Kapitel 3
Das Lächeln auf Klaras Gesicht fühlte sich an wie eine Gipsmaske, die an den Rändern Risse bekam. Kalter Schweiß brach ihr auf der Stirn aus, und die plappernden Stimmen der Partygäste verschwammen zu einem dumpfen Dröhnen. Sie musste weg.
Sie murmelte eine Entschuldigung und floh in die Damentoilette, die vergoldete Tapete schien sich um sie zu schließen. Sie starrte ihr Spiegelbild im kunstvollen Spiegel an. Ihr Gesicht war blass, ihre Augen gequält. Das war nicht die selbstbewusste, souveräne Klara Jensen, die jeder kannte. Das war eine Fremde, eine Frau, die von Trauer ausgehöhlt war.
Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und versuchte, die Übelkeit zu unterdrücken, die ihr in der Kehle aufstieg. Der Schmerz in ihrer Brust war ein physisches Gewicht, ein erdrückender Druck, der das Atmen erschwerte. Es fühlte sich an, als würde ihr Herz buchstäblich brechen.
Als sie ihr Gesicht trocknete, hörte sie ein leises Geräusch aus dem angrenzenden Salon, einem Raum, der bei Partys selten genutzt wurde. Ein Kichern, gefolgt von einem leisen Murmeln.
Ihr Herz blieb stehen. Sie kannte dieses Murmeln.
Sie stieß die Tür einen Spalt breit auf. Der Salon war schwach beleuchtet, aber sie konnte sie deutlich sehen. Benedikt hatte Aria gegen ein Bücherregal gedrückt, sein Mund verschlang ihren. Es war kein sanfter Kuss; er war hungrig, besitzergreifend.
Arias leises Stöhnen erfüllte den kleinen Raum. „Benedikt“, hauchte sie, ihre Hände in seinem Haar vergraben. „Jemand wird uns sehen.“
„Sollen sie doch sehen“, knurrte er gegen ihre Lippen, seine Hand glitt ihren Rücken hinab und umfasste ihren Po durch die rote Seide ihres Kleides. „Ich will dich vorzeigen.“ Er zog sich leicht zurück, seine Augen dunkel vor einer Lust, die Klara seit Jahren nicht mehr auf sich gerichtet gesehen hatte. „Bei Klara geht es nur um den Verstand, die Seele. Bei dir … ist es das hier.“ Er deutete auf ihre aneinandergepressten Körper. „Das ist es, was real ist.“
Die Worte durchschnitten Klara, eine letzte, brutale Bestätigung ihrer tiefsten Angst. Sie wurde nicht nur ersetzt; sie wurde abgewertet, ihre Liebe und Kameradschaft als etwas Zerebrales und Leidenschaftsloses abgetan.
„Sei heute Abend ein braves Mädchen für mich“, flüsterte Benedikt, seine Lippen strichen über ihre Kieferlinie. „Und ich kaufe dir das kleine Cartier-Armband, das du wolltest.“
„Ja, Benedikt“, schnurrte Aria und legte den Kopf in den Nacken.
Er gab ihr einen letzten, harten Kuss, und dann gingen sie zur Tür. Klara huschte zurück in die Damentoilette, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Sie sah ihnen nach, wie sie gingen, sein Arm besitzergreifend um Arias Taille, und eine Welle der Agonie, so tief, dass sie körperlich war, überkam sie.
Sie erinnerte sich an ihre eigene Intimität, wie sie immer vorsichtig, zurückhaltend, fast ehrfürchtig gewesen war. Er hatte immer behauptet, es sei, weil er so große Angst hatte, sie zu verletzen, vor einer Leidenschaft, die zu einer Schwangerschaft führen könnte, die sie töten könnte. Es war eine Lüge. Er hatte keine Angst vor Leidenschaft. Er empfand sie nur nicht für sie. Er hatte sie für jemand anderen aufgespart. Für das junge, nachgiebige Mädchen, das ihr gerade genug ähnelte, um eine Fantasie zu sein, aber anders genug, um eine Flucht zu sein.
Sie spürte eine Welle kalten, bitteren Verständnisses. Natürlich war er besessen von Aria. Sie war das Einzige, was Klara nicht sein konnte: jung, unbelastet und in seinen Augen fruchtbar. Eine leere Leinwand, auf die er seine eigene Zukunft schreiben konnte, frei vom Trauma der Familie von Rönne.
Der Schmerz war ein lebendiges Ding in ihr, ein Biest, das an ihren Eingeweiden kratzte. Irgendwie schaffte sie es, sich zu fassen, zurück in die glitzernde Party zu gehen, die Maske der perfekten Gastgeberin wieder aufzusetzen.
Sie sah Aria quer durch den Raum, eine triumphierende Röte auf ihren Wangen. Ein kleiner, dunkler Fleck, ein Knutschfleck, war knapp über dem Kragen ihres Kleides sichtbar. Der Anblick war eine neue Qual.
Aria fing ihren Blick auf und kam zu Klaras Schock auf sie zu. Sie sah nervös aus und umklammerte ein Champagnerglas.
