Kapitel 2
Sandras Gesicht verfinsterte sich augenblicklich.
Damals, um jegliche Verbindung zu Maia endgültig zu kappen, hatten die Morgans sie gezwungen, ein offizielles Trennungsdokument zu unterschreiben – mit einem Vertreter der Cooper-Gruppe als Zeugen, nur um sich gegen zukünftige Anschuldigungen abzusichern.
Es war kein Akt der Würde gewesen, sondern einer der Verzweiflung.
Ein Schwall Reporter stürzte sich auf Sandra, Mikrofone wurden ihr direkt vors Gesicht gehalten. „Frau Morgan, stimmt das? Sie haben doch einmal gesagt, Sie würden Maia nicht im Stich lassen – dass sie trotz der Rückkehr Ihrer leiblichen Tochter immer noch Ihre Tochter sei.“
Sandra rang sichtlich um Fassung und zwang sich zu einem Lächeln, das kaum Bestand hatte. „Das ist… nicht wahr. Natürlich nicht.“
Mit einem listigen Grinsen trat Maia einen Schritt vor. „Dann rufen Sie doch jemanden von der Cooper-Gruppe an, Frau Morgan – und fragen nach, ob es dieses Trennungsdokument gibt oder nicht.“
„Maia, übertreib es nicht! Die Leute von der Cooper- Gruppe kann man nicht einfach so herzitieren!“ Jarrod schoss aus dem Hintergrund hervor, sein Zorn kochte über.
Maia warf ihm mit schief gelegter Braue einen Seitenblick zu. „Also gebt ihr zu, dass ihr sie nicht anrufen werdet.“
Jarrod blieb die Worte im Hals stecken.
Das Bild, das sie sich so mühsam aufgebaut hatten, begann zu bröckeln, und Sandra griff panisch zur altbewährten Mitleidsmasche. Ihr Körper begann plötzlich zu beben, ein lauter, dramatischer Husten schüttelte sie.
Rosanna reagierte sofort, eilte zu ihrer Mutter und rieb ihr beruhigend den Rücken. „Mama, was ist los? Geht es dir nicht gut?“
Dann wandte sie sich an Maia, der Blick übertrieben voller Kummer. „Seit du im Gefängnis bist, macht sie sich krank vor Sorge. Sie weint jede Nacht, Maia. Der Arzt hat gesagt, es wirkt sich schon auf ihre Gesundheit aus. Und wenn dir auch nur ein Hauch an dem liegt, was sie früher für dich getan hat, dann mach das nicht noch schlimmer. Komm einfach mit uns nach Hause.“
Maia wurde regelrecht schlecht von Rosannas gekünstelter Show.
Mit ihnen zurückgehen? Früher hätten diese Worte Trost gespendet. Heute bedeuteten sie nichts mehr.
Das Letzte, was sie wollte, war, sich jemals wieder mit ihnen einzulassen.
Entschlossenheit stand ihr in jedes Detail ihres Gesichts gemeißelt. „Das Mädchen, das ihr kanntet – sie ist vor vier Jahren gestorben. Und die Morgans waren es, die sie begraben haben.“
Maia sprach ihre letzten Worte, dann bahnte sie sich ihren Weg durch die Menge und ging ohne einen Blick zurück.
Kaum war sie verschwunden, sank Sandra dramatisch zu Boden, als hätte sie der Schmerz überwältigt.
Sie schnappte hörbar nach Luft, dann fiel sie wie in Ohnmacht.
Panik brach aus – entsetzte Rufe, hastige Schritte, klickende Kameras.
Jarrod verlor keine Zeit, hob Sandra auf die Arme, während Rosanna dicht hinter ihm herlief.
Kaum waren die Autotüren geschlossen und keine Kamera mehr in Sicht, riss Sandra die Augen auf und setzte sich mühelos aufrecht.
Hätte sie diesen Zusammenbruch nicht vorgetäuscht, wäre das gesamte Schauspiel womöglich nicht mehr zu retten gewesen.
In ihren Gedanken führte eine einzige Spur durch all das Chaos – Maia.
Sie hatten sich bemüht, vor der Öffentlichkeit den Schein zu wahren, sie mit offenen Armen zurückzuholen. Und wie dankte Maia es ihnen? Indem sie den Namen Morgan vor aller Augen durch den Schmutz zog.
Kein Funken Dankbarkeit.
„Unfassbar! Wir haben ihr alles gegeben – und sie fällt uns so in den Rücken!“ Jarrod fluchte wütend, die Finger krampften sich um das Lenkrad.
