Kapitel 1
Ich schwor, zusammen mit meinem Freund aus Kindertagen die Schule zu wechseln, nachdem er behauptet hatte, er würde gemobbt.
Doch einen Tag, bevor wir den Schulwechsel endgültig festmachen wollten, entschied er sich anders.
Ein Freund von ihm spottete. „Also ehrlich, du hast den Gemobbten gespielt, nur um Alice Wiley loszuwerden? Ziemlich hart. Ihr wart doch schon immer unzertrennlich. Macht es dir wirklich nichts aus, dass sie jetzt ganz allein auf eine andere Schule geht?“
Shane Page winkte ab. „Ach was. Es ist bloß eine andere Schule irgendwo in der Stadt. Kein Drama. Ich kann einfach nicht mehr ertragen, dass sie ständig an mir hängt. Für mich ist das die perfekte Lösung.“
Ich blieb lange regungslos vor der Tür stehen. Am Ende drehte ich mich um und ging.
Auf dem Formular für den Schulwechsel strich ich die Oatheport High durch und trug stattdessen die internationale Schule ein, auf die mich meine Eltern schon lange schicken wollten.
Offenbar hatte jeder vergessen, dass Shane und ich nie auf derselben Ebene standen.
In dem Moment, als ich die Wahrheit hörte, hämmerte mein Herz wild gegen meine Rippen.
Seit fast einem Monat hatte mir mein Kindheitsfreund, Shane Page, immer wieder erzählt, wie er in der Schule angegriffen, hereingelegt und bloßgestellt worden sei.
Ich setzte alles daran, ihn zu schützen. Doch ich konnte nicht jeden Schlag abfangen. Als es schließlich unerträglich wurde, schlug ich einen Schulwechsel als Neuanfang vor.
An diesem Tag war er klatschnass, übergossen mit einem Eimer Eiswasser. Seine markanten Wangenknochen wirkten unheimlich bleich. Zitternd hielt er meine Hand fest. „Ich schaffe das nicht allein an einem neuen Ort.“
Seit dem Kindergarten waren wir unzertrennlich, über ein Jahrzehnt lang morgens gemeinsam zur Schule gegangen und zurück. Tief in mir hatte sich schon lange eine stille Zuneigung für ihn entwickelt.
Und so versprach ich ihm in einem Anflug von Loyalität: „Keine Sorge, Shane. Wohin du gehst, gehe ich auch.“
Doch als ich vor der Tür dieses privaten Raums stand, begriff ich, dass alles nur eine grausame Inszenierung gewesen war. Es war ein Vorwand, um mich aus seinem Leben zu drängen.
„Hasst er mich wirklich so sehr?“
Drinnen redete sein Freund weiter: „Alice steht total auf dich. Was, wenn sie sich da draußen in jemand anderen verliebt?“
„Sie?“ Shane lachte spöttisch, als wäre der Gedanke lächerlich: „Sie ist so loyal, dass sie für mich einstecken würde, ohne mit der Wimper zu zucken. Glaubst du wirklich, sie hört jemals auf, mich zu lieben?“
Sein Freund murmelte: „Keine Ahnung. Aber sie wirkt nicht wie jemand, mit dem man sich anlegt.“
„Unmöglich“, sagte Shane träge. „Unsere Schule ist voll von reichen Leute. Hat sie jemals einem von ihnen mehr als einen flüchtigen Blick geschenkt?“
Seine Stimme triefte vor Geringschätzung, „Sie hängt ständig an mir. Das geht mir auf die Nerven.“
Der Raum brach in scharfes, spöttisches Gelächter aus. Ich wollte weglaufen, doch meine Füße waren wie festgewachsen. Mir blieb nichts anderes übrig, als diese Demütigung zu ertragen.
