Kapitel 3
Der Übergang vom geschäftigen Terminal zum gedämpften Luxus der First-Class-Kabine verschaffte Seraphina einen kurzen Moment zum Durchatmen.
Eine lächelnde Flugbegleiterin in makelloser Uniform nahm ihre Handgepäckstücke entgegen und führte sie zu ihren überdimensionierten Ledersitzen.
Gideon kletterte auf seinen Sitz. Er beugte sich vor und schnallte Silas' Sicherheitsgurt effizient an, bevor er seinen eigenen einrasten ließ. Er fragte nicht nach einem Spielzeug oder einem Film. Er zog sein Tablet aus seinem Rucksack, tippte auf den Bildschirm und begann sofort, durch komplexe medizinische Akten von New Yorker Krankenhäusern zu scrollen.
Silas drückte ihr Gesicht gegen das dicke Acrylfenster.
„Schau mal, Mami!", keuchte sie, als das riesige Flugzeug seinen Aufstieg begann. Sie zeigte mit einem klebrigen Finger auf die dicken weißen Wolken, die vorbeizogen.
Seraphina lächelte schwach. Sie beugte sich vor und legte eine weiche Kaschmirdecke um Silas' Beine. Sie sank zurück in ihren breiten, plüschigen Sitz. Als das Flugzeug seine Reisehöhe erreichte, drang das tiefe, vibrierende Summen der Triebwerke in ihre Knochen und zog ihre Erschöpfung an die Oberfläche.
Sie schloss die Augen. Sie wollte nur ruhen. Doch ihr Gehirn verriet sie.
Die Dunkelheit hinter ihren Augenlidern verwandelte sich augenblicklich in den eisigen, sintflutartigen Regen jener Nacht vor sechs Jahren.
Sie war hochschwanger. Ihre Familie hatte sie wie Müll auf die Straße geworfen. Der eisige Regen peitschte ihr ins Gesicht und blendete sie.
Die bösartigen Lügen ihrer eigenen Schwester Delila, meisterhaft inszeniert zusammen mit Livias Manipulationen, hatten einwandfrei funktioniert. Jeder glaubte, Seraphina sei eine giftige, manipulative Schlange. Sogar ihre eigenen leiblichen Eltern sahen sie mit reinem, unverfälschtem Ekel an, bevor sie ihr die schwere Eichentür ins Gesicht schlugen und alle Verbindungen ohne eine einzige Sekunde Zögern abbrachen.
Ein scharfer, reißender Schmerz durchfuhr ihren Unterleib.
In ihrem Albtraum fiel sie auf das nasse Pflaster. Sie rollte sich in einer dunklen, schmutzigen Gasse zu einem engen Ball zusammen. Sie schrie um Hilfe, doch die gesichtslosen Fußgänger gingen einfach an ihr vorbei und ignorierten ihre Qualen.
Dann erschien Zaras Mutter durch den Regen. Sie schleppte Seraphina zu einem Taxi.
Der Traum verlagerte sich gewaltsam. Die blendenden, sterilen Lichter des Operationssaals stachen ihr in die Augen. Die Monitore schrien. Die Stimme des Arztes hallte in ihrem Kopf wider, verzerrt und furchterregend. Vierlinge. Ihr Blutdruck fällt rapide ab. Wir verlieren sie.
Stunden reißender, unvorstellbarer Schmerzen folgten.
Dann die Stille.
Sie hörte nur zwei schwache Schreie. Der Arzt stand über ihr, sein Gesicht ernst. Es tut mir leid. Zwei von ihnen haben nicht überlebt.
Das körperliche Gefühl, dass ihr das Herz aus der Brust gerissen wurde, überkam sie erneut. Im Schlaf wurde Seraphinas Atmung unregelmäßig. Ihre Hände ballten sich zu festen Fäusten, ihre Fingernägel gruben sich tief in ihre Handflächen.
Das Flugzeug geriet plötzlich in eine Turbulenz. Die Kabine sank abrupt ab.
Seraphina keuchte und schoss hoch, ihre Augen rissen auf. Kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn. Ihr Herz hämmerte wie ein gefangener Vogel gegen ihre Rippen.
Gideon ließ sein Tablet sofort fallen. Er griff über die Armlehne und legte seine warme, kleine Hand fest auf ihre. Seine dunklen Augen zeigten eine schwere, reife Sorge, die kein Sechsjähriger besitzen sollte.
