Kapitel 2

Kapitel 2

Wenn Toby damals eingewilligt hatte, Sonia zu heiraten, dann nur, weil die Ärzte erklärt hatten, dass Tina niemals wieder aufwachen würde. Eine Ehefrau aus Schuld geboren, nicht aus Liebe. Seit jenem Tag hatte er sie stets auf Abstand gehalten, so wie man eine überflüssige Anwesenheit erträgt. Sonia hob langsam den Kopf und hielt seinem Blick stand, ohne zu wanken.

- Ich bin deine Ehefrau, sagte sie mit ruhiger Stimme. Erklär mir also, warum ich verschwinden soll, während sie meinen Platz einnimmt.

Toby drehte sich abrupt um. Ein Schatten legte sich über seine Züge, und etwas Dunkles, beinahe Gewalttätiges, flackerte in seinen Augen auf.

- Du willst es wirklich wissen? schleuderte er ihr entgegen. Weil Tina sagt, dass du es warst, die sie vor sechs Jahren mit deinem Auto angefahren hat.

Sonia blieb einen Sekundenbruchteil lang wie erstarrt, dann huschte ein freudloses Lachen über ihre Lippen.

- Und wenn ich dir sage, dass das nicht stimmt? fragte sie leise. Würdest du auch nur daran denken, mir zu glauben?

Er trat langsam, methodisch näher, bis kein Raum mehr zwischen ihnen blieb. Sie spürte die Wand in ihrem Rücken.

- Dir glauben? wiederholte er mit eisiger Stimme. Du machst dir etwas vor.

Sein Blick durchbohrte sie, voller Verachtung.

- In meinen Augen bist du instabil, fuhr er fort. Und ich habe vor, dich jeden einzelnen Augenblick des Schmerzes, den sie erlitten hat, mit Zinsen bezahlen zu lassen.

Die Härte seiner Worte traf sie heftiger als jede Ohrfeige. Sechs Jahre lang hatte sie gehofft, diese Mauer zum Einsturz zu bringen. Plötzlich begriff sie, dass sie für ihn nie existiert hatte.

- Ich habe ihr niemals etwas angetan, protestierte sie mit zugeschnürter Kehle.

Er musterte sie, als betrachte er einen defekten Gegenstand.

- Du bist klug genug, um zu verstehen, was du zu tun hast, schloss er, bevor er sich abwandte.

Die Tür fiel ins Schloss und ließ sie allein mit der Stille zurück. Sonia betrachtete ihr Spiegelbild: ein blasses Gesicht, leere Augen, eine Frau, die sie kaum wiedererkannte. Sie erinnerte sich an die, die sie einmal gewesen war – aufrecht und stolz, bevor dieses Haus sie langsam ausgelaugt hatte.

Was für ein grausamer Scherz... Nach einer langen Weile atmete sie tief aus, als würde endlich eine Last von ihrer Brust fallen.

*Genug. Es ist Zeit loszulassen.*

Im Morgengrauen begleitete Toby Tina für Untersuchungen ins Krankenhaus. Sonia blieb reglos vor dem Spiegel stehen, dann löste sie die Schürze, die sie sechs Jahre lang getragen hatte, ein stilles Symbol ihrer Unterwerfung. Sie zog ein weißes Kleid an, schlicht und klar, nahm ihren Koffer und ging die Treppe hinunter.

Im Wohnzimmer lag Tyler vor dem Fernseher, ein Bein lässig über das andere geschlagen. Als er sie sah, hob er eine Augenbraue.

- Wohin gehst du denn so?

Sie antwortete nicht. Sie ging einfach weiter zur Tür. Verärgert sprang er auf und packte ihren Koffer.

- Hey! Ich rede mit dir! Hast du sauber gemacht? Und das Frühstück? Glaubst du, du kannst einfach so gehen?