Einer schnalzte mit der Zunge. „Zum ersten Mal sehe ich jemanden, der ein Mädchen wegstößt, das verrückt nach ihm ist. Respekt, Bruder. Aber wenn sie dich so nervt, warum sagst du es ihr nicht einfach? Sie wirkt nicht wie jemand, der dir nachstellen würde.“
Shane runzelte die Stirn. „Sie ist zu intensiv. So offen mit ihr zu sein, ist nicht so einfach.“
Dann kam der eigentliche Schlag. „Außerdem geht es Esther jedes Mal schlecht, wenn sie Alice sieht. Nur wenn ich bei ihr bin und ihre Hand halte, beruhigt sie sich. Ich mache das für Esther. Alice muss das eben eine Weile aushalten.“
Plötzlich fügte sich alles zusammen wie ein Puzzle. Nur eine Woche nachdem Esther Howell an unsere Schule gewechselt war, hatte Shane begonnen, diese Geschichten vom Mobbing zu erfinden.
„Du bist echt ein Schlauer! Kaum taucht das neue Mädchen auf, bist du schon völlig um den Finger gewickelt?“, lachte jemand. „Aber Esther hat dieses zerbrechliche, beschützenswerte Auftreten, darauf stehen Jungs eben. Alice dagegen ist scharfzüngig und trägt immer diesen kühlen Blick, der alle auf Abstand hält. So schön sie auch ist, das macht es schwer.“
Die anderen stimmten ein und rissen mich in Stücke wie Haie im Fressrausch. Shane hielt sie nicht auf, verteidigte mich nicht einmal. Er nickte sogar zustimmend.
Mein Herz sank in einen dunklen, pochenden Abgrund. Für einen flüchtigen Moment wollte ich die Tür aufstoßen und Antworten verlangen.
Warum hatte er mich belogen? Empfand er auch nur einen Funken Schuld, während ich für ihn litt? Hatten all die Jahre unserer Freundschaft wirklich nichts bedeutet?
Doch die Worte meiner Mutter hallten in mir nach: „Verschwende keine Kraft auf sinnlose Kämpfe. Menschen werden nicht über Nacht verdorben.“
Am Ende drehte ich mich um und ging, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen.
Kapitel 2
Der Schmerz kroch langsam heran.
Den Verrat eines Freundes hätte ich vielleicht noch wegstecken können. Doch Shane hatte eine Grenze überschritten und Freundschaft mit etwas anderem vermischt. Genau das machte den Schnitt so viel tiefer.
An dem Tag, an dem wir den Schulwechsel beschlossen, schleppte er mich in eine Bar, um unsere Flucht zu feiern. Gedämpftes Neonlicht tauchte alles in einen verschwommenen Schimmer, und ich konnte den Blick nicht von dem Mann lösen, den ich jahrelang heimlich geliebt hatte. Mein Herz raste, unkontrollierbar.
Als er sich zu mir hinunterbeugte, um mich zu küssen, wich ich nicht zurück. Jahre unterdrückter Gefühle brachen hervor und überrollten mich wie eine Flut.
Ich konnte mich nicht zurückhalten und fragte leise: „Shane, was sind wir jetzt eigentlich?“
Er küsste mich sanft auf die Stirn: „Was wohl, Dummerchen?“
Die Bar explodierte in Jubel, als würde sie das Aufflackern in meinem Herzen widerspiegeln. Doch nur zwei Tage später zerbrachen seine Worte diese zerbrechliche Hoffnung.
Ich lachte unter Tränen, der Klang war bitter. Diese zweideutige, ausweichende Antwort war offenbar nur ein weiterer Trick gewesen, um mich beiseitezuschieben und Platz für Esther zu machen.
Die Windspiele in meinem Schlafzimmer klangen leise, während die Brise meine Tränen nach und nach trocknete. Mein gebrochenes Herz begann, sich langsam zu beruhigen.
Shane hatte sich von Anfang an in Bezug auf uns geirrt. Er war nur der uneheliche Sohn der Familie Page, während ich die alleinige Erbin des Wiley Imperiums war.
