Kapitel 2

Vielleicht hatte es in dem Moment begonnen, als Jessica zurückkam.

Die Erinnerung an jene Nacht war noch immer scharf. Weit nach Mitternacht war Caiden nach Hause gestolpert, stark nach Alkohol riechend.

Von da an wurden seine Besuche in ihrem gemeinsamen Zuhause immer seltener.

Bei der Arbeit kreuzten sich ihre Wege nur noch flüchtig, und ihre Begegnungen beschränkten sich auf das knappste Nicken. Selbst ein einziges Wort zwischen ihnen wirkte schon wie Luxus, als wäre das Band, das sie einst verbunden hatte, still und leise zerfallen.

Eine Welle der Erschöpfung überkam Noreen.

Welchen Sinn hatte eine Ehe wie diese noch? Zusammenzubleiben tat nur ihnen allen dreien weh.

Sie zwang sich aufzurichten, die Finger fest um ihr Telefon geschlossen, während sie Caiden anrief.

Es klingelte quälend lange, bevor endlich jemand ranging. Doch die Stimme, die sie hörte, war nicht Caidens. Es war Jessica.

Sie sprach noch immer sanft und leise, doch durch ihre Worte zog sich ein eisiger Unterton.

„Ist das Noreen?“, fragte sie mit leiser, kontrollierter Stimme.

Ein scharfes Zittern lief durch Noreens Finger, als sie das Telefon fester umklammerte. Sie brauchte einen Atemzug, bevor sie ein ruhiges „Ja.“ hervorbringen konnte.

„Caiden duscht gerade. Ich sage ihm, dass er dich zurückruft, sobald er fertig ist.“

Irgendwie gelang es Noreen, ihre Stimme nicht brechen zu lassen. Als sie schließlich sprach, klang sie ruhig, fast gleichgültig. „Lass es.“

Die Leitung verstummte mit einem leisen Klicken.

Eigentlich hatte sie zum Telefon gegriffen, um über die Scheidung zu sprechen, doch tief im Inneren wusste sie, dass er sie nicht zurückrufen würde. Nicht mehr.

Nach einem Moment der Stille atmete Noreen langsam aus und wählte die Nummer ihres Anwalts, um ihn anzuweisen, die Scheidungspapiere aufzusetzen.

Zwei Jahre dieses kalten Schmerzes hatten sie ausgehöhlt.

Jessicas Rückkehr machte die Wahrheit nur noch klarer. Es war Zeit, diese Ehe zu beenden und sich endlich zu befreien.

...

Noreen hatte ihr Schlafmittel genommen und war in einen tiefen, traumdurchtränkten Schlaf gesunken.

Halb zwischen Bewusstsein und Schlaf spürte sie vage, wie die Matratze nachgab, als hätte sich jemand zu ihr unter die Decke gelegt.

Einen Moment später legte sich eine kühle und doch schmerzlich vertraute Umarmung um sie.

Weiche Lippen strichen über ihre Stirn, wanderten weiter zu ihren Wangen und fanden schließlich in einem langsamen, zärtlichen Kuss ihren Mund.

Dieses Gefühl trug eine Wärme in sich, die sie so lange nicht gespürt hatte, so deutlich wie der Caiden, den sie einst gekannt hatte.

Ihr Geist kämpfte sich in Richtung Wachsein. Sie wollte unbedingt sehen, ob das real war oder nur ein weiterer grausamer Traum, doch ihr Körper weigerte sich zu gehorchen. Die Dunkelheit zog sie wieder hinab und ließ sie in diesem verschwommenen Kokon gefangen.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, griff ihre Hand instinktiv nach dem Platz neben ihr.

Das Laken war eiskalt.

Ein dünnes, bitteres Lächeln legte sich auf ihre Lippen, während Stille den Raum erfüllte.

Offenbar war alles, was sie letzte Nacht gespürt hatte, nichts weiter als ein Traum gewesen.

Sonntag bedeutete kein Büro, also blieb sie noch eine Weile in die Decken eingehüllt liegen und ließ die Stille wirken.

Als sie schließlich nach unten ging, näherte sich die Uhr bereits neun.

Nahe am Fenster saß Caiden am Esstisch, gebadet in weichem Sonnenlicht. Das Morgenlicht zeichnete die klaren Linien seiner Gestalt nach und hüllte ihn in eine stille Gelassenheit. Sein Kragen war leicht geöffnet und gab den eleganten Schwung seines Halses und einen blassen Blick auf seine Schlüsselbeine frei.

