische Geschmack von Blut und der faulige Gestank von Flussalgen überfluteten ihre Sinne.
Den Flur hinunter schritt Franklin zurück in Richtung der Master-Suite, das Telefon an sein Ohr gepresst. Seine tiefe, beruhigende Stimme murmelte in den Hörer und besänftigte eine angeblich traumatisierte Isabelle.
Die Wände des Penthouses waren stark schallisoliert.
Er hatte gerade die Tür zum Hauptschlafzimmer erreicht, seine Hand schwebte nur wenige Zentimeter vom Messinggriff entfernt. Plötzlich drang das scharfe, durchdringende Geräusch einer Glasflasche, die auf Fliesen zersplitterte, durch das schwere Holz, unmittelbar gefolgt von einem dumpfen, schweren Aufprall.
Franklin hielt inne. Seine dunklen Brauen zogen sich zusammen. Er senkte das Telefon, sein Puls schnellte unerklärlicherweise in die Höhe, während er auf die Tür starrte.
Er hörte ein gedämpftes, verzweifeltes Keuchen. Das Geräusch von jemandem, der nach Luft rang.
Er packte den Messinggriff und drückte.
Sie war abgeschlossen.
Ein plötzlicher, scharfer Anflug von Irritation loderte in seiner Brust auf, unmittelbar gefolgt von einem unerklärlichen, winzigen Anflug von Panik.
„Franklin?" Isabelles schwache Stimme drang aus dem Hörer des Telefons. „Mir ist so schwindelig …"
Das Geräusch riss seine Aufmerksamkeit zurück.
„Ich komme sofort", sagte Franklin in das Telefon.
Er warf einen letzten, kalten Blick auf die verschlossene Badezimmertür.
Er redete sich ein, es sei nur eine weitere erbärmliche, manipulative Vorstellung, um seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.
Er machte auf dem Absatz kehrt und ging weg.
Im Badezimmer hörte Cadence die schweren Schritte den Flur entlang verhallen.
Das Geräusch seines Rückzugs war ein stumpfes Messer, das den allerletzten Faden ihrer Schwäche durchsägte.
Sie biss sich heftig auf die Unterlippe.
Der scharfe Schmerz und der plötzliche Geschmack von Kupfer erdeten sie und rissen sie aus der Halluzination.
Sie streckte die Hand aus und drehte den Duschregler mit einem Ruck ab.
Sich am Rand des Marmorwaschbeckens festhaltend, zog sie sich auf die Beine.
Der Spiegel spiegelte einen Geist wider. Ihre Haut war durchscheinend, ihre Lippen blutunterlaufen, ein dünner Blutstreifen rann aus ihrem Mundwinkel.
Sie griff nach einem trockenen Handtuch und wickelte es fest um ihren zitternden Körper.
Die letzte Unze Wärme in ihrer Brust gefror zu Eis.
Eine halbe Stunde später stieß Franklin die Tür zur Master-Suite auf.
Der Raum war stockdunkel, bis auf das Mondlicht, das über den Teppich fiel.
Cadence saß genau in der Mitte des einzelnen Sessels. Sie hatte sich in einen eleganten, schwarzen Seidenpyjama umgezogen und verschmolz perfekt mit den Schatten.
Franklin spürte ein Muskelzucken in seinem Kiefer. Ihre unnatürliche Stille beunruhigte ihn.
Er riss sich die Krawatte vom Hals, seine Stimme war hart. „Du wirst dich morgen früh formell bei Isabelle entschuldigen."
Cadence weinte nicht. Sie stritt nicht. Sie nahm einfach ein dickes Dokument vom gläsernen Couchtisch und schob es über die Oberfläche.
Franklins Blick fiel auf die fettgedruckte juristische Fachsprache am oberen Rand der Seite.
Seine Pupillen zogen sich heftig zusammen.
Es war eine Scheidungsabsichtserklärung. Bereits unterschrieben.
Eine gewaltige Schockwelle traf sein Gehirn.
Er riss die Papiere vom Tisch, seine Stimme steigerte sich zu einem gefährlichen Knurren. „Was für ein krankes Spiel spielst du jetzt?"
Cadence blickte auf. Ihre Augen waren so ruhig, so völlig frei von ihm, als würde sie einen Fremden ansehen.
