Kapitel 2
Der erste grelle Strahl der Morgensonne drang durch den Spalt in den schweren Samtvorhängen. Er stach Seraphina direkt in die Augen.
Sie stöhnte und zwang ihre schweren Augenlider auf. Ihr ganzer Körper schmerzte. Jeder Muskel fühlte sich an, als wäre er mit einem Hammer geschlagen worden.
Sie drehte den Kopf. Julian schlief tief und fest neben ihr. Sein scharfes, makelloses Gesicht war völlig entspannt, befreit von seiner üblichen kalten Rüstung. Ihn so zu sehen, ließ ihren Magen sich zu einem schmerzhaften, komplizierten Knoten zusammenziehen.
Seraphina warf die verhedderten Laken von sich.
Sie schwang ihre Beine über den Bettrand und stand auf. Ihre Knie knickten sofort ein. Sie biss sich fest auf die Lippe, um nicht aufzuschreien, und stützte sich am Nachttisch ab. Sie bückte sich und sammelte ihre zerrissenen Kleider vom Boden auf, ihre Finger zitterten.
Sie zog ihr Kleid an. Sie griff in ihre Lederhandtasche und zog einen kleinen pinkfarbenen Haftzettel und einen Stift heraus.
Sie zögerte nicht. Sie kritzelte eine einzige Zeile: Deine Technik ist Müll. Behalte das Geld.
Sie knallte den Zettel auf seinen Nachttisch, direkt neben seine teure Uhr.
Seraphina warf einen letzten Blick in das luxuriöse, erstickende Zimmer, das drei Jahre lang ihr goldener Käfig gewesen war. Sie drehte sich um, stieß die Schlafzimmertür auf und ging hinaus, ohne sich umzublicken.
Drei Stunden später wachte Julian auf.
Ein dumpfer Kopfschmerz pochte hinter seinen Schläfen. Er streckte seinen Arm über die Matratze aus, erwartete warme Haut zu fühlen. Seine Finger streiften nur kalte, leere Laken.
Er setzte sich ruckartig auf. Seine Augen fixierten sofort den leuchtend pinkfarbenen Haftzettel auf dem Nachttisch.
Er schnappte ihn sich. Er las die unordentliche Handschrift. Das Blut wich aus seinem Gesicht und hinterließ eine Maske aus reiner, furchterregender Wut. Die Muskeln in seinem Kiefer zuckten heftig.
Er zerknüllte den Zettel zu einem festen Ball und schleuderte ihn an die Wand.
Er griff nach seinem Telefon vom Nachttisch und wählte eine Kurzwahl. „Sperren Sie die Flughäfen ab", bellte er seinen Assistenten an. „Finden Sie sie. Sofort."
Sieben Jahre später. London.
Die Luft im Labor im obersten Stockwerk der Zeling Fragrances-Zentrale war erfüllt vom Duft teurer, individuell gemischter ätherischer Öle.
Seraphina stieß die Glastüren des Labors auf und betrat den hellen, weitläufigen Bürobereich. Sie war nicht länger die verstoßene, bemitleidenswerte Ehefrau. Sie war nun eine brillante, äußerst unabhängige Frau, die ein sehr geheimes und erfolgreiches Leben in der globalen Duftindustrie führte. Doch die Welt des Parfüms war ihr Schild; im Verborgenen hatte sie das medizinische Genie zurückerobert, das Julian einst zu unterdrücken versucht hatte, und war zu einer Chirurgin geworden, deren Hände sowohl Düfte kreieren als auch Leben retten konnten. Die Jahre des Versteckens, des Wiederaufbaus ihrer zerbrochenen Identität von Grund auf, hatten sie zu einer Waffe der Präzision und Anmut geschmiedet.
Sie hielt eine dampfende Tasse schwarzen Kaffee. Sie ging leise hinter zwei kleine Stühle. Sie blickte auf den Computerbildschirm und runzelte die Stirn.
Zeilen von leuchtend grünem Code rasten hektisch über den schwarzen Monitor.
Der sechsjährige Gideon saß auf dem Stuhl. Seine kleinen Hände flogen wie ein Wirbelwind über die mechanische Tastatur. Sein kleines Gesicht war ernst und angespannt. Er versuchte aktiv, die Firewall der Astor-Vance Corporation zu durchbrechen.
Neben ihm wippte Silas auf ihren Zehenspitzen. Sie wedelte mit ihren kleinen, pummeligen Händen in der Luft, ein Kirsch-Lutscher steckte in ihrem Mund.
