Kapitel 2
Valerie
„Warum bist du nicht unten? Weißt du nicht, dass deine Eltern und Alyn auf dich warten?“ bellte er und starrte mich wütend an.
Der Tradition nach konnte das Frühstück im Rudelhaus nicht beginnen, ohne dass ich anwesend war. Deshalb quälte ich mich jeden Morgen so früh aus dem Bett, obwohl ich alles andere als ein Morgenmensch war.
Wäre ich nicht wie erstarrt gewesen, hätte ich es vielleicht früher bemerkt.
„Ich… es tut mir leid“, stammelte ich, „ich war nur gerade –“
„Keine Ausreden“, unterbrach er mich scharf. „Alyn hat sich gerade erst von ihrer Erkältung erholt, und du lässt sie auf das Essen warten? Komm jetzt, damit endlich alle essen können.“
Ich presste die Lippen zusammen, während er sich umwandte, ohne mir auch nur ein weiteres Wort zu gönnen. Der Schock wich einem vertrauten, dumpfen Schmerz, und ich lächelte bitter.
Natürlich. Das Einzige, was für ihn zählte, war Alyn.
Ich hatte gedacht, ich hätte mich daran gewöhnt. Aber dieses Mal, dieses zweite Mal, tat es noch mehr weh.
„Da bist du ja endlich!“, schnaubte meine Mutter, als ich den Raum betrat. „Das Essen wird kalt. Willst du etwa, dass Alyn wieder krank wird?“
Ich biss die Zähne zusammen. Alyn hätte jederzeit essen können – genau wie meine Eltern, wenn sie in ihren eigenen Häusern geblieben wären. Aber nein. Sie bestanden darauf, ins Rudelhaus zu kommen, das eigentlich nur Tristan und mir gehören sollte. Mit Alyn im Spiel hatte er ihnen praktisch ein zweites Zuhause hier eingerichtet.
Wäre diese Tradition nicht gewesen, hätten sie mich wahrscheinlich komplett vergessen.
„Mom, ist schon gut. Sei nicht so streng mit Schwester. Bestimmt hatte sie etwas Wichtiges zu tun“, sagte Alyn mit ihrem gewohnt anmutigen Lächeln. Mir drehte sich der Magen um bei diesem Anblick – dieses Lächeln, das ich nun mit ihren wahren Geständnissen in Verbindung brachte.
„Entschuldige sie nicht auch noch“, mischte sich Tristan ein, der neben mir stand. Er würdigte mich nicht einmal eines Blickes. „Sie hat nichts getan, außer faul zu sein.“
Ich schluckte schwer, ließ seine Worte auf mich wirken und setzte mich schließlich.
Es fühlte sich an wie ein ganz normaler Tag, genau wie in meinem früheren Leben. Doch jedes Mal, wenn ich Alyn ansah, war ich auf der Hut, als erwartete ich, dass sie sich jeden Moment auf mich stürzen würde. Aber nichts geschah.
Sie würde es nicht tun, wurde mir klar. Sie musste ihre Bosheit gar nicht offen zeigen, nicht, solange ohnehin alle auf ihrer Seite standen.
Und ich war die Einzige, die die Wahrheit kannte.
Während des gesamten Frühstücks beklagten sich meine Eltern über dies und das, was angeblich wieder einmal meine Schuld war. Alyn schwieg meistens, verteidigte mich nur schwach und halbherzig , was die Vorwürfe gegen mich nur noch mehr anheizte. Es war subtil, aber so offensichtlich, dass es in mir immer bitterer wurde.
Und doch konnte ich nichts dagegen tun.
War es nicht genau wie in meinem früheren Leben?
Jetzt sah ich kristallklar, wie geschickt sie alle gegen mich aufgebracht hatte, während sie sich gleichzeitig bei ihnen einschmeichelte, ihre Bewunderung gewann und ihren gesamten Zorn auf mich lenkte.
Und alle spielten mit, ohne auch nur das Geringste zu ahnen.
Ich hatte in meinem früheren Leben so sehr gekämpft, hatte auf Veränderung gehofft, und was hatte es mir eingebracht?
Würde es diesmal überhaupt etwas nutzen?
Der Appetit war mir längst vergangen. Allein der Anblick des Essens ließ mein Blut kochen und Tränen in meine Augen steigen. Es war selbstverständlich nach Alyns Geschmack zubereitet worden. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hatte, das mir wirklich schmeckte.
