Kapitel 3
Die Kontaktperson der Familie Gordon hatte tagelang versucht, Deanna zu erreichen, nun die Hoffnung beinahe aufgegeben und rechnete nicht mehr mit einer Antwort.
Doch in dem Moment, als Deannas Nachricht auf seinem Handy erschien, änderte sich alles. Erleichterung und Begeisterung überschwemmten ihn zugleich. „Frau Evans, Sie haben endlich Ja gesagt! Das sind großartige Neuigkeiten. Ich mache mich sofort auf den Weg zum Anwesen der Spencers, damit wir die Verlobungsdetails besprechen können. Wenn Sie irgendwelche Wünsche haben, sagen Sie es nur! Herr Gerard Gordon hat versprochen, alles zu tun, um Ihre Erwartungen zu erfüllen!“
Deanna behielt ihre Gedanken für sich, denn ihr war es klar, dass ihrBedürfnis weit über das hinausging, was die Familie Gordon bieten konnte.
Der Mann am Telefon schien von ihrem Schweigen unberührt und erinnerte sie erneut daran, dass sie jederzeit alles verlangen dürfe.
Nachdem das Gespräch beendet worden war, ging Deanna, um sich umzuziehen.
Seit Jaydens „Tod“ hatte sie sich um ihr Äußeres kaum gekümmert. Ihre Kleidung war schlicht geworden, die Farbe aus ihrem Gesicht gewichen. Ihre Schönheit war geblieben, doch Müdigkeit hatte ihren Glanz getrübt.
Aber heute hatte sie einen Grund, sich Mühe zu geben. Sie stand kurz davor, über einen Heiratsantrag zu verhandeln und musste dem Anlass gerecht werden, indem sie anmutig und eindrucksvoll wirkte.
Sie war fest entschlossen, sich einen Platz in der Familie Gordon zu sichern, besonders weil Richard ihr im Nacken saß.
Wenn sie die geringste Chance für die Selbstverteidigung haben wollte, musste sie jetzt ein starkes Bild abgeben.
Ein tiefer Atemzug beruhigte ihre Nerven, während sie das Wenige packte, das ihr gehörte.
Eine Stunde später hatte sie alles zusammengesucht.
Als sie die Treppe hinunterging, stieß sie beinahe mit Talia zusammen.
Talia fing Deannas Blick ein. Der tiefe Abdruck an ihrem Hals, ein unübersehbares Andenken an die vergangene Nacht, sprach deutlich von der Wildheit ihrer Zeit mit Jayden.
Ein Anflug von Ironie glitt über Deannas Gesicht, bevor sie wegsehen wollte.
Doch als sie weitergehen wollte, durchschnitt Talias Stimme die Luft: „Deanna, schämst du dich eigentlich gar nicht?“
Deanna blieb stehen und drehte sich zu ihr um.
Eifersucht verzerrte Talias Züge. Sie hatte Deannas Schönheit immer verachtet. Wäre Deanna nicht so hinreißend, hätte Brody sich nie so sehr zu ihr hingezogen gefühlt. Brody hatte selbst nach seiner Hochzeit mit Talia nie von seiner Besessenheit abgelassen. Noch schlimmer hatte der Mann, der letzte Nacht neben Talia gelegen hatte, im Halbschlaf Deannas Namen geflüstert.
Der bloße Anblick von Deannas zarter und unwiderstehlicher Schönheit ließ Talias Wut erneut auflodern.
Ohne jede Vorwarnung stürmte Talia vor und packte Deannas Handgelenk mit einem eisernen Griff. „Kaum ist dein Mann unter der Erde, rennst du schon seinem Bruder hinterher. Kein Wunder, dass du so geworden bist, du bist ja ohne Eltern aufgewachsen!“
Das Brennen von Talias Fingernägeln, die sich tief in ihre Haut bohrten, riss Deanna aus ihrer Fassung.
Ihr Gesicht verhärtete sich und jede Spur von Zurückhaltung verschwand. Wenn jemand ihre Eltern erwähnte, brannte in ihr sofort eine alte gnadenlose Wut. Noch bevor Talia weiterreden konnte, holte Deanna aus und schlug zu.