„Los, Giddy, los!", jubelte sie, völlig ahnungslos, dass ihre Mutter direkt hinter ihnen stand.
Seraphina stieß einen langen, erschöpften Seufzer aus.
Sie streckte die Hand aus und klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Holzschreibtisch. Klopf. Klopf.
Das scharfe Geräusch unterbrach das Tippen. Gideons Hände erstarrten. Ein riesiges rotes WARNUNG-Feld blitzte in der Mitte seines Bildschirms auf. Er stieß einen genervten Atemzug aus und ließ die Schultern sinken.
Silas drehte sich um. Ihre großen Augen weiteten sich. Sie warf sofort ihre Arme um Seraphinas Beine und neigte ihr süßes, rundes Gesicht nach oben. Sie zeigte ein riesiges, unschuldiges Lächeln und versuchte, ihre Mutter abzulenken.
Seraphina hockte sich hin. Sie kniff Silas' weiche, pummelige Wange. Ihre Augen waren voller überwältigender Liebe, aber sie zwang ihre Stimme, streng zu klingen.
„Was habe ich über das Hacken von Firmenservern vor dem Mittagessen gesagt?", tadelte Seraphina sanft.
Gideon schlug seinen Laptop zu. Er griff hoch und schob seine Blaulichtfilterbrille auf den Nasenrücken.
„Ich habe lediglich einen Penetrationstest ihrer Sicherheitsprotokolle durchgeführt, Mutter", erklärte Gideon ruhig, seine Stimme viel zu reif für einen Sechsjährigen. „Sie haben Schwachstellen."
Seraphina rieb sich die pochenden Schläfen. Zwei hochbegabte Kinder großzuziehen, war eine tägliche Prüfung ihrer geistigen Gesundheit.
Die Glastür zum Büro schwang auf. Eleanor, ihre Assistentin, kam schnell herein. Sie hielt einen ausgedruckten Flugplan in der Hand. Ihr Gesicht war blass und ängstlich.
„Aletta", sagte Eleanor und reichte das Papier. „Es ist Zaras Mutter. Ihr Zustand hat sich gerade verschlechtert. Sie brauchen den besten Chirurgen. Sie brauchen Sie sofort zurück in New York."
Das sanfte Lächeln verschwand von Seraphinas Gesicht.
Sie schnappte sich den Flugplan und scannte die Flugzeiten. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. „Buchen Sie den frühestmöglichen Flug ab Heathrow. Sofort."
Gideon hörte die Worte New York. Ein listiger, berechnender Glanz blitzte in seinen dunklen Augen auf. Er wusste genau, wer in dieser Stadt lebte. Er wusste, wessen Territorium es war.
Silas sprang auf und ab und klatschte in die Hände. „Juhu! New York! Echter Käsekuchen!", quietschte sie, völlig ahnungslos, in welchen Sturm sie flogen.
Seraphina blickte ihre aufgeregten Kinder an. Eine kalte Furcht überkam ihre Brust. Diese Stadt barg für sie nichts als Blut, Verrat und Schmerz.
Sie ging zum bodentiefen Fenster. Sie blickte auf die belebten Londoner Straßen hinunter. Ihre Finger hoben sich und rieben unbewusst den silbernen Anhänger, der auf ihrem Schlüsselbein ruhte.
Die Erinnerung traf sie wie ein physischer Schlag. Vor sieben Jahren. Die erschreckende Entdeckung des Lebens, das in ihr wuchs, als sie floh. Der qualvolle Schmerz, Vierlinge zur Welt zu bringen, nur um dann zu erfahren, dass zwei es nicht geschafft hatten. Als sie jetzt Gideon und Silas ansah, die beiden Überlebenden dieser Nacht, brannten ihre Augen vor unvergossenen Tränen.
Gideon bemerkte die Veränderung in ihrer Haltung. Er ging hinüber und legte schweigend seine kleine Hand in ihre. Er drückte ihre Finger und bot einen stillen, festen Trost.
Seraphina riss sich aus der dunklen Erinnerung. Sie blickte ihren Sohn an und schenkte ihm ein hartes, entschlossenes Lächeln. Sie schwor sich, dass sie dieses Mal niemanden mehr auf sich herumtrampeln lassen würde.
„Eleanor", rief Seraphina und wandte sich vom Fenster ab. „Pack die Taschen."
Eine Kollision, die sich sieben Jahre lang angebahnt hatte, stand kurz davor, über den Ozean hinweg zu explodieren.