Mit gerade einmal sechzehn Jahren erlaubte er sich, ihr Befehle zu erteilen, als wäre sie eine Dienerin. Ruhig nahm Sonia seine Hand von ihrem Gepäck, Finger für Finger.

- Hör mir gut zu, sagte sie mit schneidender Stimme. Ab heute schulde ich dir nichts mehr.

Tyler tat so, als hätte er Schmerzen, und begann zu schreien:

- Mama! Komm schnell! Sie greift mich an!

Jean stürmte herein, wütend, das Gesicht rot vor Zorn. Ohne eine Frage zu stellen, griff sie nach einem Staubwedel und schlug auf Sonia ein.

- Unverschämte! Du wagst es, meinen Sohn anzurühren? Ich werde dich den Tag bereuen lassen, an dem du hier eingetreten bist!

Diese Szene war nicht neu. Früher hatte Sonia geschwiegen – aus Angst, aus Liebe, aus Pflichtgefühl. Doch diesmal packte sie den Staubwedel, riss ihn an sich und warf ihn zu Boden.

- Fass mich nie wieder an, erklärte sie kalt.

Jean erstarrte, dann explodierte sie:

- Du hast den Verstand verloren, Sonia Reed! Ich werde dafür sorgen, dass Toby dich hinauswirft!

Sonia verzog die Lippen zu einem gleichgültigen Lächeln.

- Tu dir keinen Zwang an, antwortete sie schlicht.

Ohne sich umzudrehen, trotz der Schreie hinter ihr, überschritt sie die Schwelle des Hauses der Fullers, den Koffer in der Hand. Kaum hatte sie ein paar Schritte gemacht, hielt ein roter Ferrari vor dem Tor. Darin saß ein eleganter Mann, der ihr ein strahlendes Lächeln schenkte.

- Steig ein, schöne Dame. Ich bringe dich weit weg von hier.

Sonia öffnete die Tür und setzte sich neben ihn. Der Motor heulte auf, und das Auto fuhr davon, ließ sechs Jahre des Schweigens und der Ketten hinter ihr zurück.

Kapitel 3

Kapitel 3

Charles gehörte zu jenen Männern, die vom Leben schon von Geburt an begünstigt worden waren. Sorgloser Erbe, ein Freund von jeher – er kannte Sonia seit ihrer Kindheit. Am Steuer seines Ferrari sitzend, musterte er sie vorsichtig, bevor er das Schweigen brach.

- Also... ist es diesmal wirklich vorbei?

Sonia wandte den Kopf zum Fenster. Seitdem sie das Haus der Fullers verlassen hatte, war ein neues Lächeln nicht mehr aus ihrem Gesicht gewichen.

- Ich war noch nie so klar bei Verstand, antwortete sie schlicht.

Sie war schon immer schön gewesen, doch dieser friedliche Ausdruck schien die Schatten aufzulösen, die sich im Laufe der Jahre auf ihrem Gesicht angesammelt hatten. Charles betrachtete sie einen Moment lang, dann seufzte er.

- Ich habe geglaubt, du würdest bis zum Ende in dieser Ehe gefangen bleiben. Diese letzten sechs Jahre haben mich vor Sorge fast verrückt gemacht.

Er machte eine kurze Pause und sagte dann ohne Umschweife:

- Sag mir ehrlich, was hast du nur an diesem Kerl gefunden?

Sonia ließ ein kurzes, beinahe spöttisches Lachen hören.

- Keine Ahnung. Ich habe wohl Ausdauer mit Liebe verwechselt.

- Zum Glück bist du rechtzeitig aufgewacht, fuhr er mit leichter Stimme fort. Noch ein paar Jahre, und er hätte dich bis zur letzten weißen Haarsträhne ausgelaugt.

Mit einem Lächeln fügte er hinzu:

- Ich hatte sogar schon das Schlimmste eingeplant: Wenn du am Ende verstoßen und allein dagestanden hättest, hätte ich mich geopfert, um dich zu heiraten. Zwei verlassene Seelen, Hand in Hand.