Jede Spur von Wärme war aus Sandras Gesicht gewichen, und in ihren Augen lag nur noch frostige Kälte.
Ein bitteres Lachen entrang sich ihren Lippen. „Kein Geld. Ein Strafregister, das sie ewig verfolgen wird. Sie hat nichts – gar nichts. Ohne uns ist sie erledigt. Und glaub mir, Maia wird zurückkommen. Und wenn sie es tut, werde ich mehr als genug Möglichkeiten haben, sie mir zurechtzulegen.“
...
Später am Nachmittag stand Maia allein vor dem Amt für zivile Angelegenheiten von Wront. In ihrer Handtasche lagen die Unterlagen, die sie für die Eheschließung brauchte.
Bis zu ihrem Termin war noch etwas Zeit, also lehnte sie sich lässig an einen Baum, den Blick gesenkt, während ihre Gedanken weit in die Vergangenheit glitten.
Als sie vor vier Jahren zum ersten Mal das Gefängnis betreten hatte, schien der Albtraum kein Ende zu nehmen – jede Erinnerung daran hatte sich tief eingebrannt.
In einer besonders brutalen Nacht, als sie beinahe totgeprügelt wurde, war jemand dazwischengegangen.
Kein Wachmann. Eine Frau – eine Insassin, die mehr Macht hatte als jede andere. Ihre Zelle glich eher einer Privatsuite, und selbst die Wärter hielten Abstand.
Die meisten Gefangenen machten ihr einen weiten Bogen, voller Furcht.
Doch aus irgendeinem Grund hatte sie sich für Maia interessiert. Sie bot ihr Schutz – allerdings unter einer Bedingung. Wenn Maia überleben wollte, musste sie einem Ehevertrag zustimmen und später einen Auftrag ausführen.
Damals, in dieser ausweglosen Lage, blieb ihr keine Wahl. Überleben bedeutete Opfer bringen.
Ohne zu zögern akzeptierte sie die Bedingungen und schwor der Frau, die sie gerettet hatte, ihre Treue.
Jetzt, in Freiheit, war es ihre oberste Pflicht, dieses Versprechen einzulösen. Und das bedeutete, die Ehe einzugehen, zu der sie sich im Gefängnis verpflichtet hatte.
Nicht weit entfernt stand ein Rolls-Royce Phantom im Schatten geparkt.
„Ist das die Frau, die Ihre Tante für Sie ausgesucht hat, Herr?“ Brad Curtis, Chris Coopers persönlicher Assistent, warf einen Blick durch das Autofenster.
Dort stand eine junge Frau mit gesenktem Blick und schlanker Figur.
Sie trug ein schlichtes weißes Hemd und tief sitzende Jeans, bewegte sich mit gelassener Selbstverständlichkeit. Als sie sich dehnte, blitzte kurz ihre schmale Taille auf.
In ihrer stillen Haltung lag etwas Kühnes. Eine Art stiller Trotz, der keine Erlaubnis brauchte.
So hübsch sie war – ihr Vorstrafenregister war nicht zu übersehen.
Brad konnte sich nicht erklären, was Zoey Cooper an dieser Frau gesehen hatte. Warum ausgerechnet sie?
Und noch verwunderlicher war, dass Chris keinerlei Einwände erhoben hatte.
Im Fond des Wagens lehnte Chris entspannt zurück, den Arm lässig auf der Seitenlehne, das Hemd hochgekrempelt, die Unterarme trainiert.
Sein Blick, leicht verengt, ruhte auf der kurzen Enthüllung ihrer Taille, während ein amüsiertes Funkeln über sein Gesicht huschte.
Ohne ein Wort stieß er die Wagentür auf und stieg aus.
„Sind Sie Fräulein Maia Watson?“
Maia drehte sich überrascht um, als sie ihren Namen hörte.
Einen Moment blieb sie wie angewurzelt stehen.
Vor ihr stand ein Mann in einem eng sitzenden schwarzen Hemd, so groß, dass er das Sonnenlicht von ihrem Gesicht abschirmte.
Er sah fast unwirklich aus. Attraktiv auf eine Weise, die sie innehalten ließ. Seine Züge makellos – fast wie gemeißelt.
Konnte das wirklich der uneheliche Sohn der Familie Cooper sein, von dem Zoey gesprochen hatte? Der mit dem schlechten Ruf und den vielen wilden Gerüchten?
Ein kurzer Stich der Unruhe durchfuhr ihre Brust. „Sind Sie… Herr Chris Cooper?“, fragte sie zögernd.