„Frau von Rönne“, begann sie mit leicht zittriger Stimme. „Der Champagner … er ist ein bisschen zu stark für mich. Könnten Sie … könnten Sie mir etwas Wasser holen?“
Die Dreistigkeit war atemberaubend. Die Geliebte, frisch von einem geheimen Tête-à-Tête mit ihrem Mann, bat die Ehefrau, ihr ein Getränk zu holen.
Klaras Inneres zog sich zu einem festen, wütenden Knoten zusammen. Ihre Hand, die mit dem verstauchten Arm, zitterte.
Und dann, die Katastrophe.
Aria, die vielleicht die Veränderung in Klaras Haltung spürte, machte einen nervösen Schritt zurück. Sie stieß gegen ein hohes, gestuftes Display von Champagnergläsern, ein Herzstück der Party. Der Turm wackelte bedenklich. Für eine schreckliche Sekunde schien er in der Luft zu hängen, und dann stürzte er in einer ohrenbetäubenden Kaskade aus zersplitterndem Glas und schäumendem Champagner zusammen.
Klara stand direkt in seiner Bahn. Sie hob ihren gesunden Arm, um ihr Gesicht zu schützen, aber es war nutzlos. Scharfe Glasscherben regneten auf sie herab und schnitten in ihre Arme und Schultern. Ein großes Stück traf ihre Stirn, und ein warmer Schwall Blut strömte ihr über das Gesicht. Sie schrie auf, stolperte rückwärts und fiel hart auf den Marmorboden.
Durch das Klingeln in ihren Ohren sah sie Benedikt. Er rannte, sein Gesicht eine Maske des Schreckens. Für einen flüchtigen, törichten Moment dachte sie, er renne zu ihr.
Aber er rannte direkt an ihr vorbei.
Er ging zu Aria, die mit Champagner bespritzt, aber ansonsten unverletzt war. Er zog sie in seine Arme und schirmte sie mit seinem Körper ab, als wäre sie diejenige in Gefahr.
„Aria! Geht es dir gut? Bist du verletzt? Das Baby!“, rief er und tastete sie panisch ab.
Er ignorierte Klara völlig. Sie lag auf dem Boden, blutend und gebrochen, für ihn unsichtbar. Er blickte einmal auf sie herab, seine Augen kalt und genervt, als wäre sie nur eine Unannehmlichkeit, ein Chaos, das aufgeräumt werden musste. Dann drehte er ihr den Rücken zu, seine ganze Aufmerksamkeit auf Aria gerichtet, und murmelte leise Beruhigungen in ihr Haar.
Klara lag auf dem kalten, champagnergetränkten Marmor, die Glasscherben gruben sich in ihre Haut. Sie blickte auf die Trümmer des Champagnerturms, eine perfekte Metapher für ihr zerbrochenes Leben. Der Schmerz von ihren Schnitten war scharf, aber er war nichts im Vergleich zur Qual, so völlig und restlos verlassen zu sein.
Sie schaffte es, sich aufzurappeln, ihr schwarzes Kleid war nun mit Blut befleckt. Sie verließ die Party und hinterließ eine Spur blutiger Fußabdrücke auf dem makellosen weißen Marmor. Niemand hielt sie auf. Niemand schien auch nur zu bemerken, dass sie weg war.
Sie nahm ein Taxi zur nächsten Notaufnahme, dieselbe, in der sie erst eine Woche zuvor gewesen war.
„Sind Sie allein hier, meine Dame?“, fragte die Triage-Schwester, ihre Augen voller professionellem Mitleid, als sie die Wunde auf Klaras Stirn betrachtete.
„Ja“, sagte Klara mit hohlem Flüstern. „Ich komme allein zurecht.“
Von ihrer durch einen Vorhang abgetrennten Kabine aus konnte sie sie sehen. Benedikt hatte Aria ins selbe Krankenhaus gebracht, in ein Privatzimmer den Flur hinunter. Er umsorgte sie, legte ihr eine Decke um die Schultern, sein Gesicht ein Bild zärtlicher Sorge.
Er strich über Arias Wange, sein Daumen wischte sanft eine nicht vorhandene Träne weg. „Mach dir keine Sorgen“, murmelte er, seine Stimme hallte den leisen Flur entlang. „Ich kümmere mich um alles.“
Es war ein schmerzhaftes Echo der Worte, die er einst zu ihr gesagt hatte. Die Schwestern auf der Station flüsterten, kommentierten, wie hingebungsvoll er war, was für ein liebevoller Partner er zu sein schien.
Klara beobachtete sie, eine Zuschauerin des Lebens, das ihres hätte sein sollen. Sie sah ihn jetzt, wie er wirklich war: ein Mann, der nicht nur einen Ersatz wollte, er hatte sie bereits ersetzt. In seinem Herzen, in seinem Leben war sie bereits gegangen.
Und in diesem kalten, sterilen Krankenhauszimmer wusste Klara, dass sie es offiziell machen musste. Sie musste verschwinden. Für immer.