„Ich gehe mit nichts", sagte sie mit flacher Stimme. „Ich will diese widerliche Vereinbarung nur sofort beenden."
Mit nichts gehen.
Die Worte fühlten sich an wie ein körperlicher Schlag ins Gesicht von Franklin.
Seine absolute Kontrolle, sein immenser Reichtum – die Dinge, mit denen er sie in Schach hielt – waren plötzlich völlig nutzlos geworden.
Er knallte das Dokument zurück auf den Tisch. Die Papiere verstreuten sich auf dem Boden.
Er beugte sich vor, stützte beide Hände auf die Armlehnen ihres Stuhls und nutzte seinen massigen Körper, um sie einzusperren.
„Wenn du aus dieser Tür gehst", knirschte er, sein Atem heiß auf ihrem Gesicht, „verliert Dr. Alistair Chases medizinisches Forschungszentrum bis morgen Mittag jegliche Finanzierung."
Cadence hielt seinem Blick stand, ohne zu blinzeln. Der Winkel ihres Mundes zuckte nach oben zu einem spöttischen Grinsen.
„Das Überleben der Familie Chase geht Sie nichts an", erwiderte sie leise.
Franklin starrte ihr in die Augen. Er sah etwas Furchterregendes. Ein absolutes, unerschütterliches Gefühl der Kontrolle. Es war, als wäre sie diejenige, die auf ihn herabblickte.
Er richtete sich abrupt auf, seine Brust hob und senkte sich schwer.
„Du bist nicht bei Sinnen", bellte er. „Wenn du diese Wohnung verlässt, denk nicht einmal daran, zurückzukriechen."
Cadence stand geschmeidig auf. Sie nahm ihren schwarzen Trenchcoat vom Bett.
Sie sah ihn nicht einmal an.
„Wie Sie wünschen", sagte sie.
Ihre Absätze klickten scharf auf dem Hartholzboden.
Sie ging direkt an ihm vorbei, ließ ihn erstarrt in der Dunkelheit zurück und steuerte geradewegs auf die Haustür zu.
Kapitel 3
Cadence trat in den riesigen begehbaren Kleiderschrank.
Sie ignorierte die endlosen Reihen pastellfarbener Chanel-Kostüme und züchtiger Kleider, die Franklin gekauft hatte, um sie zur perfekten, langweiligen Mueller-Ehefrau zu formen.
Sie kniete sich hin und zog den doppelten Boden der untersten Schublade auf.
Ihre Finger fuhren über das biometrische Schloss eines eleganten, schwarzen Kohlefaserkoffers.
Er klickte auf.
Darin lagen vier Pässe aus verschiedenen Nationen, eine taktische Handfeuerwaffe mit Schalldämpfer und ein schwarz-goldener USB-Stick mit der Gravur eines Schmetterlingstotems.
Sie warf einige ihrer ältesten Kleidungsstücke aus der Zeit vor ihrer Ehe zusammen mit dem Koffer in eine Reisetasche.
Für den erstickenden Luxus dieses Raumes empfand sie absolut nichts.
Als sie durch die Mitte des Wohnzimmers zurückging, blieb sie vor einer riesigen Kristallskulptur stehen.
Es war ein millionenschweres Stück, das sie an ihrem ersten Hochzeitstag bei einer Auktion ersteigert hatten.
Sie starrte auf das makellose Glas und erinnerte sich daran, wie Franklin der Presse erzählt hatte, es symbolisiere ihre reine, unzerbrechliche Verbindung.
Eine Welle heftiger Übelkeit stieg ihr in den Hals.
Cadence hob die Hand und stieß den schweren Kristall vom Sockel.
Der ohrenbetäubende Krach hallte durch das Penthouse.
Millionen von Dollar zersprangen in messerscharfe Splitter, die sich in den unbezahlbaren Perserteppich bohrten.
Der Nachtbutler eilte aus dem Flur, und bei dem Anblick der Zerstörung wich ihm alle Farbe aus dem Gesicht.
Der Butler öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Cadence drehte langsam den Kopf.
Ihre Augen waren so eiskalt und leer, beraubt von jedem Funken der sanften Wärme, die er drei Jahre lang gekannt hatte, dass der ältere Mann seine Worte hinunterschluckte.
Es war, als blickte er in das Gesicht einer völlig Fremden, und die schiere, unnatürliche Fremdheit ihres Blicks ließ ihn fassungslos erstarren.