Er nickte knapp.
Maia ließ ihren Blick erneut über ihn schweifen, nahm jedes Detail in sich auf. Seine Kleidung war schlicht, doch es haftete ihm eine stille Eleganz an. Dieses angedeutete Lächeln auf seinen Lippen erreichte nie ganz seine Augen – es ließ gerade genug Raum, um ihre Neugier zu wecken.
„Sie starren schon eine ganze Weile, Fräulein Watson.“ Chris ließ ein leises Lachen hören.
Maia schreckte auf, wandte hastig den Blick ab und wurde sich bewusst, wie offensichtlich sie ihn gemustert hatte.
„Mein Fehler… Wollen wir reingehen?“, fragte sie, bemüht, sich wieder zu fangen.
Gemeinsam gingen sie ins Amt für zivile Angelegenheiten. Als sie wieder hinaustraten, lag die frisch ausgestellte Heiratsurkunde in Chris' Hand.
„Ich halte meinen Teil der Abmachung, Herr Cooper. Sobald Zoeys Wunsch erfüllt ist, verschwinde ich wieder. Ich reiche direkt die Scheidung ein“, sagte Maia.
Gefühle hatten in ihrer Vereinbarung keinen Platz – und sie machte sich keine Illusionen. Die wenigsten Männer würden sich freiwillig auf eine Frau mit Vorstrafenregister einlassen.
Chris neigte den Kopf und sah sie an. Ihr dunkles Haar spielte im Wind, und obwohl sie hübsch war, lag in ihren Augen etwas Unverfälschtes, Ehrliches.
Statt direkt zu antworten, fragte er: „Geht es meiner Tante dort drinnen gut?“
Die abrupte Themenwendung überrumpelte sie, doch sie antwortete schnell: „Sie ist gesund. Es ist nichts passiert.“
Nach einem kurzen Zögern presste sie die Lippen zusammen.
Um ehrlich zu sein – Zoey hatte im Gefängnis nicht nur überlebt, sie hatte sich dort regelrecht eingerichtet.
Es war beinahe ihre Komfortzone.
„Freut mich zu hören“, stellte Chris keine weiteren Fragen. Er griff in seine Tasche, zog eine elegante Kreditkarte hervor und hielt sie ihr hin. „Hier. Ein kleines Willkommensgeschenk.“
Maia schüttelte den Kopf, hob abwehrend die Hände. „Das ist nicht nötig. Ich habe mein eigenes Geld.“
Sicher, sie waren jetzt offiziell verheiratet, aber heute war schließlich ihr erstes Treffen. Und soweit Zoey ihr erzählt hatte, trug Chris zwar den Namen Cooper, wurde aber wie ein Außenseiter behandelt. Weder in der Familie noch im Unternehmen hatte er ein echtes Standing.
Maia war sich ziemlich sicher, dass er keine bedeutende Position innehatte und seine Tage eher ziellos verbrachte.
Sie vermutete, dass er auch finanziell nicht viel auf der hohen Kante hatte.
Allein bei dem Gedanken, etwas von ihm anzunehmen, zog sich in ihr alles zusammen.
Aber Chris blieb unbeirrt. Er nahm ihre Hand, legte ihr die Karte fest in die Handfläche und ließ sie nicht los.
Sein Blick hielt ihren fest – kühl, unergründlich, schwer zu deuten.
„Wir haben gerade die Ehe registriert. Technisch gesehen bin ich jetzt dein Ehemann. Also hast du jedes Recht, mein Geld zu benutzen. Oder lehnst du es ab, weil du nicht zugeben willst, dass ich dein Mann bin?“
Bei dem Wort – Ehemann – huschte ein kaum wahrnehmbares Rot über Maias sonst so gefasste Züge.
„Das habe ich nicht gesagt…“, setzte sie an, doch die Worte versandeten, bevor sie einen passenden Abschluss fand.
Ohne weitere Widerrede nahm sie die Karte an und murmelte ein leises, höfliches Danke.
Chris' Lächeln verriet, dass er mit ihrer Reaktion zufrieden war. „Wohin willst du? Ich fahre dich mit.“
In diesem Moment legte sich ein schwerer Druck auf Maias Brust. Eigentlich hatte sie vor, zurück ins Haus der Familie Morgan zu gehen.
Nicht, weil ihr an dem Haus etwas lag. Was zählte, war das Armband – das letzte Geschenk ihrer Großmutter, Vicki Morgan.