Wir hätten nie aneinandergekettet sein sollen. Wir gehörten in völlig unterschiedliche Welten.
Das Formular für den Schulwechsel in meiner Hand war zerknittert, die Tinte durch Tränen verwischt, doch das spielte keine Rolle mehr.
Ich würde ein neues ausdrucken. Die Familie Wiley hatte immer einen Plan B.
Ich füllte ein neues Formular aus und hielt bei der Zeile für die neue Schule inne. Dann rief ich Pauline Wiley an. „Mom, wie hieß noch einmal diese Elite Schule, von der du gesprochen hast? Ja, ich gehe allein.“
Die Windspiele erklangen klar und fröhlich, als würden sie mir Beifall spenden. Ich schloss die Augen, und zum ersten Mal seit Jahren tauchte Shanes Gesicht nicht mehr vor mir auf.
Stattdessen sah ich einen Mann, der ihm ein wenig ähnelte. Kantiger, auffälliger. Vor zwei Jahren hatte er mir mit einem überheblichen Grinsen gesagt: „Merk dir meine Worte, Alice. Eines Tages lässt du Shane meinetwegen sitzen.“
Damals hatte ich es für einen Scherz gehalten. Jetzt war ich endgültig fertig mit Shane.
Ich setzte den letzten Strich und atmete tief aus. Zum ersten Mal war mein Herz ruhig.
Dann klopfte es an der Tür und ich zuckte zusammen. Ich lebte allein in diesem Haus, außer mir kannte nur eine einzige Person den Zugangscode.
Ich öffnete die Tür, da stand Shane. Seine Stimme war so warm wie immer. „Du bist nicht gekommen, um dich von den anderen zu verabschieden. Ich habe mir Sorgen gemacht.“
Ich hielt meine Stimme ruhig. „Ich habe Bauschmerzen. Ich bleibe lieber zuhause.“
Als ich die Tür schließen wollte, bemerkte ich jemanden hinter ihm.
Esther. Sie ist klein und zerbrechlich. Als sich unsere Blicke trafen, zuckte sie zusammen. Shane bemerkte es sofort und zog sie schützend an sich. „Alice, du machst ihr Angst.“
Schon wieder diese Nummer. Sie wirkte, als wäre sie ein verängstigtes Tier, als hätte ich ihr etwas angetan.
Mein Blick wurde hart. „Ich habe dir gesagt, ich will keine Fremden in meinem Haus.“
Shane runzelte die Stirn. „Esther ist keine Fremde. Sie ist gekommen, weil sie sich um dich sorgt.“
Bevor ich etwas sagen konnte, füllten sich Esthers Augen mit Tränen. „Alice, es tut mir leid. Ich weiß, du hast immer auf mich herabgesehen, aber ich dusche wirklich jeden Tag.“
Sie schniefte kläglich. „Ich werde dein Haus nicht durcheinanderbringen.“
Shane funkelte mich an. „Ihre Familie ist nicht reich, aber sie ist nicht das, wofür du sie hältst. Du enttäuschst mich gerade sehr.“
Esther zog an seinem Ärmel und gab sich großzügig. „Schon gut, Shane. Streite dich meinetwegen nicht mit ihr.“
Sie lächelte unter Tränen. „Sie hat gesagt, ihr kennt euch schon so lange. Wie könnte ich da jemals mithalten?“
„Sag so etwas nicht“, murmelte Shane und legte ihr sanft die Hand an die Wange. „Du bist etwas Besonderes.“
Dann wandte er sich mir zu, sein Blick eiskalt. „Esther ist aufgewühlt. Ich bringe sie nach Hause. Denk über dein Verhalten nach. Vergiss nicht, dein Formular abstempeln zu lassen.“
In einem Punkt hatte er recht. Ich musste nachdenken, aber über meine eigene Blindheit.