Seraphina sog tief die gefilterte Kabinenluft ein. Sie zwang ihr rasendes Herz, sich zu beruhigen. Sie drückte Gideons Hand und zwang sich zu einem zittrigen Lächeln. „Ich bin okay, Schatz. Nur ein böser Traum."
Silas schnallte sich ab und beugte sich vor. Sie hielt einen Plastikbecher mit warmem Wasser hin. Sie legte ihr Kinn auf Seraphinas Knie.
„Hab keine Angst, Mami", sagte Silas, ihre Stimme weich und süß wie geschmolzener Zucker. „Wir beschützen dich."
Seraphina sah ihre beiden gesunden, brillanten Kinder an. Die erstickende Dunkelheit in ihrer Brust begann sich zurückzuziehen. Sie nahm das Wasser und trank es. Sie schwor sich, genau in diesem Moment, dass sie die Welt in Brand setzen würde, bevor sie zuließe, dass jemand ihnen wehtat.
Sie griff in ihre Tragetasche und zog ihr abgenutztes, ledergebundenes Notizbuch für Parfümformeln heraus. Sie musste arbeiten. Sie brauchte die Ablenkung. Sie nahm die Kappe von ihrem Stift und begann, chemische Verbindungen über die Seite zu kritzeln.
Diese Reise nach New York ging nicht nur darum, Zaras Mutter zu retten. Als mysteriöse Gründerin hinter Zeling würde sie jede einzelne Person in der Parfümindustrie zerschmettern, die jemals auf sie herabgesehen hatte.
Vierzehn Stunden später ertönte die Bordsprechanlage. Die Stimme des Piloten erfüllte die Kabine und kündigte ihren Sinkflug zum John F. Kennedy International Airport an.
Seraphina klappte ihr Notizbuch zu. Sie blickte aus dem Fenster auf das weitläufige, betonierte Raster von New York City. Ihre Augen verhärteten sich zu kaltem Stahl.
Das Flugzeug setzte mit einem schweren Aufprall auf dem Rollfeld auf. Es rollte zum Gate. Die schweren Kabinentüren sprangen auf, und die chaotische, elektrische Energie von New York strömte herein.
Seraphina hielt Gideons rechte Hand und Silas' linke. Sie verließ die Fluggastbrücke. Ihre aufrechte Haltung und ihre eisige, gebieterische Aura zogen sofort die Blicke der müden Passagiere um sie herum auf sich.
Gideons Augen huschten durch das überfüllte Terminal. Er umklammerte den Mantel seiner Mutter fest und musterte die Gesichter der Fremden wie ein winziger, hochtrainierter Bodyguard.
Silas jedoch sah einen riesigen, glitzernden Teddybären im Schaufenster eines Duty-Free-Shops. Sie riss ihre Hand aus Seraphinas Griff und rannte auf das Glas zu.
„Silas, halt!", rief Seraphina und eilte ihr nach. Sie packte ihre Tochter an der Schulter. „Lauf nicht weg. Dieser Flughafen ist riesig. Du wirst dich verlaufen."
Sie sah auf ihre Uhr. Zara sollte sie erst in weiteren dreißig Minuten abholen.
„Lass uns frisch machen", sagte Seraphina.
Sie führte sie zu einem Sitzbereich direkt vor den Toiletten, direkt neben einem hohen TSA-Sicherheitspult. Ein ernst dreinblickender, uniformierter Beamter stand dahinter und überwachte aktiv die Menschenmengen. Sie sah Gideon an. „Ich muss mir nur das Gesicht waschen und meinen befleckten Mantel wechseln. Das dauert genau zwei Minuten", wies Seraphina mit fester Stimme an. „Pass auf deine Schwester auf. Beweg dich nicht von dieser Stelle. Der Beamte ist direkt hier und hat alles im Blick. Ich bin gleich zurück."
Gideon nickte ernst, seine kleinen Schultern strafften sich.
Seraphina stieß die schwere Tür der Damentoilette auf und verspürte ein vorübergehendes Gefühl der Sicherheit, da sie die Kinder unter der direkten Aufsicht des Flughafenpersonals zurückließ.
Drinnen ging sie zum Spiegel. Sie zog einen roten Lippenstift aus ihrer Tasche und trug ihn perfekt auf. Sie starrte auf ihr Spiegelbild. Die schwache, weinende Frau von vor sechs Jahren war tot.
Sie strich die Vorderseite ihres Trenchcoats glatt. Sie atmete tief ein und ließ die kühle Luft ihre Lungen füllen. Sie stieß die Toilettentür auf und trat zurück ins Terminal, bereit, sich allem zu stellen, was diese Stadt ihr entgegenwerfen würde.