Damals, als Richard und Sandra sie eher wie eine lästige Pflicht behandelt hatten, war Vicki ihre einzige Konstante gewesen. Sie hatte Maia alles beigebracht – vom richtigen Benehmen am Tisch bis zum aufrechten Auftreten in der Öffentlichkeit.
Obwohl sie nicht blutsverwandt waren, war Vickis Liebe so echt gewesen wie die einer leiblichen Großmutter.
Maia wusste mit absoluter Sicherheit: Wäre Vicki noch am Leben, hätte sie sie mit Zähnen und Klauen verteidigt.
Der Gedanke daran hinterließ einen leisen Schmerz, den sie sich jedoch nicht anmerken ließ.
Sie schob das Gefühl beiseite und schenkte Chris ein ruhiges Lächeln. „Ich muss noch etwas erledigen, Herr Cooper. Ich komme allein zurecht.“
„Kein Problem. Wenn was ist, ruf mich einfach an.“
Er reichte ihr seine Nummer und blieb zurück, während sie davonging.
Erst als ihre Silhouette um die Ecke verschwunden war, senkte er den Blick auf die Heiratsurkunde in seiner Hand. Ein wissendes Lächeln umspielte seine Lippen.
Scheidung? Kommt nicht infrage.
Niemand ahnte, wie lange er genau auf diesen Moment gewartet hatte.
Kapitel 3
Maia stand draußen vor den Vista-Villen, den Finger auf der Klingel des Morgan-Anwesens gedrückt.
Sie hatte den Zeitpunkt sorgfältig gewählt – nachmittags war es hier meist ruhig; jeder jagte seinen eigenen Beschäftigungen nach.
Als die Tür quietschend aufschwang, war es Tricia Scott, die langjährige Haushälterin, die ihr öffnete. Ihre Augen weiteten sich vor Schock. „Sind Sie das wirklich, Fräulein Morgan? Ich… ich kann es kaum glauben, dass Sie hier sind!“
Kaum hatte sie das gesagt, schlug sich Tricia erschrocken die Hand vor den Mund.
Der Titel gehörte jetzt Rosanna. Für die Morgans existierte Maia offiziell nicht mehr.
Und sollte Rosanna mitbekommen, wie Tricia sie angesprochen hatte, wäre der Ärger vorprogrammiert.
Mit ruhiger, gefasster Stimme sagte Maia: „Ich bin nur hier, um ein paar meiner Sachen abzuholen.“ Dann trat sie ein – als wäre sie nie fort gewesen.
Wie erwartet lag eine seltsame Leere über dem Haus. Keine Stimmen, keine Schritte.
Als sie sich Richtung Treppe bewegte, eilte Tricia hastig hinter ihr her. „Fräulein… äh, Maia, was genau suchen Sie? Ich kann Ihnen helfen.“
„Schon gut, Tricia. Was ich brauche, sollte noch in meinem Zimmer sein. Ich bin gleich wieder weg.“
Doch kaum wollte sie die nächste Stufe nehmen, stellte sich Tricia ihr in den Weg. Ihr Blick wich nervös allem aus, nur nicht Maias Gesicht. „Also, ähm… was das betrifft…“
Auf Maias Stirn bildete sich eine Falte. Etwas stimmte nicht.
Ihre Stimme verlor an Sanftheit. „Tricia, was ist passiert?“
Tricia ließ die Schultern sinken. Ein schwerer Seufzer entwich ihr. „Fräulein Morgan hat alles ausgeräumt, nachdem Sie verhaftet wurden. Ihr altes Zimmer… das ist jetzt nur noch ein Abstellraum.“
Maia erstarrte. Ihre Augen weiteten sich, während sich der Schock in ihr festsetzte. „Alles?“ War also auch das Armband weg, das Vicki ihr hinterlassen hatte?
Ein langsames, bedauerndes Nicken von Tricia beantwortete die Frage.
Die Wahrheit traf Maia hart – brutal und unerwartet wie ein Blitz.
Jemand wie Rosanna hätte sich niemals getraut, ihre Sachen wegzuwerfen, wenn Richard und Sandra nicht dahintergestanden hätten.
Ihr ganzer Körper zitterte, als sie die Fäuste ballte.
Dieses Armband war Vickis letztes Geschenk gewesen – ein Symbol echter Zuneigung in einem Haus, das ihr nie Liebe geschenkt hatte.
Wut stieg in ihr auf – heiß, unkontrollierbar, überwältigend.
Sie hatte versucht, sich von den Morgans zu lösen, das Vergangene hinter sich zu lassen. Aber nun kochte all das, was sie verdrängt hatte, wieder hoch.
