Kapitel 2
Cassidy kehrte dem bodentiefen Fenster und der warmen, goldenen Lüge, die sich darin abspielte, den Rücken zu.
Sie ging zum Bordstein und hob eine zitternde Hand, um ein gelbes Taxi herbeizuwinken, das die Allee entlangraste.
Sie glitt auf den Rücksitz. Das abgenutzte Leder fühlte sich kalt auf ihren Oberschenkeln an. Mechanisch nannte sie dem Fahrer die Adresse des Penthouses.
Die Neonlichter der Stadt verschwammen vor dem Fenster zu Farbschlieren. Cassidy starrte auf ihr eigenes Spiegelbild im Glas. Ihr Gesicht war totenbleich, ihre Augen hohl.
Sie dachte an das Labor am MIT. Sie dachte an die prestigeträchtige Forschungsposition, die sie vor sieben Jahren aufgegeben hatte, nur um einen Mann zu heiraten, der eine andere Frau mit dem Lächeln ansah, das ihr gehörte.
Sie dachte darüber nach, wie sie systematisch jede scharfe Kante ihrer Persönlichkeit abgeschliffen hatte, ihre Brillanz versteckte, nur um in die erstickende Form einer Lambert-Familienfrau zu passen.
Eine plötzliche, heftige Welle von Übelkeit überkam sie.
Cassidy schlug sich die Hand vor den Mund, ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie den Drang bekämpfte, sich direkt im Taxi zu übergeben.
Der Wagen hielt vor dem luxuriösen Hochhaus. Sie reichte dem Fahrer einen Schein, ihre Finger waren ungeschickt, und stieg auf den Bürgersteig. Ihre Beine fühlten sich bleiern an, ihre Schritte unsicher, als sie durch die Drehtüren ging.
Die Aufzugtüren öffneten sich im Erdgeschoss. Cassidy atmete tief und zitternd ein, zwang ihren Rücken gerade und trat hinein.
Als sie das tote, stille Penthouse betrat, ging sie direkt auf den massiven Glas-Couchtisch in der Mitte des Wohnzimmers zu.
Perfekt in der Mitte stand ein gigantischer Strauß von neunundneunzig makellosen roten Rosen.
Es war das Jubiläumsgeschenk. Das, das sein Assistent jedes Jahr pünktlich bestellte. Völlig gedankenlos. Völlig ohne Wärme.
Cassidy ging hinüber und packte das dicke, teure Geschenkpapier, das die Stiele umgab.
Ein scharfer, dicker Dorn durchbohrte das Papier und drang tief in ihren Zeigefinger. Ein heller Tropfen dunkelroten Blutes quoll sofort hervor.
Sie spürte nichts. Der körperliche Schmerz war nichts im Vergleich zu dem fauligen Gefühl in ihrer Brust.
Cassidy verstärkte ihren Griff, ignorierte das Blut und riss den gesamten massiven Strauß aus seiner Kristallvase.
Sie marschierte in die Küche und schob die teuren, perfekten Rosen direkt in den überdimensionierten Mülleimer.
Rote Blütenblätter lösten sich und verstreuten sich über den makellosen Marmorboden, genau wie die zerfetzten, verschwendeten Überreste ihrer Jugend in den letzten sieben Jahren.
Cassidy drehte sich um und ging ins Hauptschlafzimmer. Sie stand vor dem Schminkspiegel und starrte auf die Fremde, die ihr entgegenblickte.
Sie griff an ihren Nacken und öffnete die schwere Diamantkette, die Cornelius ihr letztes Jahr geschenkt hatte.
Sie warf sie achtlos in die oberste Schublade. Die Diamanten trafen das Holz mit einem scharfen, abfälligen Klirren.
Sie ging in den riesigen begehbaren Kleiderschrank, umging die Reihen von Designerkleidern und zog einen alten, abgenutzten schwarzen Koffer vom untersten Regal hervor.
Sie packte nur das Nötigste: ein paar Jeans, einfache Pullover und einen alten, stark verschlüsselten Laptop, der unter ihrer Kleidung versteckt war.
Sie berührte keinen einzigen Gegenstand, der das unsichtbare Preisschild der Lambert-Familie trug.
In dem Moment, als sie den Koffer schloss, zog sie ihr Telefon heraus und wählte die Nummer ihrer besten Freundin, Kori.
Die Verbindung kam zustande, und Koris Stimme meldete sich, dick und schläfrig, sich über die Uhrzeit beschwerend.
„Ich lasse mich scheiden", sagte Cassidy. Ihre Stimme war erschreckend ruhig.
Am anderen Ende herrschte eine Sekunde lang Totenstille. Dann war Kori hellwach.
„Heilige Scheiße. Wo bist du?", verlangte Kori.
„Ich packe meine Sachen", antwortete Cassidy und starrte auf den leeren Platz im Schrank. „Ich ziehe heute Nacht aus."
„Mach nichts Dummes", befahl Kori, ihre Stimme jetzt scharf und professionell. „Ich rufe sofort das rücksichtsloseste Scheidungsanwaltsteam in New York an. Ich schicke dir eine SMS."
Cassidy legte das Telefon auf. Sie packte den Griff des schwarzen Koffers und verließ das Hauptschlafzimmer, ohne sich umzublicken.
Kapitel 3
Cassidy drängte sich durch die schweren Drehtüren des Luxus-Apartmentgebäudes, wobei die Rollen ihres Koffers scharf auf dem Bürgersteig klickten.