Die Übelkeit wurde stärker. Ich blickte mich um – alle waren auf Alyn fixiert. Niemand bemerkte mich. Niemand interessierte sich für mich.
Das ging schon so lange so. Ein elendes, machtloses Dasein.
Bevor ich mich versah, platzte es aus mir heraus. Ich schlug mit beiden Händen auf den Tisch, dass das Geschirr klirrte, und stürmte hinaus. Ich konnte es keine Sekunde länger ertragen.
Ich hatte ihr Verhalten erwartet, ja – aber es noch einmal zu durchleben machte alles nur noch klarer. Kaum hatte ich die Tür zu meinem Zimmer hinter mir zugeschlagen, brach ich zusammen und ließ den Tränen freien Lauf.
Jetzt wusste ich alles, was sie getan hatte – aber was brachte das schon? Ich hatte immer gekämpft, hatte mein Bestes für das Rudel gegeben, und dafür war ich nur herabgewürdigt worden. Es lag nicht nur an ihrer Hinterhältigkeit. Sie glaubten ihr blind und mir nie.
Warum sollte ich mich noch für Leute aufopfern, die sich nicht einmal die Mühe gaben, in meinen letzten Atemzügen bei mir zu sein?
Gegen sie zu kämpfen war sinnlos. Sie hatte bereits gewonnen. Egal, wie ich es anstellte – ich würde verlieren und elend sterben.
Entschlossenheit erfüllte mich. Dieses Mal durfte es nicht dazu kommen.
Mein Tod hatte mit einem kleinen Konflikt begonnen – ausgerechnet von Alyn mit einem anderen Rudel angezettelt. Die Lösung wäre einfach gewesen, hätten sie mir nur zugehört. Doch Tristan und das Rudel hatten mich ignoriert.
Nicht nur sie – das ganze Rudel war weder für mich noch für mein ungeborenes Kind sicher.
Ich schluckte hart.
Die Lösung war einfach: Ich musste meine Position als Luna aufgeben, die Gefährtenbindung lösen und das Rudel verlassen. Das bedeutete, zur Roge zu werden und alles zurückzulassen, was ich kannte, alles, wofür ich mein Leben lang gearbeitet hatte.
Aber es bedeutete auch Freiheit von diesem höllischen Albtraum. Es bedeutete, endlich zu leben.
Ich schloss die Augen fest. Hastig ging ich zum Schreibtisch, zog ein Blatt Papier heraus und begann zu planen.
Das Leben würde anders werden – aber es würde sich lohnen. Ich hatte Ersparnisse, die ich kaum angerührt hatte (immer nur für das Rudel). Damit konnte ich mir ein neues Leben aufbauen, in der Menschenwelt überleben.
Manche Städte grenzten an andere Rudel-Territorien, aber ich hatte nicht vor, aufzufallen. Wenn ich unauffällig blieb, konnte ich friedlich unter Menschen leben.
Ein Funke Hoffnung glomm in meiner Brust auf. Das konnte die Lösung sein. Ein Neuanfang. Die Chance, wieder herauszufinden, wer ich wirklich war – ohne Ketten. Ohne dieses Ort, an dem ich machtlos und verletzlich blieb.
Vielleicht hatte die Mondgöttin tatsächlich Erbarmen mit mir gehabt. Wie auch immer – ich würde diese zweite Chance nicht verschwenden.
Dafür war eine Wiedergeburt doch da, oder nicht?
Plötzlich öffnete sich die Tür. Ich drehte mich um und sah Mina mit einem Tablett in den Händen.
„Ich weiß, dass du unten kaum etwas gegessen hast, deshalb habe ich dir noch ein zweites Frühstück gemacht“, sagte sie leise und stellte das Tablett auf meinem Schreibtisch ab. Sie hatte sicher mitbekommen, was beim Frühstück passiert war.
Der Duft des Essens ließ Tränen in meine Augen steigen. Es waren Blaubeer-Pfannkuchen – meine absoluten Lieblinge.
„Wie geht es dir, Luna?“, fragte sie sanft. Sie war die Erste – und wahrscheinlich auch die Letzte –, die diese Frage stellte.
„Mina“, flüsterte ich. Sie war nur eine einfache Bedienstete, und doch war sie die Loyalste und Fürsorglichste gewesen. Ich erinnerte mich noch genau an meine letzten, nebelhaften Momente, wie sie mich gehalten hatte. Sie war die Einzige, die wirklich zu mir gehalten und um mich geweint hatte.
