Kapitel 2

Die „Abkühlphase“ war alles andere als das. Es war eine Belagerung.

Lena schloss sich in ihrem Zimmer ein, aber Dominik war unerbittlich. Er kampierte stundenlang vor ihrer Tür, seine Stimme ein leises, flehendes Murmeln.

„Lena, bitte. Sprich einfach mit mir.“

Er schickte Geschenke. Sträuße von Lilien, ihrer Lieblingsblume. Schachteln teurer Pralinen, für die sie keinen Magen mehr hatte. Eine Erstausgabe eines Gedichtbandes, von dem er wusste, dass sie ihn liebte. Jedes Geschenk war eine sorgfältig ausgewählte Erinnerung, eine Waffe, die darauf abzielte, ihre Entschlossenheit aufzuweichen.

Am dritten Tag schob er einen Zettel unter ihrer Tür durch.

*Ich weiß, du bist wütend. Du hast jedes Recht dazu. Aber Julia … sie ist zerbrechlich. Ihre Mutter starb, als sie jung war, und dein Vater war immer beschäftigt. Ich hatte einfach das Gefühl, ich müsste auf sie aufpassen. Sie ist wie eine Schwester für mich. Das ist alles. Ich schwöre es.*

Lena las den Zettel und spürte einen kalten Knoten des Ekels in ihrem Magen. Die zerbrechliche Julia. Das Mädchen, das gelächelt hatte, als Lenas Atelier brannte.

*Erinnerst du dich, als wir zehn waren?*, stand auf einem anderen Zettel. *Du bist aus dem großen Eichenbaum in deinem Garten gefallen und hast dir den Arm gebrochen. Ich habe dich den ganzen Weg nach Hause getragen. Ich habe dir damals gesagt, dass ich dich immer beschützen werde.*

Ja, sie erinnerte sich. Es war eine wunderschöne Erinnerung, eine, die sie gehegt hatte. Das Gefühl seiner kleinen, entschlossenen Arme um sie, sein Gesicht von Schmutz und Tränen verschmiert, als er versprach, niemals zuzulassen, dass ihr etwas wehtut.

Diese Erinnerung war echt. Der Junge, der dieses Versprechen gab, war echt.

Aber er war fort. Er war durch den Mann ersetzt worden, der dabeistand und zusah, wie sie starb. Der Mann, der seine Affäre ihrem Leben vorzog.

Die Vergangenheit war ein wunderschöner, vergifteter Brunnen. Jetzt daraus zu trinken, würde sie nur wieder töten.

Sie wusste etwas, das er nicht wusste. In ihrem früheren Leben, nur wenige Wochen nach dem Feuer, hatte Julia ihre Schwangerschaft verkündet. Das Kind war von Dominik. Die „zerbrechliche“ Stiefschwester hatte seinen Erben ausgetragen, während er noch mit Lena verlobt war.

Der Gedanke ließ ihre Hände sich zu Fäusten ballen. Die Zeitachse war in ihr Gehirn eingebrannt. Julia war genau jetzt schwanger.

„Lena, ich liebe dich“, rief er durch die Tür, seine Stimme war voller Emotionen. „Ich schwöre bei meinem Leben, es warst immer du. Es wird immer du sein. Ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, das wiedergutzumachen.“

Seine Worte waren ein hohles Echo. Schließlich riss sie die Tür auf.

Dominik stand da, sein hübsches Gesicht von Erschöpfung und Hoffnung gezeichnet. Er hielt eine einzelne, perfekte weiße Rose in der Hand. Ein Symbol der Reinheit. Die Ironie war erdrückend.

Sie nahm die Rose nicht. Stattdessen wanderte ihr Blick zu seinem Kragen.

„Du warst bei ihr“, stellte sie mit flacher Stimme fest.

Er sah verwirrt aus. „Was? Nein, ich war die ganze Zeit hier.“

„Du riechst nach ihr“, sagte Lena und trat näher. Sie musste es nicht. Der aufdringliche Duft von Julias Jasminparfüm hing an ihm. „Und du hast einen Lippenstiftfleck am Kragen. Ihr Farbton. ‚Rosenblütenrosa‘.“

Dominiks Hand fuhr zu seinem Hals. Er rieb an dem schwachen rosa Fleck, sein Gesicht rötete sich vor Schuld und Panik.

