Kapitel 2
Der scharfe, sterile Geruch von Bleichmittel brannte in Avahs Nasenlöchern und zog ihr Bewusstsein aus der dunklen Leere zurück.
Sie zwang ihre schweren Augenlider auf. Die gleißend weiße Decke eines VIP-Krankenzimmers attackierte ihre Sicht.
Sie versuchte, ihr Gewicht zu verlagern, doch ein scharfer, stechender Schmerz schoss von ihrem stark bandagierten Knöchel auf. Ein gedämpftes Stöhnen entwich ihren trockenen Lippen.
Die Tür des Krankenzimmers schwang auf. Ihr Vater, Preston, und ihre Stiefmutter, Eleanor, traten ein. Ihre Gesichter waren wie aus Stein gemeißelt, bar jeder Wärme oder Besorgnis.
Preston fragte nicht, wie es ihr ging. Er sah ihre Verbände nicht an. Er marschierte direkt zum Fußende des Bettes und knallte einen dicken Stapel Dokumente auf den rollbaren Beistelltisch.
Die fettgedruckten schwarzen Buchstaben auf der Titelseite starrten sie an: Vereinbarung über die gegenseitige Auflösung der Verlobung und die Übertragung von Treuhandfondsanteilen.
Eleanor verschränkte die Arme über ihrer Designerbluse. Ihre Stimme triefte vor Gift. „Du hast auf der Party eine absolute Szene gemacht, Avah. Dir fehlte jegliches Anstandsgefühl."
„Kain ist erschöpft", fuhr Eleanor fort, ihre Augen verengten sich. „Die Familie kann es sich einfach nicht leisten, wegen deiner kindischen Wutanfälle erneut das Gesicht zu verlieren."
Preston tippte mit einem manikürten Finger auf die Dokumente. „Unterschreibe es sofort. Du trittst zurück. Du wirst die Position der Verlobten an Jaclyn abtreten. Sie weiß, wie man die Familie Hopkins zufriedenstellt."
Avah starrte die beiden Menschen an, die ihre Familie sein sollten. Ein leises, heiseres Lachen vibrierte in ihrer rauen Kehle.
Das Bild von Kain, der sie im Feuer zurückließ, blitzte hinter ihren Augen auf. Ihr Blick wurde zu absolutem Eis.
Avah sah Preston direkt in die Augen. Sie griff nicht einmal nach dem Montblanc-Stift, den er ihr hinhielt.
Prestons Gesicht lief dunkelrot an. Er schlug seine Faust auf den Tisch, das laute Krachen hallte in dem sterilen Raum wider.
Er beugte sich vor und senkte seine Stimme zu einem bösartigen Flüstern. „Unterschreibe es, oder ich sorge dafür, dass die Presse sich an deinen kleinen ‚unehelichen Kind‘-Skandal von vor drei Jahren erinnert."
Die Worte trafen Avah wie ein körperlicher Schlag in den Magen. Ihr Herz zog sich gewaltsam zusammen. Das war die eine Wunde, die nie aufgehört hatte zu bluten.
Eleanor nutzte die Gelegenheit, um das Messer noch tiefer zu drehen. Sie höhnte: „Eine Frau mit einem solchen schmutzigen Makel verdient es sowieso nicht, in die Familie Hopkins einzuheiraten."
Das Salz brannte in ihren offenen Wunden. Doch dieses Mal senkte Avah ihren Kopf nicht. Sie ließ die Tränen nicht fallen, wie sie es früher getan hatte.
Sie griff hinüber und riss sich gewaltsam die Infusionsnadel aus dem Handrücken. Blut quoll sofort hervor, tropfte herunter und befleckte die makellos weißen Krankenhauslaken.
Das Blut, das von ihren Knöcheln tropfte, ignorierend, griff Avah nach der dicken Übertragungsvereinbarung auf dem Tisch.
Während Preston und Eleanor in fassungslosem Schweigen zusahen, packte Avah die Ränder des Papiers und zerriss den gesamten Stapel in zwei Hälften.
Das laute, reißende Geräusch des dicken Papiers war ohrenbetäubend in dem stillen Raum.
Avah warf die zerrissenen Stücke direkt auf Prestons maßgeschneiderte Anzugjacke. Sie flatterten wie tote Blätter zu Boden.
„Denkt bloß nicht", sagte Avah, ihre Stimme heiser, aber von tödlicher Intensität vibrierend, „dass ihr mir auch nur einen weiteren Cent wegnehmen könnt."
Prestons Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er hob seine Hand hoch, bereit, seiner ungehorsamen Tochter ins Gesicht zu schlagen.
Avah zuckte nicht zusammen. Sie hob ihr Kinn. Die reine, mörderische Absicht in ihren Augen zwang Preston, seine Hand in der Luft erstarren zu lassen.
Sie griff hinüber und schlug ihre Handfläche auf den Notrufknopf, der am Bettgitter befestigt war. „Sicherheit. Ich brauche diese beiden Eindringlinge sofort aus meinem Zimmer entfernt."
Das chaotische Geräusch von Krankenschwestern, die den Flur entlangrannten, erreichte sie. Eleanor, verzweifelt darauf bedacht, ihr High-Society-Image zu wahren, packte Prestons Arm und zog ihn zurück.
Preston zeigte mit zitterndem Finger auf sie, bevor er sich zur Tür wandte. „Du wirst heute für deine Dummheit bezahlen, Avah."
Die Tür schlug zu und ließ den Rahmen erzittern. Avah saß allein auf dem Bett. Ihr Gesicht war völlig ausdruckslos, während sie einen Wattebausch fest auf die blutende Stichwunde an ihrer Hand drückte.