Ohne zu zögern änderte ich den Zugangscode. Der Knoten in meiner Brust löste sich, als hätte ich endlich die Luft ausgeatmet, die ich jahrelang angehalten hatte.
Kapitel 3
Am nächsten Morgen nahm ich mein neues Formular für den Schulwechsel mit zur Schule.
Als die Sekretärin den Stempel aufdrückte, überkam mich plötzlich eine Leere. Ich starrte gedankenlos auf die frische Tinte, bis mir jemand den Weg versperrte.
Shane runzelte die Stirn. „Du hast den Code zu deinem Haus geändert? Ich bin nach dem Heimbringen von Esther noch einmal zurückgekommen, aber ich kam nicht rein.“
Ich unterbrach ihn. „Ja, habe ich.“
Er schluckte seinen Unmut herunter und nahm wieder diesen vertrauten, warmen Ton an. „Wie lautet der neue Code? Dann kann ich vorbeikommen und nach dir sehen.“
„Nicht nötig“, sagte ich kühl, „nach dem Schulwechsel ziehe ich aus.“
Er warf einen Blick auf das zusammengefaltete Formular in meiner Hand und schlug sich an die Stirn. „Ach stimmt, das hatte ich ganz vergessen. Keine Sorge, ich lasse meines morgen abstempeln.“
Neben ihm herzugehen und mit ihm zu reden fühlte sich an wie ein schwacher Nachhall der Vergangenheit. Seit Esther aufgetaucht war, waren solche Momente fast vollständig verschwunden.
Ich schloss die Augen und ließ zu, dass die Nostalgie ein letztes Mal an mir zerrte. Dann stellte ich ihn auf die Probe. „Nach allem, was wir durchgemacht haben, brauchst du dir eigentlich keine Sorgen um mich zu machen.“
Er schwieg einen Moment und erklärte: „Eigentlich wollte ich...“
Da tauchte Esther plötzlich hinter ihm auf, mit Armen voller Hefte. Ihre Stimme klang süßlich und klagend. „Shane, du hast mir doch versprochen, mir beim Lernen zu helfen. Wo bist du denn hingegangen?“
Sie drückte ihm die Unterlagen in die Hand und klimperte mit den Wimpern. „Ich habe gesehen, dass dein Nachhilfeplan zwei Monate im Voraus geht, also habe ich ein paar Lernmaterialien vorbereitet. Du bist doch nicht sauer, dass ich reingeschaut habe, oder?“
„Überhaupt nicht“, antwortete Shane mit einem angestrengten Lächeln und warf mir einen kurzen, schuldbewussten Blick zu.
Als ich nicht reagierte, erlosch etwas in seinen Augen.
Ich wusste genau, was hier lief. Während er mich Schritt für Schritt von sich wegschob, plante er bereits eine Zukunft mit Esther, in der ich keinen Platz hatte.
Mein Gesicht blieb reglos, doch innerlich breitete sich eine bittere, qualvolle Schwere aus, langsam und brennend. Ich grub meine Nägel in die Handfläche, um mich zu sammeln. „Ich lasse euch dann mal allein.“
Esther schnappte nach Luft, als hätte sie mich gerade erst bemerkt. „A-Alice? Bist du wütend, weil ich mit Shane lerne? Ich habe nicht so viel Geld oder Beziehungen wie du, also...“
Ihre Stimme brach. Sie begann laut zu weinen.
Unbeeindruckt sagte ich: „Geh mir aus dem Weg.“
Mit meinen Worten verschwand jede Spur von Schuld aus Shanes Gesicht. Er packte mein Handgelenk, seine Stimme war voller Zorn. „Was soll diese Einstellung?“
Er zog mich zu Esther hinüber und fuhr mich an: „Entschuldige dich bei ihr!“
Der letzte Rest Sehnsucht in mir zerfiel. Meine Hand schnellte hoch und schlug ihm ins Gesicht. „Du bist derjenige, der sich entschuldigen muss. Nicht bei Esther, sondern bei mir.“