Da ertönte hinter ihr eine Stimme, die sie wirklich nicht vermisst hatte. „Ich wusste, dass du wieder auftauchst, Maia!“
Maia drehte sich um.
Jarrod stand ein paar Schritte entfernt, dieses überhebliche Grinsen wie festgetackert im Gesicht.
Rosanna hatte sich demonstrativ an Sandras Arm geklammert – ganz die vorbildliche Tochter, auch wenn keine Kameras liefen.
Tricia verließ stumm den Raum, spürte sofort, wie dick die Luft war.
Jarrod kam näher, überragte Maia leicht, sein Blick voller spöttischer Überheblichkeit.
„Ganz schön mutig, was du heute Morgen vor dem Gefängnis abgezogen hast. Und jetzt das hier? Sich heimlich reinschleichen?“ Er verzog das Gesicht zu einem herablassenden Lächeln. „Lass mich raten: Mit deinem Vorstrafenregister will dich keiner einstellen. Also kriechst du zurück – wir sind die Einzigen, die dir überhaupt noch was hinwerfen würden, stimmt's?“
Er hob spöttisch die Brauen, seine Stimme triefte vor Sarkasmus. „Wie wär's damit: Gib alles zu. Mach eine öffentliche Entschuldigung an die Familie Morgan – und vielleicht lassen wir dich aus Mitleid hierbleiben. Klingt doch fair, oder?“
Jarrod hatte seit dem Morgen vor Wut gekocht.
Maia hatte den Namen der Morgans mit ihrem Auftritt vor der Presse beschmutzt – und obwohl er sich damals noch zurückgehalten hatte, war damit jetzt Schluss.
Jetzt, wo sie ausgerechnet in ihr Haus zurückgekehrt war, würde er jedes bisschen Trotz, das sie aus dem Gefängnis mitgebracht hatte, endgültig zerschmettern.
Maia gehörte an ihren Platz verwiesen, und für Jarrod war es höchste Zeit, das selbst in die Hand zu nehmen.
Eine Entschuldigung, ein neuer Anfang – und Abstand zu Rosanna. Mehr würde es nicht brauchen, damit er bereit war, Maia wieder in der Familie zu dulden.
Sie bei sich wohnen zu lassen, kostete kaum etwas. Ein Dach über dem Kopf und drei Mahlzeiten am Tag – das war nicht mehr als ein paar Groschen aus der Portokasse.
Und selbst Schnorrer wussten normalerweise, wie man sich benahm. Ein wenig Demut – das war doch wohl nicht zu viel verlangt. Aber Maia tat so, als schulde ihr die Welt etwas.
Allein dieser Gedanke brachte Jarrod zur Weißglut.
Als Maia auf ihn zutrat, hob er die Brauen und verschränkte die Arme. Er rechnete fest damit, dass sie stehen bleiben und ihn um Vergebung bitten würde.
Doch statt anzuhalten, ging sie einfach an ihm vorbei – ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen – direkt auf Rosanna zu.
Die Selbstzufriedenheit wich augenblicklich aus Jarrods Gesicht.
Dann vielleicht… vielleicht wollte Maia sich bei Rosanna entschuldigen. Immerhin hatte sie sie öffentlich bloßgestellt. Das musste es sein.
Doch was Maia als Nächstes sagte, zerstörte diesen Gedanken auf der Stelle. „Wo sind meine Sachen, Rosanna?“
Rosanna erstarrte. Ein kurzer Moment der Überraschung flackerte in ihren Augen, bevor sie sich ein Gesicht reiner Unschuld aufsetzte. „Welche Sachen? Maia, ich hab keine Ahnung, wovon du redest.“
In Maias Blick loderte eine Kälte auf, die nicht nur ansah – sie schnitt.
Ihre Augen fixierten Rosanna wie ein Messer, und ihre Stimme war flach, frei von jeder Regung. „Ich frage dich ein letztes Mal: Wo hast du alles hingebracht, was in meinem Zimmer war?“
Sofort verzog sich Rosannas Gesicht zu einem bemitleidenswerten Ausdruck, und Tränen rollten über ihre Wangen. „Ich wollte dir nichts Böses, Maia. Ich dachte nur… wenn ich alles einfach da lasse, geht es vielleicht kaputt. Ich wollte es ersetzen, sobald du zurück bist, also hab ich—“
Ein lauter Schlag zerschnitt die Luft – hart, scharf wie ein Peitschenhieb.