Kapitel 2

ELARA VOGT POV:

„Elara, halt.“ Die Stimme des Ältesten Valerius war ruhig, aber bestimmt, ein Fels in dem wirbelnden Chaos meiner Gefühle. Er legte eine sanfte Hand auf meinen Arm.

„Geh nicht“, sagte er mit durchdringendem Blick. „Die Zeremonie ist eine Falle. Er hat das geplant.“

„Das ist mir egal“, zischte ich und riss meinen Arm weg. Die Wut war ein wildes Tier in mir, das danach krallte, auszubrechen. „Er schuldet mir eine Antwort. Er wird sich mir stellen.“

Valerius seufzte, ein tiefes, müdes Geräusch. „Diesen Rat habe ich deinem Vater auch einmal gegeben. Er hat auch nicht gehört. Dein Herz ist tapfer, Kleine, aber dein Zorn macht dich blind. Wenn die Dinge so laufen, wie ich es befürchte … wenn es kein Zurück mehr gibt … geh ins Nord-Ödland. Dort gibt es eine versteckte Hütte bei den Zwillingsfelsen. Ich werde dich dort finden.“

Das Nord-Ödland. Ein gefährliches, ungezähmtes Land, durchstreift von Abtrünnigen – Rudellosen Wölfen, die ihren Verstand an ihre wilden Instinkte verloren hatten. Seine Worte waren eine eiskalte Vorahnung, aber ich schob sie beiseite.

Ich hörte nicht zu. Ich rannte.

Ich stürmte durch den Ring aus alten Steinen, wo die Zeremonie stattfand. Das ganze Rudel war versammelt, ihre Gesichter von lodernden Lagerfeuern erleuchtet. Und dort, auf dem zentralen Podest, stand Lucian.

Er war prächtig, wie immer. Groß und mächtig, sein schwarzes Haar fing das Feuerlicht ein. Aber er war nicht allein. Neben ihm stand, ihre Hand besitzergreifend auf seinem Arm, Lady Seraphina von Falkenstein. Sie war auf eine kalte, scharfe Weise schön, gehüllt in blutrote Seide. An ihrem Kleid war eine angelaufene Silberbrosche befestigt, das Wappen eines knurrenden Wolfs über einer zerbrochenen Krone – das Emblem eines gefallenen Hauses.

Lucians Stimme, verstärkt durch seine Alpha-Macht, dröhnte über die Lichtung. „Ich präsentiere euch meine auserwählte Luna, die Zukunft unseres Rudels … Seraphina!“

„Auserwählte Luna.“ Die Worte hallten in meinem Kopf wider und verspotteten mich. Ich erinnerte mich an seine Ausreden, im Dunkeln geflüstert. „Wir müssen unser Band vorerst geheim halten, Elara. Eine Omega-Gefährtin könnte als Schwäche angesehen werden. Es könnte meine Autorität in Frage stellen.“

Es war alles eine Lüge. Ein sorgfältig konstruierter Käfig, um mich ruhig zu halten, während er seine politische Heirat arrangierte.

Seraphinas Augen trafen meine über die Menge hinweg. Ein langsames, triumphierendes Lächeln breitete sich auf ihren perfekten Lippen aus. Es war ein Lächeln reiner Bosheit, eines Raubtiers, das gewonnen hatte.

Etwas in mir zerbrach.

Ein Heulen, roh und voller Qual, entrang sich meiner Kehle. Es war meine innere Wölfin, meine Seele selbst, die in Verrat aufschrie. Das Rudel verstummte, alle Augen wandten sich mir zu, als ich durch die Menge brach und auf das Podest zustürmte.

„Wer ist sie?“, schrie ich, meine Stimme zitterte vor Wut, während ich auf Seraphina zeigte.

Ich sah direkt zu Lucian, zu dem Mann, der mein Herz in seinen Händen hielt. „Ich bin seine Gefährtin! Die von der Mondgöttin selbst für ihn Auserwählte!“

Eine Welle schockierten Murmelns ging durch das Rudel. Das war unerhört. Ein Omega, der seinen Alpha öffentlich herausforderte.

Seraphina schmiegte sich sofort an Lucian, ihr Körper zitterte zart. Sie stieß ein leises Schluchzen aus, das Bild eines gekränkten Opfers. „Lucian, Liebling … wer ist dieses hysterische Mädchen?“

Ich sah ein Flackern von etwas – Schmerz? Schuld? – in Lucians dunklen Augen, bevor es von einer Eisschicht ersetzt wurde.

„Genug“, knurrte er. Seine Stimme war durchdrungen vom Alpha-Befehl.

Die Macht in diesem einzigen Wort traf mich wie ein Schlag. Es war eine physische Kraft, ein erdrückender Druck, der meine Knie einknicken ließ und meinen Kopf schwimmen machte. Es war die Stimme, der jeder rangniedrigere Wolf magisch gehorchen musste.

Er starrte mich an, sein Gesicht eine Maske der Wut. „Du wagst es, meine Autorität vor dem gesamten Rudel in Frage zu stellen?“

Seraphina tat so, als würde sie vortreten, um die Situation zu beruhigen. „Bitte, Liebling, sei nicht so hart zu ihr“, säuselte sie, ihre Stimme triefte vor falschem Mitgefühl.

Sie kam näher auf mich zu, ihre Augen glitzerten. Als sie vorbeiging, strich ihre Hand über ihren eigenen Arm. Ich sah das Aufblitzen ihrer langen, scharfen Nägel, als sie sich in ihr eigenes Fleisch gruben und eine dünne Blutlinie zogen.