Die plötzliche Verletzlichkeit ließ mich sprechen, ohne nachzudenken.
„Was würdest du davon halten, diesen Ort zu verlassen?“, fragte ich.
„Luna?!“, entfuhr es ihr erschrocken.
Ich schüttelte schnell den Kopf.
„Ach, vergiss es. Das war nur ein dummer Gedanke.“
Ich schickte sie rasch hinaus und wandte mich wieder dem Notizbuch zu, in dem ich gekritzelt hatte. Die Pläne waren noch grob, aber ich war entschlossen.
Ich würde gehen.
…
‚Es ist so weit‘, dachte ich, während ich auf die Feier blickte, die ich bereits einmal erlebt hatte.
Die Vorbereitungen für die Jahrestagsfeier hatte ich mühelos erledigt. Die meiste Zeit der Woche hatte ich jedoch damit verbracht, meinen wahren Plan vorzubereiten.
Nun stand ich wieder im selben weiß-goldenen Kleid wie damals und war bereit.
Und ich hatte bewusst genau diesen Tag gewählt.
Ein Seitenblick genügte, und mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Neben mir beugte sich Tristan zu Alyn, fütterte sie, lachte mit ihr, tröstete sie. Es war unsere Jahrestagsfeier – und doch benahm er sich, als wäre sie seine Luna. Vor den Augen des gesamten Rudels.
Ich konnte seine offene Demütigung nicht verhindern. Ich hörte das Getuschel um mich herum, das höhnische Flüstern. Warum war ausgerechnet ich seine Gefährtin, wenn er doch offensichtlich sie bevorzugte? Hatte die Mondgöttin einen Fehler gemacht? Warum war ich nicht schwanger?
„Ein ganzes Jahr, und die Luna ist immer noch nicht schwanger?“, raunte jemand.
„Wenn sie sich ein bisschen mehr Mühe geben würde, hätten wir vielleicht schon einen Erben“, kicherte ein anderer laut genug, dass es durch den ganzen Saal hallte. Für einen Moment trat tödliche Stille ein.
Mein Herz schmerzte, obwohl ich genau diese Worte erwartet hatte. Ich biss die Zähne zusammen, stand abrupt auf und wollte gehen.
Ich wusste, dass ich nicht weit kommen würde.
Genau wie ich es vorausgesehen hatte, erhob sich Alyn neben mir, als wollte sie mich trösten. Doch als ich mich zu ihr umwandte, keuchte sie theatralisch auf.
Der Rotwein aus ihrem Glas ergoss sich über ihr grünes Kleid – und es sah aus, als hätte ich ihn absichtlich verschüttet.
„Valerie! Was hast du getan?!“, brüllte Tristan und sprang auf.
Ich lächelte bitter, während ich ihr schockiertes Gesicht betrachtete. Ich konnte kaum glauben, dass ich früher einmal auf diese falsche Vorstellung hereingefallen war. Das war ihr Plan gewesen – mich noch mehr in Verruf zu bringen, obwohl sie ohnehin schon alles hatte.
„Nein, Tristan, es war ein Unfall. Valerie hat das nicht absichtlich gemacht“, flehte sie und schmiegte sich eng an ihn.
„Entschuldige dich!“, fuhr er mich an und ignorierte sie vollkommen. Meine Eltern erhoben sich und funkelten mich wütend an.
‚Demütigend, nicht wahr?‘, dachte ich verbittert. Er zögerte nicht eine Sekunde, vor dem ganzen Rudel zu zeigen, wem sein Herz wirklich gehörte.
In meinem früheren Leben hatte ich mich gewehrt, hatte beteuert, dass es keine Absicht war – vergeblich. Meine Eltern hatten mich ignoriert, das Rudel hatte neue Gerüchte gestreut, dieses Mal über meine Boshaftigkeit gegenüber Alyn. Am nächsten Tag war Alyn persönlich zu mir gekommen und hatte unschuldig gejammert, dass sie das alles nicht gewollt habe.
Dieses Mal jedoch würde alles anders laufen.
Ich lächelte ruhig, neigte den Kopf und sagte klar und deutlich:
„Es tut mir so leid, Alyn.“
Als ich wieder aufsah, sah ich das pure Entsetzen in ihren Gesichtern – und wie Alyns Maske für einen winzigen Moment brach. Ihr Plan war gescheitert.
Sie hatte damit gerechnet, dass ich protestieren und mich damit selbst noch tiefer in die Sache verstricken würde. Aber das war nicht mehr nötig. Nicht, wenn ich ein ganz anderes Ziel verfolgte.