„Das ist nicht … Sie war nur aufgebracht, ich habe sie beruhigt …“

Lena starrte ihn nur an, ihr Schweigen war vernichtender als jede Anschuldigung.

In den nächsten Tagen wurden die Geschenke extravaganter. Ein Diamantarmband. Ein neues Auto. Tickets nach Paris. Lena ließ sie alle unberührt im Flur vor ihrem Zimmer liegen, ein Denkmal seiner verzweifelten, ungeschickten Bestechungsversuche.

Schließlich ließ sie ihn herein. Er sah erleichtert aus, ein hoffnungsvolles Lächeln umspielte seine Lippen.

Sie saß auf der Kante ihres Bettes, die Hände im Schoß gefaltet. „Du hast gesagt, du würdest den Rest deines Lebens damit verbringen, es wiedergutzumachen.“

„Ja“, sagte er eifrig und trat auf sie zu. „Alles, Lena. Ich werde alles tun.“

„Alles?“, wiederholte sie, ihre Stimme sanft, aber mit Stahl durchzogen.

„Ich schwöre es.“

Sie sah ihm direkt in die Augen. „Gut. Ich werde in Erwägung ziehen, mit dir verlobt zu bleiben. Unter einer Bedingung.“

Er sackte förmlich vor Erleichterung zusammen. „Nenn sie. Sie gehört dir.“

„Ich will, dass du Julia wegschickst“, sagte sie.

Sein Lächeln verschwand. „Was?“

„Schick sie weg“, wiederholte Lena, ihre Stimme wurde härter. „In ein anderes Land. Ich will, dass sie weg ist. Ich will ihren Namen nie wieder sehen oder hören. Ich will, dass du jeden Kontakt zu ihr abbrichst. Blockiere ihre Nummer. Lösche sie aus deinem Leben. Vollständig.“

Dominik starrte sie an, sein Ausdruck wandelte sich zu Bestürzung. „Lena, das kann ich nicht tun. Sie ist … sie hat niemanden. Sie ist so zerbrechlich. Wohin sollte sie gehen?“

Lena stand auf. „Ich verstehe. Dein Versprechen von ‚alles‘ hat also seine Grenzen.“

Sie ging zur Tür. „Dann haben wir nichts mehr zu besprechen.“

„Warte!“, er packte ihren Arm, sein Griff war fest vor Panik. „Okay! Okay, ich tue es.“

Er sah ihr in die Augen, seine eigenen weit und ernst. „Ich werde sie wegschicken. Ich verspreche es. Ich schwöre bei meinem Leben, Lena. Ich werde sie loswerden. Für dich.“

Er zog sie in seine Arme, aber sie blieb steif und kalt. Sie glaubte ihm nicht. Nicht eine Sekunde lang. Aber sie hatte das Versprechen, das sie brauchte.

Kapitel 3

Dominik stimmte ihren Bedingungen mit einer verzweifelten Eifrigkeit zu, die fast erbärmlich war.

„Ich werde es tun, Lena. Ich werde dafür sorgen, dass sie im Ausland studiert. Ein neues Leben, ein Neuanfang. Sie wird bis Ende des Monats weg sein“, versprach er mit ernster Stimme.

Die nächste Woche war er der perfekte, reuige Verlobte. Er brachte ihr Frühstück ans Bett, machte mit ihr ruhige Fahrten entlang der Küste und saß bei ihr in ihrem Atelier, während sie skizzierte, ohne zu drängen, ohne zu fordern.

Für die Außenwelt sah es wie eine Versöhnung aus. Ihr Vater war erleichtert. Ihre Stiefmutter lobte Dominiks Hingabe. „Siehst du?“, hatte sie zu Lena mit einem selbstgefälligen Lächeln gesagt. „Er liebt dich. Das war alles nur ein dummes Missverständnis.“

Lena wusste es besser. Sie beobachtete ihn, ihr Herz ein kalter, stiller Stein in ihrer Brust. Sie sah, wie seine Augen alle paar Minuten zu seinem Handy flackerten. Sie bemerkte die Geschenke, die er ihr brachte – ein Seidenschal in einem Blauton, den Julia liebte, ein Roman von einem Autor, über den Julia immer sprach. Er versuchte, Lena mit Dingen zu erfreuen, die ihre Rivalin erfreuen würden. Der Mann war ein Narr.

Die Farce endete an einem Dienstagnachmittag.