Dann, mit einem dramatischen Keuchen, brach sie zu Boden.

„Sie hat mich angegriffen!“, kreischte Seraphina und umklammerte ihren blutenden Arm. „Der Omega hat deine zukünftige Luna angegriffen!“

Kapitel 3

ELARA VOGT POV:

Seraphina lag auf dem kalten Stein des Podests, ihre Atemzüge kamen in inszenierten, mitleiderregenden Schluchzern. „Es ist in Ordnung“, flüsterte sie, laut genug, damit die Ältesten in der Nähe es hören konnten. „Sie ist nur … verwirrt. Ich vergebe ihr.“

Ihre Vorstellung war makellos. Sie war das Bild der Anmut und Vergebung, eine großmütige zukünftige Luna, während ich als der verrückte, gewalttätige Omega dargestellt wurde. Das Murmeln des Rudels wandte sich gegen mich, ihre Sympathie verlagerte sich vollständig auf sie.

Lucian kniete neben Seraphina nieder, seine Berührung auf ihrer Schulter war sanft. Dann erhob er sich, seine Augen loderten vor einer Wut, die ich noch nie auf mich gerichtet gesehen hatte. „Bist du wahnsinnig?“, brüllte er, seine Stimme hallte in der fassungslosen Stille wider.

Er wandte sich an das Rudel, seine Hand deutete auf mich, als wäre ich ein Stück Müll. „Dieser Wolf und ich haben keine Verbindung“, erklärte er, seine Stimme kalt und absolut. „Sie ist nichts weiter als ein rangniedriger Omega mit einer erbärmlichen, kranken Besessenheit.“

Jedes Wort war ein körperlicher Schlag, der mir den Atem raubte. Das war es. Die endgültige, öffentliche Demütigung.

Er fixierte seinen Blick auf mich. Der Mond stand jetzt direkt über uns, sein kaltes Licht tauchte uns ein, ein stiller Zeuge der Gräueltat, die er im Begriff war zu begehen.

„Ich, Alpha Lucian Schwarzwald, verstoße dich, Elara Vogt, als meine Gefährtin.“

Die Worte, in die heilige Stille gesprochen, zerschmetterten die Welt um mich herum. Ein Schmerz, wie ich ihn noch nie gekannt hatte, riss durch meine Seele. Es war kein sauberer Schnitt, sondern ein gewaltsames, brutales Zerreißen. Es fühlte sich an, als würde ein lebenswichtiger Teil von mir, der Teil, der mich mit ihm, mit meiner anderen Hälfte verband, aus meiner Brust gekratzt, eine rohe, klaffende Wunde hinterlassend.

Bluttränen strömten aus meinen Augen, ein Zeugnis der spirituellen Gewalt, die mir angetan wurde. Die alten Gesetze des Rudels verlangten eine Antwort. Ich musste akzeptieren, sonst wäre die Verstoßung unvollständig und würde uns beide in einer qualvollen Schwebe lassen.

Meine Stimme war ein gebrochenes Flüstern, aus einer von Qual zugeschnürten Kehle gepresst. „Ich, Elara Vogt, akzeptiere deine Verstoßung.“

Das Band zerriss. Die Welt wurde grau. Der lebendige Duft von Kiefern und Sturm, der ihn immer definiert hatte, wurde zu Asche in meiner Nase.

Später in dieser Nacht kam er zu meiner kleinen Hütte. Ich lag zusammengerollt auf meiner Pritsche und zitterte in der Hülle meines eigenen Körpers. Er klopfte nicht. Die Tür öffnete sich einfach, und er war da.

Er versuchte, mich zu berühren, aber ich zuckte zurück.

„Elara, du musst verstehen“, sagte er mit leiser, eindringlicher Stimme, ein Politiker, der Schadensbegrenzung betrieb. „Meine Verbindung mit Seraphina ist rein politisch. Ihre Familie kontrolliert die Silberminen im Osten. Diese Allianz ist für die Zukunft des Schwarzmond-Rudels.“

Die Worte waren hohl, bedeutungslos.

„Vertrau mir“, flehte er, seine Stimme sank zu einem verschwörerischen Flüstern. „Gib mir ein Jahr. Höchstens zwei. Sobald meine Position gesichert ist, werde ich sie beiseiteschieben. Dann können wir zusammen sein. Ich werde dich zu meiner wahren Luna machen, die ich verborgen halte, mein echter Schatz.“

Er verteidigte nicht sie; er verteidigte seine Wahl. Er rechtfertigte seinen Ehrgeiz. „Ihre Familie ist mächtig, Elara. Du musst geduldig sein. Du musst das zum Wohle des Rudels tun.“

Ich sah ihn an, wirklich sah ihn an. Der Mann, den ich liebte, war verschwunden. An seiner Stelle stand ein Fremder, ein Politiker, dessen Herz von Ehrgeiz regiert wurde, nicht von Liebe. Die letzten Funken meiner Zuneigung für ihn erloschen, ersetzt durch einen eiskalten Hass.

Die Qual der Verstoßung, kombiniert mit der Beleidigung seiner erbärmlichen Lügen, trieb meine Trauer an ihre absolute Grenze. Und in diesem Abgrund aus Schmerz und Verrat begann etwas tief in mir, etwas Uraltes und Ruhendes, sich zu regen.

Eine Kraft, von der ich nie wusste, dass ich sie besaß, erwachte.

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Verraten von meinem Alpha, erwacht als die Luna

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