Sein Kopf war leicht gesenkt, und seine Wimpern warfen feine Schatten unter seine Augen. Eine Hand lag locker am Rand der schneeweißen Tischdecke. Die Finger waren lang und kräftig, während die andere Hand eine zarte Porzellantasse hielt. Dünne Dampffäden stiegen daraus auf und wirbelten in der sonnenbeschienenen Luft.

Noreen hatte nicht erwartet, dass er plötzlich auftauchen würde.

Die Unerwartetheit des Moments verschlug ihr die Sprache, und sie wusste nicht, wie sie die Distanz überbrücken sollte, die zwischen ihnen gewachsen war.

Während sie noch versuchte, etwas zu sagen, durchbrach Gretas fröhliche Stimme die Stille. „Guten Morgen, Frau Evans! Bitte kommen Sie herunter und frühstücken Sie.“

Bei diesen Worten hob Caiden den Kopf und blickte zu Noreen.

Ihre Blicke trafen sich für einen kurzen, spröden Moment, seine Augen kühl und undurchdringlich, bevor er wieder wegsah, als hätte ihre Anwesenheit keinerlei Bedeutung.

Sonnenlicht strömte durch das Fenster und vergoldete den Rand seines Profils. Das Morgenlicht fing sich in seinen gesenkten Wimpern und ließ ihn distanziert, beinahe ätherisch wirken, als gehöre er einer ganz anderen Welt an.

Er saß dort mit müheloser Eleganz, wie eine in Stille gemeißelte Figur, umhüllt von einer Gelassenheit, die sie längst nicht mehr erreichen konnte.

Noreen ging in gemessenem Tempo die Treppe hinunter.

Sie setzte sich, rührte gedankenverloren in ihrem Haferbrei und sagte kein Wort zu Caiden.

Der aufsteigende Dampf kringelte sich im blassen Morgenlicht und ließ alles vor ihren Augen weicher erscheinen.

Im Esszimmer herrschte beinahe völlige Stille, nur unterbrochen vom leisen Klirren des Bestecks und dem gleichmäßigen Ticken der Wanduhr.

„Stimmt etwas nicht?“, durchbrach Caidens Stimme die Ruhe, kühl und distanziert.

Noreens Hand hielt mitten in der Bewegung mit dem Löffel inne.

Als sie den Blick hob, sah sie seine langen Finger durch ein glänzendes Finanzmagazin blättern. Auf dem Cover war ein Foto von ihm zu sehen, aufgenommen am Abend zuvor am Perlerturm, wie er bei Jessicas Geburtstagsfeier das Glas erhob.

Doch gestern war auch ihr dritter Hochzeitstag gewesen.

Kapitel 3

„Mir geht es gut“, antwortete Noreen, ihre Stimme so gleichmäßig klingend, dass sie eher wie eine Aufnahme als die Stimme eines Menschen wirkte.

Caiden hob schließlich den Blick von der Zeitschrift. Sein kühler Blick verweilte einen Moment auf ihrem ungeschminkten Gesicht, bevor er zu dem Ehering an ihrem Finger glitt.

Für den kürzesten Augenblick glaubte sie, ein Hauch von Wärme habe seine markanten Züge gemildert, doch noch bevor sie sich sicher sein konnte, war er wieder verschwunden.

„Heute Nachmittag besuchen wir meine Eltern“, sagte Caiden mit flacher Stimme.

Ein instinktiver Drang, abzulehnen, zog sich schmerzhaft in ihrer Brust zusammen.

Allein der Gedanke, nach Hause zurückzukehren, ließ sie innerlich zurückweichen, denn dort erfüllte Caidens Mutter, Ivy Evans, das Haus mit stiller, erdrückender Verachtung.

Bevor sie etwas sagen konnte, fuhr er mit knapper Stimme fort: „Ich habe ihnen bereits gesagt, dass du dort sein wirst. Mach es nicht kaputt.“

Die Worte, die sie gerade hatte sagen wollen, verdorrten auf ihrer Zunge.

Sie senkte den Blick und rührte den Haferbrei noch einmal um, obwohl ihr schon beim Gedanken ans Essen der Magen umdrehte.

Sein Blick glitt erneut über sie, und eine leichte Falte erschien auf seiner Stirn. „Was stimmt mit dem Haferbrei nicht? Schmeckt er dir nicht?“

„Er ist in Ordnung“, antwortete sie leicht. „Ehrlich gesagt ist es der beste Haferbrei, den ich je gegessen habe, wirklich perfekt.“

Seine Lippen öffneten sich, als läge ihm etwas auf der Zunge, doch er schluckte die Worte wieder hinunter.

Ohne ein Wort schoben seine langen, eleganten Finger eine dunkelgrüne Geschenktüte über den Tisch. Goldene Schriftzüge schimmerten auf der Samtoberfläche und fingen das schräge Morgenlicht ein.