Ich trat einen Schritt von ihnen weg und wandte mich dem Rudel zu.
„Es scheint, als würde ich selbst an einem so freudigen Tag wie heute dem Rudel nur Schande machen“, sagte ich mit einem traurigen Lächeln. „Überall, wohin ich gehe, folgen mir Gerüchte, und sogar das Rudel, dem ich mit aller Kraft diene, sieht in mir nur eine Last.“
Die Rudelmitglieder starrten mich in fassungslosem Schweigen an. Hatten sie wirklich gedacht, ich würde das alles weiterhin schweigend ertragen?
„Deshalb habe ich eine Entscheidung getroffen“, fuhr ich fort und hob stolz das Kinn.
„Ich werde dieses Rudel verlassen.“
Ein Raunen ging durch die Menge.
„Ich trete hiermit als Luna des Eclipse-Rudels zurück!“
Kapitel 3
Valerie
Stille erfüllte den Saal. Niemand sagte ein Wort, während alle mich anstarrten.
„Was redest du da?! Bist du plötzlich verrückt geworden?“ Mein Vater fuhr plötzlich auf und riss mich damit aus meinen Gedanken.
Innerlich lächelte ich. Ich war nicht verrückt. Im Gegenteil – es war die klarste, am besten durchdachte Entscheidung, die ich je getroffen hatte.
Genau diesen Tag zu wählen, obwohl ich genau wusste, welche Gerüchte, welche Schande und Demütigung er mit sich bringen würde, war der perfekte Weg, um zu entkommen. Hier hatte ich einen plausiblen Grund, es zu tun, ohne Verdacht zu erregen, und Alyns Verhalten hatte mir die ideale Ablenkung geliefert.
Spielte das eine Rolle? Sie würden es ohnehin nicht erfahren, und ich würde es ihnen ganz sicher nicht erzählen.
„Ich habe meine Entscheidung bereits getroffen, Vater, Mutter“, sagte ich ruhig und drehte mich dann zu Tristan um.
„Alpha Tristan, ich verstoße dich als meinen Gefährten. Die Mondgöttin ist Zeugin“, sprach ich laut und deutlich.
Im selben Augenblick riss die Gefährtenbindung mit einem schmerzhaften Reißen entzwei, doch ich blieb äußerlich ruhig stehen. Das brennende Gefühl dauerte an, während ich ihn ansah – völlig außer Atem, taumelnd, als hätte ihn ein Schlag getroffen.
„Was zur …“, hauchte er, sichtlich schockiert.
„Ich weiß, dass du niemals vorhattest, mit mir zusammen zu sein. Nicht, solange deine wahre Liebe an deiner Seite war. Ich war ein Hindernis für euch – aber das bin ich jetzt nicht mehr“, erklärte ich mit fester Stimme.
„Die Gerüchte hatten recht. Unsere Bindung war ein Fehler der Mondgöttin, und ich korrigiere diesen Fehler jetzt. Ab sofort kannst du mit der Schwester zusammen sein, die du immer wolltest.“
Er wirkte benommen, als könnte er meine Worte nicht begreifen, aber ich wusste, dass er zustimmen würde.
‚Du hast mich ohnehin nie geliebt‘, dachte ich bitter. Ich war eine Närrin gewesen, so lange an etwas festzuhalten, das nie echt gewesen war. Jetzt war die Zeit gekommen, endgültig weiterzugehen.
Ihn anzusehen tat weh, deshalb richtete ich meinen Blick auf Alyn.
Ich traf auf einen misstrauischen Blick. Ihre Augen waren schmal, als versuchte sie, in meinen Gedanken zu lesen. Das ließ mich nur noch breiter lächeln.
‚Nicht jeder ist wie du, Alyn‘, dachte ich stumm. Wenn überhaupt, dann hatte ich ihr gerade alles unglaublich leicht gemacht.
„Ich wünsche euch beiden alles Glück der Welt“, sagte ich, drehte mich um und verließ den Saal.
Erst als ich außer Sichtweite war, liefen mir Tränen über die Wangen, doch ich schluckte sie hinunter. Darauf hatte ich mich vorbereitet. Das war genau das, was ich brauchte.
Länger in diesem Rudel zu bleiben hätte mich früher oder später umgebracht.