Lena war in ihrem Atelier und reinigte ihre Pinsel, als die Tür aufkrachte. Dominik stand da, sein Gesicht eine donnernde Maske der Wut. Er atmete schwer, seine Brust hob und senkte sich.

„Was hast du getan?“, knurrte er und schritt auf sie zu.

Lena legte ihren Pinsel ruhig in das Glas mit Terpentin. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Lüg mich nicht an!“, brüllte er, seine Stimme hallte in dem großen, luftigen Raum wider. „Julia! Was hast du zu ihr gesagt?“

Er packte sie an den Schultern, seine Finger gruben sich in ihre Haut. „Sie ist im Krankenhaus, Lena! Sie hat versucht, sich umzubringen! Sie hat eine Flasche Tabletten genommen!“

Die Worte hingen in der Luft zwischen ihnen. Julia hat versucht, sich umzubringen. Derselbe müde, manipulative Trick.

Lena fühlte nichts. Keinen Schock, kein Mitleid. Nur eine tiefe, müde Leere.

„Sie stirbt, Lena“, Dominiks Stimme brach, seine Wut wich einem rohen, gebrochenen Klang. „Und es ist deine Schuld. Du und deine bösartigen, grausamen Forderungen. Du hast sie dazu getrieben.“

Lena sah zu ihm auf, zu dem Mann, den sie einst geliebt hatte, sein Gesicht von Trauer um eine andere Frau verzerrt. „Ist das so?“

Seine Augen, gefüllt mit unvergossenen Tränen, loderten vor Hass. „Wie kannst du so kalt sein? Sie ist deine Schwester! Hast du kein Herz? Bist du überhaupt ein Mensch?“

Er warf ihr Herzlosigkeit vor, während er derjenige war, der sie hatte verbrennen lassen. Die Heuchelei war atemberaubend.

„Also, was wirst du tun?“, fragte Lena, ihre Stimme ein distanziertes, klinisches Flüstern. „Wirst du mich bestrafen?“

„Dich bestrafen?“, lachte er, ein harscher, hässlicher Klang. „Das ist nicht genug. Du wirst büßen. Du wirst zu ihr gehen, du wirst auf die Knie fallen und du wirst um ihre Vergebung betteln.“

Er war noch nicht fertig. Sein Griff wurde fester, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt.

„Und du wirst weiter betteln, jeden Tag, für den Rest deines Lebens. Du wirst ihre Dienerin sein. Du wirst tun, was immer sie verlangt. Das ist der Preis für ihren Schmerz.“

Ein jäher, unerwarteter Schmerz durchzog Lenas Brust. Es war ein Phantomschmerz, ein Geist der Liebe, die sie einst gefühlt hatte. Warum? Warum hatten seine Worte nach allem immer noch die Macht, sie zu verletzen? Sie war gestorben. Sie war wiedergeboren worden. Dieser Schmerz hätte aus ihr herausgebrannt sein müssen.

Eine Welle von Schwindel überkam sie, ihre Sicht verschwamm an den Rändern. Sie fand keine Worte, um sich zu verteidigen. Was war der Sinn? Er würde ihr sowieso nicht glauben.

„Du vertraust ihr so sehr?“, schaffte sie es zu flüstern, die Worte schmeckten wie Asche. „Du glaubst alles, was sie sagt?“

„Ja“, sagte er ohne eine Sekunde zu zögern, seine Stimme klang von absoluter Überzeugung. „Julia ist rein. Sie ist unschuldig. Sie würde niemals lügen. Nicht wie du.“

Er schien sich dann zu fangen, ein Flackern von etwas – vielleicht Bewusstsein seiner eigenen Grausamkeit – blitzte in seinen Augen auf. Er lockerte seinen Griff leicht. „Lena, ich …“

Aber es war zu spät.

Ein bitteres, gebrochenes Lachen sprudelte aus Lenas Brust. Es begann als ein Zittern und wuchs zu einem vollen, tränenüberströmten Gelächter an. Der Klang war wild und unkontrolliert. Es war der Klang eines Herzens, das zum zweiten und letzten Mal brach.

Der Raum begann sich zu drehen. Die Farben ihrer Bilder an der Wand verschwammen zu einem bedeutungslosen Wirbel. Das Letzte, was sie sah, war Dominiks Gesicht, seine Wut ersetzt durch eine plötzliche, aufkeimende Panik.

Dann wurde die Welt schwarz.

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Aus der Asche: Eine zweite Chance

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