Noreens Blick blieb darauf ruhen, während sich die Erkenntnis in ihrer Brust zusammenzog.

Das Logo gehörte zu dem Juwelier, den die Frauen der Familie Evans besonders liebten. Neue Kollektionen wurden immer direkt auf ihr Anwesen geschickt, damit sie die Stücke dort in Ruhe auswählen konnten.

Sie machte keine Anstalten, die Tüte anzunehmen. Stattdessen öffnete sie sie mit einer leichten Bewegung und legte eine dunkelblaue Samtschachtel frei, die darin lag.

„Trag es heute Nachmittag, wenn wir zurückfahren. Sonst kommen die Leute noch auf falsche Gedanken und denken, ich würde mich nicht um dich kümmern“, murmelte Caiden mit absichtlich beiläufigem Ton, als hätte das alles keine Bedeutung.

Noreens Finger spannten sich leicht in ihrer Handfläche an.

„In Ordnung“, antwortete sie so leise, dass ihre Stimme im stillen Raum fast unterging.

Er hob schließlich den Kopf, und sein kühler Blick streifte ihr nacktes Schlüsselbein, bevor er ohne jede Spur von Wärme wieder fortglitt.

„Es ist nichts Besonderes“, fügte er steif hinzu, beinahe defensiv. „Nur etwas, das ich nebenbei mitgenommen habe.“

Für einen Moment breitete sich Stille zwischen ihnen aus. Dann fuhr er fort, als hätte er das Gefühl, noch etwas hinzufügen zu müssen: „Ich wollte es ohnehin wegwerfen, also dachte ich, ich kann es dir genauso gut geben.“

„Mm.“ Noreens leise Antwort trug weder Gewicht noch Wärme. Mit derselben Gleichgültigkeit schob sie die Tüte ein Stück zur Seite.

Sonnenlicht strömte durch die großen Panoramafenster und zog eine blassgoldene Linie, die den Raum und auch sie beide voneinander zu trennen schien.

Caiden beobachtete, wie ihre gesenkten Wimpern einen zarten Schatten auf ihre Wangen warfen. Für einen Moment hob sich seine Hand, als wolle er ihr übers Gesicht streichen, doch die Bewegung stockte auf halbem Weg. Seine Finger krümmten sich wieder ein, und stattdessen griff er nach der Kaffeetasse.

„Vielleicht solltest du öfter lächeln, anstatt den ganzen Tag mit diesem düsteren Gesicht herumzulaufen. Das drückt irgendwie die Stimmung“, murmelte er schließlich.

Eine leichte Brise wehte durch das Fenster und bewegte eine lose Haarsträhne neben Noreens Ohr, während er aufstand, um zu gehen.

Erst als seine Schritte oben an der Treppe verklangen, öffnete Noreen vorsichtig die Schmuckschachtel.

Darin lag eine Smaragdkette, deren tiefgrüner Glanz das Morgenlicht einfing.

Das Design erinnerte stark an das Stück, das Cheryl am häufigsten getragen hatte, auch wenn sie sich nicht ganz sicher war.

Die Geschenke, die Caiden ihr gab, waren immer gedankenlos gewählt, und dieses fühlte sich nicht anders an, nur irgendein Schmuckstück, das er ohnehin wegwerfen wollte, wie ein übrig gebliebenes Werbegeschenk, das ihm völlig gleichgültig war.

„Oh? Ist diese Kette nicht eines der alten Stücke von Frau Cheryl Evans?“ Gretas neugierige Stimme klang von hinten herüber, leise und doch deutlich.

Sie arbeitete schon seit vielen Jahren für die Familie Evans und war stets an Cheryls Seite gewesen. Nachdem Noreen in die Familie eingeheiratet hatte, beauftragte Cheryl Greta, sich um sie zu kümmern.

Überrascht blinzelte Noreen und war von der Bemerkung sichtlich überrumpelt. „Wirklich?“

Greta beugte sich näher heran, betrachtete den Smaragd sorgfältig und nickte dann mit ruhiger Überzeugung. „Ich bin mir sicher. Frau Cheryl Evans hatte zwei identische Ketten, und beide wurden an Herrn Evans weitergegeben.“

Ein warmer Ausdruck erschien auf Gretas Gesicht, als sie zu lächeln begann. „Wenn er Ihnen diese gibt, bedeutet das, dass Sie noch immer einen Platz in seinem Herzen haben.“

Mit einem flüchtigen Blick zur Treppe schwieg Noreen und ließ Greta die Kette vorsichtig um ihren Hals legen.

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