Ich hastete in mein Schlafzimmer – mein Gepäck stand bereits fertig gepackt, und draußen wartete ein unauffälliger Wagen auf mich. Ein letzter Blick in die luxuriösen Räume – ich empfand nichts. In diesem Haus hatte es nie Liebe für mich gegeben.
Ich schnappte mir die Koffer und wollte gerade gehen, als ich wie angewurzelt stehen blieb.
„Luna“, begrüßte mich Mina und hielt ebenfalls eine Tasche in der Hand. Ich sah sie völlig schockiert an.
„Was machst du hier?“, flüsterte ich fassungslos, während sie näher kam. Hatte sie denn nichts mitbekommen?
„Ich hatte schon so ein Gefühl, als du mir diese seltsame Frage gestellt hast. Ich war geschockt, aber ich habe eine Antwort für dich.“
„Ich komme mit dir. Du warst immer gut zu mir, deshalb bleibe ich an deiner Seite, Luna“, sagte sie ernst.
Meine Lippen zitterten. Ohne zu zögern fiel ich ihr um den Hals und drückte sie fest an mich.
„Ab sofort nennst du mich Valerie. Ich bin nicht mehr deine Luna“, sagte ich mit erstickter Stimme und schniefte.
Sie nickte, als wir uns wieder voneinander lösten.
„Draußen, ohne Rudel, wird das Leben schwer werden. Bist du dir wirklich sicher?“, fragte ich noch einmal nach.
„Ja … Valerie“, lächelte sie warm.
Ich atmete tief aus und ergriff ihre Hand.
Ich ging ins Ungewisse, aber wenigstens war ich nicht allein.
…
ZWEI MONATE SPÄTER
„Vielen Dank für Ihren Besuch!“ Mina winkte der letzten Kundin hinterher. Als der Laden endlich leer war, ließ sie sich erschöpft auf den Tresen sinken.
„Endlich Pause“, stöhnte sie und streckte sich genüsslich.
„Träum weiter“, lachte ich und verließ den Tresen, „ich hole uns Tee.“
„Göttin, ja bitte!“, seufzte sie theatralisch, als hätte ich ihr das Leben gerettet. Ich verdrehte die Augen über ihre Dramatik und trat aus dem Laden.
In nur zwei Monaten hatte sich alles verändert.
Wir waren in eine völlig andere Stadt gezogen, viele hundert Kilometer entfernt vom Rudel. Die Stadt lag genau im Niemandsland zwischen mehreren Territorien – ein Ort, an dem uns kein Rudel bemerken würde. Ich hatte diesen Platz bewusst gewählt und fast meine gesamten Ersparnisse dafür verwendet, eine kleine Wohnung und das darunterliegende Ladengeschäft zu kaufen.
Gemeinsam hatten wir einen Blumenladen eröffnet, und das Geschäft lief überraschend gut. Trotz meiner anfänglichen Sorgen hatte ich mich schnell an die Welt der Menschen gewöhnt, und die ständige Angst war nach und nach verschwunden.
Hier war ich endlich frei von all den Lasten, die ich so lange mit mir herumgetragen hatte. Keine Gefahr, keine ständige Beobachtung, kein Schmerz mehr. Ich war frei.
Der dumpfe Nachhall der gebrochenen Gefährtenbindung schmerzte zwar ab und zu noch, wenn meine Gedanken abschweiften, aber ich hatte gelernt, damit umzugehen.
„Danke“, murmelte ich der Bedienung im Nachbarcafé zu und zwinkerte ihr kurz zu, bevor ich mit den beiden Teebechern wieder ging. Als ich mich unserem Laden näherte, schlug mein Instinkt plötzlich Alarm.
Etwas stimmte nicht.
Und tatsächlich: Als ich die Tür aufstieß, sah ich mehrere Männer, die den Laden umringt hatten. Allein an ihrer Haltung und Ausstrahlung erkannte ich sofort, was sie waren.
Werwölfe.
Mina blickte mir entsetzt entgegen. Sie konnte sich offensichtlich nicht rühren – einer der Männer hielt sie fest. Zum Glück war sie unverletzt.
„Wer seid ihr?“, fragte ich vorsichtig und ließ den Blick über die Gruppe schweifen.
„Luna Valerie“, trat einer der Männer vor, „wir wollen Ihnen nichts tun, aber Alpha Alistair möchte Sie sprechen.“
Mir stockte der Atem.
„Alpha Alistair lässt Sie herzlich grüßen.“
Alistair – Alpha des Shadow-Mond-Rudels.