Kapitel 3
Der Übergang vom geschäftigen Terminal zum gedämpften Luxus der First-Class-Kabine verschaffte Seraphina einen kurzen Moment zum Durchatmen.
Eine lächelnde Flugbegleiterin in makelloser Uniform nahm ihre Handgepäckstücke entgegen und führte sie zu ihren überdimensionierten Ledersitzen.
Gideon kletterte auf seinen Sitz. Er beugte sich vor und schnallte Silas' Sicherheitsgurt effizient an, bevor er seinen eigenen einrasten ließ. Er fragte nicht nach einem Spielzeug oder einem Film. Er zog sein Tablet aus seinem Rucksack, tippte auf den Bildschirm und begann sofort, durch komplexe medizinische Akten von New Yorker Krankenhäusern zu scrollen.
Silas drückte ihr Gesicht gegen das dicke Acrylfenster.
„Schau mal, Mami!", keuchte sie, als das riesige Flugzeug seinen Aufstieg begann. Sie zeigte mit einem klebrigen Finger auf die dicken weißen Wolken, die vorbeizogen.
Seraphina lächelte schwach. Sie beugte sich vor und legte eine weiche Kaschmirdecke um Silas' Beine. Sie sank zurück in ihren breiten, plüschigen Sitz. Als das Flugzeug seine Reisehöhe erreichte, drang das tiefe, vibrierende Summen der Triebwerke in ihre Knochen und zog ihre Erschöpfung an die Oberfläche.
Sie schloss die Augen. Sie wollte nur ruhen. Doch ihr Gehirn verriet sie.
Die Dunkelheit hinter ihren Augenlidern verwandelte sich augenblicklich in den eisigen, sintflutartigen Regen jener Nacht vor sechs Jahren.
Sie war hochschwanger. Ihre Familie hatte sie wie Müll auf die Straße geworfen. Der eisige Regen peitschte ihr ins Gesicht und blendete sie.
Die bösartigen Lügen ihrer eigenen Schwester Delila, meisterhaft inszeniert zusammen mit Livias Manipulationen, hatten einwandfrei funktioniert. Jeder glaubte, Seraphina sei eine giftige, manipulative Schlange. Sogar ihre eigenen leiblichen Eltern sahen sie mit reinem, unverfälschtem Ekel an, bevor sie ihr die schwere Eichentür ins Gesicht schlugen und alle Verbindungen ohne eine einzige Sekunde Zögern abbrachen.
Ein scharfer, reißender Schmerz durchfuhr ihren Unterleib.
In ihrem Albtraum fiel sie auf das nasse Pflaster. Sie rollte sich in einer dunklen, schmutzigen Gasse zu einem engen Ball zusammen. Sie schrie um Hilfe, doch die gesichtslosen Fußgänger gingen einfach an ihr vorbei und ignorierten ihre Qualen.
Dann erschien Zaras Mutter durch den Regen. Sie schleppte Seraphina zu einem Taxi.
Der Traum verlagerte sich gewaltsam. Die blendenden, sterilen Lichter des Operationssaals stachen ihr in die Augen. Die Monitore schrien. Die Stimme des Arztes hallte in ihrem Kopf wider, verzerrt und furchterregend. Vierlinge. Ihr Blutdruck fällt rapide ab. Wir verlieren sie.
Stunden reißender, unvorstellbarer Schmerzen folgten.
Dann die Stille.
Sie hörte nur zwei schwache Schreie. Der Arzt stand über ihr, sein Gesicht ernst. Es tut mir leid. Zwei von ihnen haben nicht überlebt.
Das körperliche Gefühl, dass ihr das Herz aus der Brust gerissen wurde, überkam sie erneut. Im Schlaf wurde Seraphinas Atmung unregelmäßig. Ihre Hände ballten sich zu festen Fäusten, ihre Fingernägel gruben sich tief in ihre Handflächen.
Das Flugzeug geriet plötzlich in eine Turbulenz. Die Kabine sank abrupt ab.
Seraphina keuchte und schoss hoch, ihre Augen rissen auf. Kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn. Ihr Herz hämmerte wie ein gefangener Vogel gegen ihre Rippen.
Gideon ließ sein Tablet sofort fallen. Er griff über die Armlehne und legte seine warme, kleine Hand fest auf ihre. Seine dunklen Augen zeigten eine schwere, reife Sorge, die kein Sechsjähriger besitzen sollte.
Seraphina sog tief die gefilterte Kabinenluft ein. Sie zwang ihr rasendes Herz, sich zu beruhigen. Sie drückte Gideons Hand und zwang sich zu einem zittrigen Lächeln. „Ich bin okay, Schatz. Nur ein böser Traum."