- Du redest Unsinn, entgegnete Sonia und verdrehte die Augen.

Charles lachte laut auf, dann zog er eine Mappe hervor.

- Im Ernst, hier ist, worum du mich gebeten hast. Die Unterlagen sind fertig.

Sonia nahm die Dokumente und überflog sie rasch.

- Ich will nichts von Toby, erklärte sie. Keinen Cent.

Ohne es auszusprechen, dachte sie: *Ich schulde ihm nichts, und ich weigere mich, auf irgendeine Weise an ihn gebunden zu bleiben.* Mit einer entschlossenen Bewegung unterschrieb sie, ohne zu zögern.

- Beeindruckend, kommentierte Charles. Nicht die geringste Unsicherheit.

- Lass uns ins Volkskrankenhaus fahren, antwortete sie und gab ihm den Stift zurück.

- Wie du wünschst, erwiderte er und startete den Motor.

Die oberste Etage lag in gedämpfter Stille, den privaten Zimmern vorbehalten. Sonia blieb vor der Tür 1203 stehen, klopfte kurz an und trat ein. Auf dem Bett richtete sich Tina abrupt auf, die Augen vor Angst glänzend, und zog sich unter die Decke zurück, als hätte sie ein Gespenst gesehen.

Toby erhob sich sofort. Sein Blick verhärtete sich.

- Was machst du hier?

Ohne ein Wort zog Sonia den Vertrag aus ihrer Tasche und legte ihn vor ihn.

- Setz deine Unterschrift darunter, und ich verschwinde noch heute aus deinem Leben.

Er überflog das Dokument. Eine angespannte Falte zog sich über seine Stirn.

- Du willst die Scheidung?

- Was denkst du denn? antwortete sie ruhig.

Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und bewahrte eine distanzierte Höflichkeit.

- Diese Jahre waren für dich sicher nicht leicht. Danach wirst du endlich frei sein.

Toby beobachtete sie misstrauisch, suchte nach einer Schwäche, nach einer Falle. In diesem Moment erhob sich eine schwache Stimme vom Bett.

- Toby...

Er wandte sich sofort Tina zu, dann wieder Sonia, die Kiefer angespannt.

- Wir reden später darüber. Geh jetzt. Stör sie nicht.

- Warum warten? entgegnete Sonia. Du willst sie ohnehin mit nach Hause nehmen. Wir können das genauso gut jetzt regeln. Ich verspreche dir, ich werde mich nie wieder einmischen.

- Sonia Reed, knurrte er, am Ende seiner Geduld.

Dann fügte er scharf hinzu:

- Tina ist hier. Willst du wirklich, dass ich glaube, du willst so unbedingt gehen? Oder... hast du dich am Ende doch an mich gebunden?

Ein anmutiges Lächeln erschien auf Sonias Lippen, völlig ohne Wärme. Tina beobachtete Toby besorgt.

- Was ist los? fragte sie schwach.

Sonia blieb still, ihr Blick unbeweglich. Lange. Dann atmete Toby tief ein.

- Gut. Ich werde unterschreiben.

Er tat es, das Gesicht verschlossen. Sonia nahm die Unterlagen an sich, nickte und verließ das Zimmer, ohne sich umzudrehen. Doch kaum hatte sie die Schwelle überschritten, füllten sich ihre Augen mit Tränen.

Sechs Jahre Ehe. Acht Jahre stiller Liebe. Alles brach in einem einzigen Augenblick zusammen. Sie hätte gelogen, wenn sie behauptet hätte, nichts zu empfinden. Der Schmerz durchbohrte sie, fein und wiederkehrend, wie eine Nadel, die in ihr Herz gestochen wurde. Und doch ging sie weiter, trotz der Tränen, ohne stehen zu bleiben.

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„Ohne Liebe verheiratet, ohne Abschied verstoßen"

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