Cadence stieg über die glitzernden Trümmer.
Sie zog ihr Handy hervor und wählte die private Nummer von Elena Rostova, der rücksichtslosesten Scheidungsanwältin in Manhattan.
„Sorgen Sie dafür, dass die formelle Scheidungsvereinbarung um acht Uhr morgens auf Franklin Muellers Schreibtisch liegt", befahl Cadence in einem Tonfall, der keinen Raum für Verhandlungen ließ. „Keine Mediation."
Sie legte auf und ging zum privaten Aufzug.
Ihr Daumen drückte gegen den Scanner. Die Stahltüren glitten auf.
Sie trat ein und sah zu, wie die Stockwerksnummern schnell fielen.
Mit jedem Stockwerk, das sie nach unten fuhr, sprangen die unsichtbaren Ketten um ihren Hals eine nach der anderen auf.
Der Aufzug kam mit einem Gong in der unterirdischen VIP-Garage an.
Ein tiefschwarzer, gepanzerter Range Rover stand mit laufendem Motor auf ihrem privaten Parkplatz, der Motor schnurrte wie ein eingesperrtes Raubtier.
Die Fahrertür öffnete sich.
Ein großer Mann in einem schwarzen, taktischen Trenchcoat stieg aus.
Ronan Daly, ihr vertrauenswürdigster Agent im Untergrundnetzwerk, nahm ihr mit einem knappen Nicken die Reisetasche aus der Hand.
„Boss", sagte Ronan mit leiser Stimme. „Das Chase-Anwesen wurde gesäubert. Niemand wird Ihre Bewegungen verfolgen können."
Cadence nickte kurz und glitt auf den Rücksitz.
Die getönten Scheiben fuhren hoch und schirmten sie von der feuchten, kalten Luft der Garage ab.
Um 2:00 Uhr morgens fädelte sich der Rover in die neonbeleuchteten Adern von Manhattan ein.
Cadence lehnte ihren Kopf gegen die lederne Kopfstütze und schloss die Augen.
Ronan warf im Rückspiegel einen Blick auf ihr blasses Gesicht.
„Soll das medizinische Team wegen des Kontakts mit dem Wasser in Bereitschaft sein?", fragte er leise.
Cadence riss die Augen auf, und ein Blitz rücksichtsloser Energie brannte in ihren Iriden.
„Nein", befahl sie. „Fahren Sie direkt zum Studio in Greenwich Village."
Sie musste jemanden sehen.
Jemanden, der die demütigende Narbe, die auf ihrem Rücken brannte, dauerhaft entfernen konnte.
Zurück im Penthouse hatte der laute Krach Franklin endlich aus der Gästesuite getrieben.
Er stand am oberen Ende der Treppe, sein Seidenmantel lose gebunden, sein Gesicht eine Maske finsteren Zorns.
Er starrte hinab auf den zerborstenen Kristall und den zitternden Butler.
„Was ist passiert?", forderte Franklin, und seine Stimme hallte gefährlich wider.
Der Butler deutete mit zitterndem Finger auf den privaten Aufzug. „Die gnädige Frau ist ... gegangen, mein Herr."
Franklin nahm die Stufen zwei auf einmal, während seine Lederslipper über das zerbrochene Glas knirschten.
Seine Augen überflogen den Raum.
Die zerknüllten Papiere mit der Scheidungsabsicht waren verschwunden.
An ihrer Stelle lag genau in der Mitte des gesprungenen Glas-Couchtisches der riesige Saphir-Verlobungsring.
Das Symbol der Mueller-Matriarchin, weggeworfen wie Müll.
Franklin riss den Ring vom Tisch.
Seine Faust schloss sich so fest um das Metallband, dass sich die Krappen tief in seine Handfläche bohrten und Blut hervorquoll.
Eine heftige, unerklärliche Welle aus Panik und Wut schlug ihm gegen die Brust.
Er griff nach seinem Handy und wählte ihre Nummer.
Eine kalte, automatisierte Frauenstimme antwortete: „Die von Ihnen gewählte Nummer ist nicht mehr vergeben."
Franklins Arm schnellte zurück, und er schleuderte das Handy mit voller Wucht gegen die Wand, wo es in tausend Stücke zersprang.