Silas schnallte sich ab und beugte sich vor. Sie hielt einen Plastikbecher mit warmem Wasser hin. Sie legte ihr Kinn auf Seraphinas Knie.
„Hab keine Angst, Mami", sagte Silas, ihre Stimme weich und süß wie geschmolzener Zucker. „Wir beschützen dich."
Seraphina sah ihre beiden gesunden, brillanten Kinder an. Die erstickende Dunkelheit in ihrer Brust begann sich zurückzuziehen. Sie nahm das Wasser und trank es. Sie schwor sich, genau in diesem Moment, dass sie die Welt in Brand setzen würde, bevor sie zuließe, dass jemand ihnen wehtat.
Sie griff in ihre Tragetasche und zog ihr abgenutztes, ledergebundenes Notizbuch für Parfümformeln heraus. Sie musste arbeiten. Sie brauchte die Ablenkung. Sie nahm die Kappe von ihrem Stift und begann, chemische Verbindungen über die Seite zu kritzeln.
Diese Reise nach New York ging nicht nur darum, Zaras Mutter zu retten. Als mysteriöse Gründerin hinter Zeling würde sie jede einzelne Person in der Parfümindustrie zerschmettern, die jemals auf sie herabgesehen hatte.
Vierzehn Stunden später ertönte die Bordsprechanlage. Die Stimme des Piloten erfüllte die Kabine und kündigte ihren Sinkflug zum John F. Kennedy International Airport an.
Seraphina klappte ihr Notizbuch zu. Sie blickte aus dem Fenster auf das weitläufige, betonierte Raster von New York City. Ihre Augen verhärteten sich zu kaltem Stahl.
Das Flugzeug setzte mit einem schweren Aufprall auf dem Rollfeld auf. Es rollte zum Gate. Die schweren Kabinentüren sprangen auf, und die chaotische, elektrische Energie von New York strömte herein.
Seraphina hielt Gideons rechte Hand und Silas' linke. Sie verließ die Fluggastbrücke. Ihre aufrechte Haltung und ihre eisige, gebieterische Aura zogen sofort die Blicke der müden Passagiere um sie herum auf sich.
Gideons Augen huschten durch das überfüllte Terminal. Er umklammerte den Mantel seiner Mutter fest und musterte die Gesichter der Fremden wie ein winziger, hochtrainierter Bodyguard.
Silas jedoch sah einen riesigen, glitzernden Teddybären im Schaufenster eines Duty-Free-Shops. Sie riss ihre Hand aus Seraphinas Griff und rannte auf das Glas zu.
„Silas, halt!", rief Seraphina und eilte ihr nach. Sie packte ihre Tochter an der Schulter. „Lauf nicht weg. Dieser Flughafen ist riesig. Du wirst dich verlaufen."
Sie sah auf ihre Uhr. Zara sollte sie erst in weiteren dreißig Minuten abholen.
„Lass uns frisch machen", sagte Seraphina.
Sie führte sie zu einem Sitzbereich direkt vor den Toiletten, direkt neben einem hohen TSA-Sicherheitspult. Ein ernst dreinblickender, uniformierter Beamter stand dahinter und überwachte aktiv die Menschenmengen. Sie sah Gideon an. „Ich muss mir nur das Gesicht waschen und meinen befleckten Mantel wechseln. Das dauert genau zwei Minuten", wies Seraphina mit fester Stimme an. „Pass auf deine Schwester auf. Beweg dich nicht von dieser Stelle. Der Beamte ist direkt hier und hat alles im Blick. Ich bin gleich zurück."
Gideon nickte ernst, seine kleinen Schultern strafften sich.
Seraphina stieß die schwere Tür der Damentoilette auf und verspürte ein vorübergehendes Gefühl der Sicherheit, da sie die Kinder unter der direkten Aufsicht des Flughafenpersonals zurückließ.
Drinnen ging sie zum Spiegel. Sie zog einen roten Lippenstift aus ihrer Tasche und trug ihn perfekt auf. Sie starrte auf ihr Spiegelbild. Die schwache, weinende Frau von vor sechs Jahren war tot.
Sie strich die Vorderseite ihres Trenchcoats glatt. Sie atmete tief ein und ließ die kühle Luft ihre Lungen füllen. Sie stieß die Toilettentür auf und trat zurück ins Terminal, bereit, sich allem zu stellen, was diese Stadt ihr entgegenwerfen würde.