Kapitel 3
Ein maßgefertigter, gepanzerter schwarzer Rolls-Royce Phantom stand mit laufendem Motor in der kreisförmigen Auffahrt des Sanatoriums. Die Abgase stiegen als Wolke in die eiskalte Morgenluft.
Arthur Sterling, der langjährige Fahrer der Familie Campbell, stand an der hinteren Tür. Er trug makellos weiße Handschuhe.
Als Leland näher kam, zog Arthur die schwere Tür auf und neigte leicht den Kopf. Leland glitt auf den geräumigen Hauptsitz aus weichem Leder.
Ella trat vor und umklammerte ihren Pappkarton. Sie wollte Leland in den Fond folgen.
Arthurs Arm schoss vor. Sein Ellbogen blockierte subtil, aber bestimmt ihre Brust.
Ella blickte auf. Arthurs Gesicht war eine Maske höflicher Gleichgültigkeit, aber seine Augen waren voller Abscheu. Er wies mit einem Ruck seines Kinns auf den rückwärtsgerichteten Notsitz – den engen, schmalen Klappsitz, der für Assistenten oder Gepäck gedacht war.
Ella stritt nicht. Sie verschwendete keinen Atem. Sie zwängte sich an Arthurs blockierendem Arm vorbei, beugte die Knie und setzte sich auf den harten Notsitz.
Arthur schlug die Tür zu. Der dumpfe Schlag schloss sie in einer schalldichten Blase ein.
Der Motor schnurrte. Die Limousine glitt vorwärts und ließ die eisernen Tore von Pine Ridge hinter sich.
Die Luft im Inneren des Wagens war erstickend. Die Heizung war zu hoch aufgedreht.
Leland öffnete die Kristallkaraffe in der Mittelkonsole. Er schenkte sich zwei Fingerbreit bernsteinfarbenen Whiskey ein. Er bot Ella kein Wasser an. Er sah nicht einmal nach, ob sie es bequem hatte.
Er nahm einen langsamen Schluck und ließ das Eis gegen das Glas klirren.
„Der gesamte Vorstand wird heute Abend da sein", sagte Leland und starrte auf die vorbeiziehenden Bäume. „Der Bürgermeister. Die Familie Thorne. Die Medien."
Er schwenkte den Whiskey.
„Denk nicht einmal daran, eine Szene zu machen, Ella. Du bist heute Abend ein Geist. Du existierst nur, um Ashlyn heller strahlen zu lassen. Du wirst ihnen zeigen, wie krank du warst und wie gnädig sie ist, dir zu vergeben."
Leland griff in sein maßgeschneidertes Jackett und zog eine schwere, geprägte Karte hervor. Er warf sie ihr auf den Schoß, wobei die scharfe Ecke ihren Oberschenkel streifte. „Lerne jedes einzelne Wort auf dieser Karte auswendig", befahl er, während sich seine Augen zu gefährlichen Schlitzen verengten. „Wenn du auch nur eine Silbe vergisst, werde ich dich persönlich in diesen Isolationsraum zurückschleifen."
Ella starrte aus dem getönten Fenster. Die kahlen Bäume verschwammen zu einem grauen Streifen. Ihr Gesicht war völlig gefühllos.
Ihre fehlende Reaktion ließ einen Muskel in Lelands Kiefer zucken. Er hasste es, wenn sie nicht weinte.
Er griff auf den Sitz neben sich. Er hob eine dicke, glänzend schwarze Papiertüte auf und warf sie hart nach Ella.
Die scharfe, steife Kante der Tüte traf Ellas Handrücken.
Ein scharfes Stechen durchzog ihre Haut. Eine dünne rote Linie erschien auf ihren Fingerknöcheln, auf der sich ein winziger Blutstropfen bildete.
„Zieh das an, wenn wir im Hotel ankommen", fuhr Leland sie an. „Du siehst aus wie eine Bettlerin, die aus einem Müllcontainer gekrochen ist. Ich werde nicht zulassen, dass du uns blamierst, bevor du überhaupt auf die Bühne gehst."
Ella blickte auf die Tüte hinab. Sie griff hinein und zog den Stoff heraus.
Es war ein Kleid. Es hatte eine stumpfe, leblose, aschgraue Farbe. Der Schnitt war formlos und konservativ, dazu entworfen, die Trägerin völlig unsichtbar erscheinen zu lassen. Es war das perfekte Kleidungsstück, um einen Kontrast zu dem glitzernden Kleid zu bilden, das Ashlyn tragen würde.
Ella legte den hässlichen Stoff über ihre blutende Hand.
„Danke, Bruder", sagte sie. Ihre Stimme war monoton, mechanisch und vollkommen leer.
Leland schnaubte verächtlich. Er drehte den Kopf und starrte für den Rest der Fahrt aus seinem Fenster.
Stunden vergingen. Die graue Landschaft wich den hoch aufragenden Stahl- und Glasbauten von Manhattan. Die Neonlichter der Straßen der Stadt schimmerten durch die getönten Scheiben und überzogen Ellas blasses Gesicht.
Sie blickte zur leuchtenden Spitze des Empire State Building hinauf.
Ihre Finger schlossen sich fester um die dicke Papiertüte. Die scharfe Kante grub sich in ihre Handfläche, aber sie begrüßte den Schmerz. Sie schluckte den dicken Kloß der Demütigung hinunter, der ihr die Kehle zuschnürte.
Die Limousine wurde langsamer. Sie hielt nicht am großen, mit rotem Teppich ausgelegten Haupteingang des Four Seasons. Stattdessen bog sie in eine dunkle, enge Gasse ab und hielt abrupt an der Servicetür des Hotels.