Die Ohrfeige hallte wie ein Peitschenknall durch die Eingangshalle, woraufhin Talias Wange augenblicklich rot aufflammte und anschwoll. Einen Moment lang starrte sie einfach nur, fassungslos darüber, dass Deanna sich überhaupt wehrte. „Du hast mich tatsächlich geschlagen?“, stammelte sie.
„Warum denn nicht?“, entgegnete Deanna kalt, „wenn du deinen Mund nicht im Griff hast, bringe ich es dir eben bei.“
Talias Gesicht verzog sich vor Zorn, ihre Augen flammten gefährlich auf, während sie mit gepresster Stimme hervorpresste: „Deanna, glaub nicht, dass es noch so ist wie früher. Egal was du sagst, Jay-Brody ist jetzt mein Mann!“
Ein flüchtiges Stirnrunzeln huschte über Deannas Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde klang es, als hätte Talia beinahe „Jayden“ gesagt.
Doch der Moment verging zu schnell, um ihn festzuhalten. Plötzlich schwankte Talia, kippte nach hinten, verlor völlig die Balance und stürzte rücklings die Treppe hinunter.
Ihr gellender Schrei durchschnitt das ganze Haus und riss die Familie Spencer in eine Panik.
Jayden war der Erste, der heranstürzte. Beim Anblick, dass Talia reglos auf den Stufen lag, fuhr er den Butler sofort an, den Privatarzt zu rufen.
Dann kniete er sich neben sie, stützte sie behutsam und warf Deanna einen Blick voller unverhohlenem Hass zu. Mit zusammengebissenen Zähnen spie er ihr entgegen: „Wenn ihr etwas zustößt, wirst du dafür bezahlen!“
Ein trockenes und bitteres Lachen stieg in Deanna auf. Nicht einmal ein Atemzug hatte Jayden bereits sein Urteil gefällt, und nicht einmal ihr eigener Ehemann hielt es für nötig, die Wahrheit herauszufinden. Er verschob ihr sofort die Schuld und eilte los, um eine andere Frau zu beschützen. Die Absurdität dieser Situation hinterließ nur eine lähmende Leere in ihr.
Wofür waren die drei gemeinsamen Jahre schließlich?
Jayden ließ sie nicht einfach gehen. Nachdem er Talia versorgt hatte, packte er Deanna am Handgelenk und zerrte sie zurück zu Talias Tür, um sie zu einer Entschuldigung zu zwingen.
Deanna wollte sich wehren, doch sein Griff war zu hart und ihr erschöpfter Körper viel zu schwach, um dagegen anzukommen. Sie hatte keine Wahl, als ihm zu folgen.
Jaydens Finger bohrten sich schmerzhaft in ihre Haut und zogen Deanna in Erinnerungen zurück, die sie längst verdrängt glaubte. Er hatte sie einmal um ihre Hand gebeten und ihr versprochen, sie immer zu beschützen. War das seine Vorstellung von Schutz?
Ein hohles und bitteres Lachen entwich Deannas Lippen, wobei Jaydens finsterer Blick sich nur noch mehr verhärtete.
Er fauchte: „Wie kannst du so gefühllos sein? Talia ist noch bewusstlos, und du findest das lustig?“
Ohne ein weiteres Wort stieß er sie auf einen Stuhl hinunter, sein Griff wirkte so brutal, als wollte er ihre Knochen brechen. Seine Absicht war unverkennbar, dass er sie für das Geschehene büßen lassen wollte.
Nach einer Ewigkeit trat endlich der Arzt heraus. „Frau Spencer ist schwanger, ganz am Anfang und etwa vierzig Tage“, erklärte er, „der Sturz hat die Schwangerschaft gefährdet. Ich bin kein Spezialist, deshalb muss Dr. Oliver Quinn sofort her. Ohne ihn übersteht das Baby das vielleicht nicht.“
Deannas Gedanken rasten. Schwanger seit vierzig Tagen? Aber Brody hatte das Haus in dieser ganzen Zeit nicht ein einziges Mal betreten!