Sie zog ihr Handy heraus, öffnete die App und bestellte ein Uber nach Brooklyn.
Eine schwarze Limousine fuhr an den Bordstein. Sie hievte den schweren Koffer selbst in den Kofferraum, schlug ihn zu und glitt auf den Rücksitz.
Als das Auto über die Brooklyn Bridge fuhr, starrte Cassidy aus dem Fenster. Die glitzernde, opulente Skyline von Manhattan – ihr goldener Käfig für sieben Jahre – schrumpfte schnell im Rückspiegel.
Vierzig Minuten später hielt das Auto vor einem alten, verwitterten Industriegebäude aus roten Backsteinen.
Cassidy schleppte ihren Koffer durch den schwach beleuchteten, schmalen Korridor, bis sie die schwere Metalltür am äußersten Ende des obersten Stockwerks erreichte.
Sie griff tief in die Tasche ihres Trenchcoats und zog einen leicht verrosteten Messingschlüssel hervor.
Sie schob den Schlüssel ins Schloss. Er drehte sich mit einem schweren, befriedigenden Klacken. Sie stieß die Tür auf.
Sie betätigte den Schalter an der Wand. Eine Reihe warmer Schienenstrahler im Industriestil flackerte auf und erhellte den riesigen Raum.
Es war ein weitläufiges privates Atelier. Die Luft war erfüllt vom beruhigenden, staubigen Geruch von Rohgewebe, Maschinenöl und gealtertem Kiefernholz.
In der Mitte des Raumes standen mehrere große Schneiderpuppen, umgeben von hochwertigen Nähmaschinen und Zeichentischen, die mit Stoffmustern bedeckt waren.
Cassidy ging direkt zu einem schweren Stahlsafe, der in der Ecke des Raumes verschraubt war. Ihre Finger flogen über die Tastatur und tippten mit Muskelgedächtnis eine lange, komplexe Zahlenfolge ein.
Der Safe piepte und die schwere Tür sprang auf. Sie griff vorsichtig hinein und zog eine versiegelte, wasserdichte Dokumentenmappe heraus.
Sie löste den Schnurverschluss und kippte den Inhalt auf den Tisch.
Ein makelloses, gerahmtes Zertifikat glitt heraus. Es war ihr Doktordiplom in Informatik vom Massachusetts Institute of Technology.
Unter dem Diplom lag ein Stapel originaler, limitierter Haute-Couture-Designskizzen. In der unteren rechten Ecke jeder Seite befand sich eine einzelne, fette Unterschrift: Indigo.
Sie fuhr mit der Fingerspitze die fließenden, aggressiven Linien der Kleiderentwürfe nach. Der tote, leere Blick in ihren Augen begann sich langsam zu schärfen, ersetzt durch eine kalte, brillante Klarheit.
Cassidy ging zur hölzernen Werkbank und klappte den alten, ramponierten Laptop auf, den sie aus dem Penthouse mitgebracht hatte.
Der Bildschirm leuchtete auf. Ihre Finger tanzten über die Tastatur, umgingen Sicherheitsprotokolle und loggten sich direkt in das interne OA-System der Geschäftsbank ein, bei der sie ihren „Job" hatte.
Sie öffnete ein neues E-Mail-Fenster und begann, ein Kündigungsschreiben zu verfassen.
Sie schlug hart auf die Tasten. Jeder einzelne Tastenanschlag war ein physischer Schlag, der eine weitere Verbindung zu dem erbärmlichen, unterwürfigen Leben, das sie geführt hatte, kappte.
Sie zögerte nicht. Sie klickte auf Senden und kündigte sofort den nutzlosen Tech-Support-Job, den Cornelius arrangiert hatte, um sie beschäftigt und harmlos zu halten.
Sie schlug den Laptop zu. Sie drehte sich um und betrachtete ein verblasstes Foto, das an die Ziegelwand geheftet war.
Es war ein Bild von ihr als jüngere Frau, die neben der legendären Haute-Couture-Designerin Clemma Page stand.
Ihre Großtante.
Cassidy zog ihr Handy heraus und scrollte zu einer Nummer, die sie seit fünf Jahren nicht mehr gewählt hatte.
Sie öffnete den Chatverlauf und tippte: Tante Clemma. Ich habe es mir gut überlegt. Ich bin bereit zurückzukommen.
Vor sieben Jahren hatte sie die Hilfe ihrer Großtante hartnäckig abgelehnt, verzweifelt darauf bedacht zu beweisen, dass sie ein perfektes Leben nach ihren eigenen Vorstellungen aufbauen konnte. Nun, befreit von diesen naiven Illusionen, verstand sie endlich, dass manche Kriege nicht dazu bestimmt waren, allein gekämpft zu werden.
Sie starrte genau drei Sekunden lang auf die leuchtenden Worte. Dann drückte sie auf Senden.
Das scharfe Rauschen der gesendeten Nachricht widerhallte deutlich in dem ruhigen, höhlenartigen Atelier.
Cassidy stieß einen langen, zittrigen Atemzug aus. Zum ersten Mal seit sieben Jahren verschwand das erdrückende Gewicht auf ihrer Brust.
Sie ging zu dem kleinen, einfachen Einzelbett, das in der Ecke des Ateliers stand, und legte sich voll bekleidet hin.
Den vertrauten Geruch von Rohgewebe und Holz einatmend, schloss sie die Augen und fühlte sich endlich völlig sicher.