Dasselbe Rudel, das im Konflikt mit dem Eclipse-Rudel stand. Dasselbe Rudel, das in meinem früheren Leben versucht hatte, Tristan zu ermorden. Dasselbe Rudel, das mich getötet hatte.
Die Angst schnürte mir die Kehle zu, aber ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Diese Stadt lag zwar nahe an seiner Grenze, aber doch weit genug entfernt, dass man uns normalerweise nicht bemerken würde.
Das hier hätte nicht passieren dürfen.
„…In Ordnung“, sagte ich schließlich.
Mina wurde sofort losgelassen, durfte aber nicht zu mir kommen. Ich versuchte, ihr einen beruhigenden Blick zuzuwerfen, bevor sie mich abführten.
Im Auto schloss ich die Augen und stählte mich innerlich für das, was nun kommen würde.
Nach fast einer halben Stunde Fahrt erreichten wir das berüchtigte Rudelgebiet.
Die Sorge fraß an mir. Eigentlich hatte ich keinen Grund, Angst zu haben. Ich war geflohen, bevor der große Konflikt zwischen den Rudeln überhaupt begonnen hatte – und selbst damals war nicht ich die Ursache gewesen, sondern Alyn, die bei einem Treffen mehrerer Rudel das Shadow-Mond-Rudel schwer beleidigt hatte. Was mit einer einfachen Entschuldigung hätte beigelegt werden können, war eskaliert, weil Tristan sofort Partei für sie ergriffen und damit die Spannungen weiter angeheizt hatte. Das alles lag noch Monate in der Zukunft, und es war nicht einmal sicher, ob es überhaupt wieder genauso passieren würde. Trotzdem blieb die Frage:
Wie hatte er mich gefunden – und warum ließ er mich hierher bringen?
Keiner der Männer hatte mich auch nur angefasst, seit ich freiwillig mitgegangen war – offenbar weil ich keinen Widerstand leistete. Schweigend folgte ich ihnen, bis sie mich schließlich in einen großen Raum führten.
Als ich eintrat, stand er vor mir – der Mann, den ich sehen sollte.
Ich hatte Alistair nur ein einziges Mal zuvor gesehen: bei jenem Treffen, das in einem Desaster geendet hatte. Damals hatte ich ihn nur aus der Ferne erlebt, voller Angst, als sein Zorn sich gegen unser gesamtes Rudel – und damit indirekt auch gegen mich – richtete. Jetzt, als rogue Einzelgängerin, wusste ich nicht, wie ich mich fühlen sollte.
Ich spürte wieder diese erdrückende Aura, die an jenem Tag geherrscht hatte, als er geschworen hatte, das Eclipse-Rudel zu vernichten. Ich wusste nur nicht, warum sie jetzt erneut auf mir lastete.
„Sie sind weit weg von zu Hause, Luna Valerie“, dröhnte seine tiefe Stimme durch den Raum und jagte mir einen Schauer über den Rücken. Sein langes, schmutzig-blondes Haar schimmerte golden im einfallenden Licht und warf Schatten auf seine markanten Wangenknochen.
‚Er ist attraktiv‘, stellte ich nüchtern fest. Attraktiv – und unberechenbar. Gefährlich.
„Ich bin keine Luna mehr. Das sollten Sie inzwischen wissen“, erwiderte ich und versuchte, mein Herz ruhig schlagen zu lassen.
„Also stimmt es wirklich – Sie haben Ihr Rudel verlassen?“, fragte er und neigte leicht den Kopf.
„Warum haben Sie mich herbringen lassen?“, stellte ich die Gegenfrage, statt zu antworten.
Er beugte sich ein Stück vor, bevor er sprach.
„Da Sie nun eine rogue Wölfin direkt an meiner Grenze sind, möchte ich Ihnen ein Angebot machen. Treten Sie meinem Rudel bei – und werden Sie meine persönliche Beraterin.“
Ich hob den Kopf und starrte ihn völlig verblüfft an. Das war das Letzte, womit ich gerechnet hatte.
„Warum?“, brachte ich nur heraus, und er lachte leise.
„Ich habe von Ihren Fähigkeiten in Ihrem alten Rudel gehört. Man lobte Sie als äußerst fähige Luna – umso erstaunlicher, dass man Sie so einfach hat gehen lassen. Und darüber hinaus … sind Sie interessant.“ Ein schmales, fast raubtierhaftes Lächeln umspielte seine Lippen.
„Also, was sagen Sie dazu, Luna – Verzeihung, Miss Valerie?“