Kapitel 3
Cassidy drängte sich durch die schweren Drehtüren des Luxus-Apartmentgebäudes, wobei die Rollen ihres Koffers scharf auf dem Bürgersteig klickten.
Sie zog ihr Handy heraus, öffnete die App und bestellte ein Uber nach Brooklyn.
Eine schwarze Limousine fuhr an den Bordstein. Sie hievte den schweren Koffer selbst in den Kofferraum, schlug ihn zu und glitt auf den Rücksitz.
Als das Auto über die Brooklyn Bridge fuhr, starrte Cassidy aus dem Fenster. Die glitzernde, opulente Skyline von Manhattan – ihr goldener Käfig für sieben Jahre – schrumpfte schnell im Rückspiegel.
Vierzig Minuten später hielt das Auto vor einem alten, verwitterten Industriegebäude aus roten Backsteinen.
Cassidy schleppte ihren Koffer durch den schwach beleuchteten, schmalen Korridor, bis sie die schwere Metalltür am äußersten Ende des obersten Stockwerks erreichte.
Sie griff tief in die Tasche ihres Trenchcoats und zog einen leicht verrosteten Messingschlüssel hervor.
Sie schob den Schlüssel ins Schloss. Er drehte sich mit einem schweren, befriedigenden Klacken. Sie stieß die Tür auf.
Sie betätigte den Schalter an der Wand. Eine Reihe warmer Schienenstrahler im Industriestil flackerte auf und erhellte den riesigen Raum.
Es war ein weitläufiges privates Atelier. Die Luft war erfüllt vom beruhigenden, staubigen Geruch von Rohgewebe, Maschinenöl und gealtertem Kiefernholz.
In der Mitte des Raumes standen mehrere große Schneiderpuppen, umgeben von hochwertigen Nähmaschinen und Zeichentischen, die mit Stoffmustern bedeckt waren.
Cassidy ging direkt zu einem schweren Stahlsafe, der in der Ecke des Raumes verschraubt war. Ihre Finger flogen über die Tastatur und tippten mit Muskelgedächtnis eine lange, komplexe Zahlenfolge ein.
Der Safe piepte und die schwere Tür sprang auf. Sie griff vorsichtig hinein und zog eine versiegelte, wasserdichte Dokumentenmappe heraus.
Sie löste den Schnurverschluss und kippte den Inhalt auf den Tisch.
Ein makelloses, gerahmtes Zertifikat glitt heraus. Es war ihr Doktordiplom in Informatik vom Massachusetts Institute of Technology.
Unter dem Diplom lag ein Stapel originaler, limitierter Haute-Couture-Designskizzen. In der unteren rechten Ecke jeder Seite befand sich eine einzelne, fette Unterschrift: Indigo.
Sie fuhr mit der Fingerspitze die fließenden, aggressiven Linien der Kleiderentwürfe nach. Der tote, leere Blick in ihren Augen begann sich langsam zu schärfen, ersetzt durch eine kalte, brillante Klarheit.
Cassidy ging zur hölzernen Werkbank und klappte den alten, ramponierten Laptop auf, den sie aus dem Penthouse mitgebracht hatte.
Der Bildschirm leuchtete auf. Ihre Finger tanzten über die Tastatur, umgingen Sicherheitsprotokolle und loggten sich direkt in das interne OA-System der Geschäftsbank ein, bei der sie ihren „Job" hatte.
Sie öffnete ein neues E-Mail-Fenster und begann, ein Kündigungsschreiben zu verfassen.
Sie schlug hart auf die Tasten. Jeder einzelne Tastenanschlag war ein physischer Schlag, der eine weitere Verbindung zu dem erbärmlichen, unterwürfigen Leben, das sie geführt hatte, kappte.
Sie zögerte nicht. Sie klickte auf Senden und kündigte sofort den nutzlosen Tech-Support-Job, den Cornelius arrangiert hatte, um sie beschäftigt und harmlos zu halten.
Sie schlug den Laptop zu. Sie drehte sich um und betrachtete ein verblasstes Foto, das an die Ziegelwand geheftet war.
Es war ein Bild von ihr als jüngere Frau, die neben der legendären Haute-Couture-Designerin Clemma Page stand.
Ihre Großtante.
Cassidy zog ihr Handy heraus und scrollte zu einer Nummer, die sie seit fünf Jahren nicht mehr gewählt hatte.
Sie öffnete den Chatverlauf und tippte: Tante Clemma. Ich habe es mir gut überlegt. Ich bin bereit zurückzukommen.
Vor sieben Jahren hatte sie die Hilfe ihrer Großtante hartnäckig abgelehnt, verzweifelt darauf bedacht zu beweisen, dass sie ein perfektes Leben nach ihren eigenen Vorstellungen aufbauen konnte. Nun, befreit von diesen naiven Illusionen, verstand sie endlich, dass manche Kriege nicht dazu bestimmt waren, allein gekämpft zu werden.
Sie starrte genau drei Sekunden lang auf die leuchtenden Worte. Dann drückte sie auf Senden.
Das scharfe Rauschen der gesendeten Nachricht widerhallte deutlich in dem ruhigen, höhlenartigen Atelier.
Cassidy stieß einen langen, zittrigen Atemzug aus. Zum ersten Mal seit sieben Jahren verschwand das erdrückende Gewicht auf ihrer Brust.
Sie ging zu dem kleinen, einfachen Einzelbett, das in der Ecke des Ateliers stand, und legte sich voll bekleidet hin.
Den vertrauten Geruch von Rohgewebe und Holz einatmend, schloss sie die Augen und fühlte sich endlich völlig sicher.