Sie hob den Kopf und blickte aus dem Fenster auf die glitzernde Skyline von Manhattan. Ein dunkles, verzehrendes Feuer der Rache entzündete sich in ihrer Brust.
Kapitel 3
Eine Krankenschwester kam herein, verband Avahs blutende Hand schweigend neu, dimmte die grellen Deckenleuchten und schlüpfte leise aus dem Zimmer.
Avah lehnte sich gegen die steifen Kissen zurück. Sie schloss die Augen, ihre Brust hob und senkte sich schwer, während sie versuchte, die brutale Realität der letzten Stunde zu verarbeiten.
Die leicht angelehnte Krankenhaustür knarrte plötzlich. Sie war nicht richtig geschlossen worden, nachdem die Krankenschwestern eilig hinausgegangen waren, und ein kleines, buntes Spielzeugauto rollte ins Zimmer, stieß gegen das Bein des Besucherstuhls. Eine winzige Kraft drückte die Tür weiter auf, was ein leises Quietschen verursachte. Der Junge war offensichtlich aus der angrenzenden Suite entwischt, während seine Betreuer abgelenkt waren.
Avahs Augen schnappten auf. Ihr Körper spannte sich an, da sie dachte, ihr Vater sei zurückgekehrt. Ihre Finger griffen instinktiv wieder nach dem Rufknopf.
Ein kleiner Junge, nicht älter als vier, steckte seinen Kopf ins Zimmer. Er trug einen winzigen, perfekt sitzenden Anzug und eine kleine Fliege.
Der Junge hatte die auffälligsten, tief ozeanblauen Augen. Er blinzelte und starrte neugierig auf Avah, die im Krankenhausbett lag.
Avah erstarrte. Der feste Knoten der Angst in ihrem Magen löste sich beim Anblick des wunderschönen Kindes sofort auf.
In dem Moment, als der Junge Avahs Gesicht klar sah, explodierte ein gewaltiger Funke purer Freude in seinen blauen Augen.
Seine kleinen Beine bewegten sich schnell. Er rannte direkt an den Stühlen vorbei, völlig furchtlos, und warf sich kopfüber in Avahs Arme.
„Mama!", rief der Junge. Seine Stimme war sanft, süß und von einer verzweifelten, emotionalen Erleichterung durchzogen.
Avahs ganzer Körper versteifte sich. Das Wort „Mama" wirkte wie ein Stromschlag und sandte einen heftigen Schock direkt durch ihr Herz.
Ihr Verstand wurde völlig leer. Ihr erster Instinkt war es, dieses fremde Kind sanft wegzuschieben.
Doch der Junge schlang seine kleinen Arme fest um ihren Hals. Der schwache, süße Duft von Babypuder und Milch stieg ihr in die Nase. Avahs Hände schwebten in der Luft, unfähig, ihn wegzustoßen.
Das Trauma, ihr eigenes Kind vor drei Jahren verloren zu haben, traf sie hart. Ihr Atem wurde unregelmäßig. Ihre Augen brannten, und heiße Tränen drohten überzulaufen.
Ihre Hände zitterten, als sie sie schließlich senkte und sanft den kleinen Rücken des Jungen rieb. Sie versuchte, ihre Stimme zu beruhigen. „Schatz, ich bin... ich bin nicht deine Mama."
Draußen auf dem Flur näherten sich schnell die schweren, rhythmischen Geräusche teurer Lederschuhe auf dem Fliesenboden.
„Leo", rief eine tiefe, eiskalte Männerstimme. Die Schritte hielten direkt vor ihrer Tür an.
Die Krankenhaustür wurde weit aufgestoßen. Ein großer, breitschultriger Mann stand im Türrahmen, vom Flurlicht hinterleuchtet.
Er trug einen dunklen, makellos geschnittenen Anzug. Eine erstickende Aura absoluter Dominanz und Macht strahlte von seiner großen Gestalt aus.
Avah blickte auf. Ihre Augen trafen auf ein Paar tiefe, eisblaue Augen – genau den gleichen Farbton wie die des kleinen Jungen.
Die dunklen Augenbrauen des Mannes zogen sich leicht zusammen, als er seinen Sohn an einer fremden Frau in einem Krankenhausbett klammern sah.
Er trat ins Zimmer. Seine polierten Schuhe klickten auf dem Boden und schlugen einen gefährlichen, bewussten Rhythmus in der stillen Umgebung.
Atticus blieb zwei Fuß vom Bett entfernt stehen. Er blickte auf Avah herab, sein Blick schwer und berechnend.
Seine aggressiven Augen musterten langsam Avahs blasses Gesicht und wanderten dann hinunter zu ihren unordentlichen, verfilzten Locken.
Leo drehte den Kopf und sah den hoch aufragenden Mann an. „Papa! Ich habe Mama gefunden!", rief er, seine Stimme voller Aufregung.
Eine dunkle, unleserliche Emotion huschte durch Atticus' blaue Augen, verschwand aber sofort und wurde durch eine kalte, harte Maske ersetzt.
Er streckte eine große Hand mit markanten Knöcheln aus. Sein Ton ließ keinen Raum für Widerspruch. „Leo. Komm her."
Leo schüttelte hartnäckig den Kopf. Er vergrub sein Gesicht in Avahs Hals und umarmte sie noch fester, als würde er sein Territorium verteidigen.
Avah fühlte sich unglaublich unbehaglich, gefangen zwischen Vater und Sohn. Sie versuchte sanft, die Arme des Jungen von ihrem Hals zu lösen.
Atticus beugte sich plötzlich über das Bett. Der frische, saubere Duft von Zedernholz und teurem Kölnischwasser umhüllte Avah sofort und ließ sie nach Luft schnappen.