Kapitel 3
Dominik stimmte ihren Bedingungen mit einer verzweifelten Eifrigkeit zu, die fast erbärmlich war.
„Ich werde es tun, Lena. Ich werde dafür sorgen, dass sie im Ausland studiert. Ein neues Leben, ein Neuanfang. Sie wird bis Ende des Monats weg sein“, versprach er mit ernster Stimme.
Die nächste Woche war er der perfekte, reuige Verlobte. Er brachte ihr Frühstück ans Bett, machte mit ihr ruhige Fahrten entlang der Küste und saß bei ihr in ihrem Atelier, während sie skizzierte, ohne zu drängen, ohne zu fordern.
Für die Außenwelt sah es wie eine Versöhnung aus. Ihr Vater war erleichtert. Ihre Stiefmutter lobte Dominiks Hingabe. „Siehst du?“, hatte sie zu Lena mit einem selbstgefälligen Lächeln gesagt. „Er liebt dich. Das war alles nur ein dummes Missverständnis.“
Lena wusste es besser. Sie beobachtete ihn, ihr Herz ein kalter, stiller Stein in ihrer Brust. Sie sah, wie seine Augen alle paar Minuten zu seinem Handy flackerten. Sie bemerkte die Geschenke, die er ihr brachte – ein Seidenschal in einem Blauton, den Julia liebte, ein Roman von einem Autor, über den Julia immer sprach. Er versuchte, Lena mit Dingen zu erfreuen, die ihre Rivalin erfreuen würden. Der Mann war ein Narr.
Die Farce endete an einem Dienstagnachmittag.
Lena war in ihrem Atelier und reinigte ihre Pinsel, als die Tür aufkrachte. Dominik stand da, sein Gesicht eine donnernde Maske der Wut. Er atmete schwer, seine Brust hob und senkte sich.
„Was hast du getan?“, knurrte er und schritt auf sie zu.
Lena legte ihren Pinsel ruhig in das Glas mit Terpentin. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“
„Lüg mich nicht an!“, brüllte er, seine Stimme hallte in dem großen, luftigen Raum wider. „Julia! Was hast du zu ihr gesagt?“
Er packte sie an den Schultern, seine Finger gruben sich in ihre Haut. „Sie ist im Krankenhaus, Lena! Sie hat versucht, sich umzubringen! Sie hat eine Flasche Tabletten genommen!“
Die Worte hingen in der Luft zwischen ihnen. Julia hat versucht, sich umzubringen. Derselbe müde, manipulative Trick.
Lena fühlte nichts. Keinen Schock, kein Mitleid. Nur eine tiefe, müde Leere.
„Sie stirbt, Lena“, Dominiks Stimme brach, seine Wut wich einem rohen, gebrochenen Klang. „Und es ist deine Schuld. Du und deine bösartigen, grausamen Forderungen. Du hast sie dazu getrieben.“
Lena sah zu ihm auf, zu dem Mann, den sie einst geliebt hatte, sein Gesicht von Trauer um eine andere Frau verzerrt. „Ist das so?“
Seine Augen, gefüllt mit unvergossenen Tränen, loderten vor Hass. „Wie kannst du so kalt sein? Sie ist deine Schwester! Hast du kein Herz? Bist du überhaupt ein Mensch?“
Er warf ihr Herzlosigkeit vor, während er derjenige war, der sie hatte verbrennen lassen. Die Heuchelei war atemberaubend.
„Also, was wirst du tun?“, fragte Lena, ihre Stimme ein distanziertes, klinisches Flüstern. „Wirst du mich bestrafen?“
„Dich bestrafen?“, lachte er, ein harscher, hässlicher Klang. „Das ist nicht genug. Du wirst büßen. Du wirst zu ihr gehen, du wirst auf die Knie fallen und du wirst um ihre Vergebung betteln.“
Er war noch nicht fertig. Sein Griff wurde fester, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt.
„Und du wirst weiter betteln, jeden Tag, für den Rest deines Lebens. Du wirst ihre Dienerin sein. Du wirst tun, was immer sie verlangt. Das ist der Preis für ihren Schmerz.“
Ein jäher, unerwarteter Schmerz durchzog Lenas Brust. Es war ein Phantomschmerz, ein Geist der Liebe, die sie einst gefühlt hatte. Warum? Warum hatten seine Worte nach allem immer noch die Macht, sie zu verletzen? Sie war gestorben. Sie war wiedergeboren worden. Dieser Schmerz hätte aus ihr herausgebrannt sein müssen.
Eine Welle von Schwindel überkam sie, ihre Sicht verschwamm an den Rändern. Sie fand keine Worte, um sich zu verteidigen. Was war der Sinn? Er würde ihr sowieso nicht glauben.
„Du vertraust ihr so sehr?“, schaffte sie es zu flüstern, die Worte schmeckten wie Asche. „Du glaubst alles, was sie sagt?“
„Ja“, sagte er ohne eine Sekunde zu zögern, seine Stimme klang von absoluter Überzeugung. „Julia ist rein. Sie ist unschuldig. Sie würde niemals lügen. Nicht wie du.“
Er schien sich dann zu fangen, ein Flackern von etwas – vielleicht Bewusstsein seiner eigenen Grausamkeit – blitzte in seinen Augen auf. Er lockerte seinen Griff leicht. „Lena, ich …“
Aber es war zu spät.
Ein bitteres, gebrochenes Lachen sprudelte aus Lenas Brust. Es begann als ein Zittern und wuchs zu einem vollen, tränenüberströmten Gelächter an. Der Klang war wild und unkontrolliert. Es war der Klang eines Herzens, das zum zweiten und letzten Mal brach.
Der Raum begann sich zu drehen. Die Farben ihrer Bilder an der Wand verschwammen zu einem bedeutungslosen Wirbel. Das Letzte, was sie sah, war Dominiks Gesicht, seine Wut ersetzt durch eine plötzliche, aufkeimende Panik.
Dann wurde die Welt schwarz.