Kapitel 2
Das schrille Klingeln des Telefons zerschnitt die Dunkelheit des Wohnzimmers. Amy schreckte hoch. Sie lag auf dem Sofa, noch in ihrer Kleidung vom Vorabend. Ihr Nacken war steif.
Sie griff nach ihrem Handy auf dem Couchtisch. Es war 2:00 Uhr nachts. Die Anrufer-ID zeigte Brighams persönliche Assistentin.
Amy wischte über den Bildschirm, um den Anruf anzunehmen. „Hallo."
„Mrs. Myers, es tut mir so leid, Sie zu wecken." Die Assistentin klang panisch. „Mr. Myers ist im Privatclub in der Innenstadt. Er ist stark alkoholisiert. Mr. Myers fragt namentlich nach Ihnen. Er weigert sich, mit jemand anderem zu gehen. Wir befürchten, dass er eine Szene machen könnte. Könnten Sie ihn bitte abholen kommen?"
Amy schloss die Augen. „Ich bin nicht sein Babysitter. Rufen Sie seinen Fahrer an."
„Das habe ich, Ma'am. Aber er ..." Die Assistentin hielt inne. Durch den Hörer hörte Amy im Hintergrund ein leises, schmerzerfülltes Stöhnen. Es war Brigham.
Das Geräusch schnürte ihr die Brust zu. Sie hasste sich für die unmittelbare körperliche Reaktion, die sie auf seinen Schmerz hatte. „Schon gut. Ich bin auf dem Weg."
Sie schnappte sich ihren Trenchcoat und ihre Schlüssel. Sie fuhr durch den schweren, eiskalten Regen eines Spätherbstes in New York. Die Straßen waren glatt und leer.
Sie hielt vor dem diskreten Eingang des Privatclubs. Sie stieß die schweren Eichentüren des VIP-Raums auf. Der Geruch schlug ihr sofort entgegen. Abgestandener Alkohol und dicker Zigarrenrauch erfüllten die Luft. Sie hustete und hielt sich eine Hand vor den Mund.
Brigham saß zusammengesunken auf einem dunklen Ledersofa in der Ecke. Seine Krawatte war weg. Die obersten drei Knöpfe seines Hemdes waren offen. Sein Kiefer war angespannt und seine Augenbrauen waren in tiefem Unbehagen zusammengezogen.
Amy ging zu ihm hinüber. Sie packte seinen Arm und versuchte, ihn hochzuziehen. Sein massives Gewicht verlagerte sich, und sie stolperte vorwärts und fiel beinahe auf ihn.
Ein Kellner eilte herbei. „Lassen Sie mich Ihnen helfen, Ma'am."
Gemeinsam zerrten sie Brigham aus dem Club und in den kalten Regen. Sie schoben ihn auf den geräumigen Rücksitz des wartenden Maybach. Amy kletterte hinter ihm hinein und schlug die Tür zu, wodurch sie den Sturm aussperrte.
Der Fahrer fuhr sofort die Trennscheibe hoch. Der Fond des Wagens wurde zu einer kleinen, versiegelten Kapsel. Das einzige Licht kam von den schummrigen Leselampen. Das einzige Geräusch war Brighams schwerer, unregelmäßiger Atem.
Der Wagen setzte sich in Bewegung. Brighams Kopf rutschte zur Seite und landete schwer auf Amys Schulter. Die von seiner Haut ausstrahlende Hitze drang direkt durch ihren Trenchcoat.
Sie hob die Hände, um ihn wegzustoßen. Aber er krümmte sich zusammen, sein großer Körper zog sich zusammen, als ihn eine Welle der Übelkeit oder Kopfschmerzen überkam. Ihre Hände erstarrten in der Luft.
Sie atmete langsam aus. Sie griff nach oben und drückte ihre Finger gegen seine Schläfen. Sie rieb die verspannten Muskeln dort und versuchte, die Anspannung seines Katers zu lindern.
Brighams Atmung verlangsamte sich. Die tiefen Falten auf seiner Stirn begannen sich zu glätten. Plötzlich schoss seine Hand hoch. Er packte ihr Handgelenk mit einem erdrückenden Griff.
Er zog ihre Hand von seiner Schläfe herunter. Er presste ihre Handfläche gegen seinen Mund. Seine Lippen waren heiß auf ihrer Haut. Er hinterließ einen langen, brennenden Kuss direkt auf ihrer Pulsader.
Amys Herz setzte einen Schlag aus. Das Blut schoss ihr in die Ohren. Es war so lange her, dass er sie mit etwas berührt hatte, das auch nur annähernd wie Zuneigung aussah. Eine dumme, verzweifelte Gier loderte in ihrer Brust auf.
Brigham öffnete langsam die Augen. Im schummrigen Licht des Wagens wirkten seine dunklen Augen unglaublich tief und voller roher Emotionen.
Er hob seine andere Hand. Sein rauer Daumen strich über ihren Wangenknochen. Er fuhr die Linie ihres Kiefers nach. Sein Blick war vollkommen auf ihr Gesicht gerichtet.
Er öffnete den Mund. Seine Stimme war rau und kratzig in dem leisen Wagen.
„Giselle. Du bist endlich zu mir zurückgekommen."
Die Worte trafen Amy wie ein körperlicher Schlag in die Brust. Das Blut in ihren Adern gefror zu Eis. Die Luft wurde aus dem Wagen gesogen.
Sie riss ihre Hand mit brachialer Gewalt zurück. Ihr Ellbogen schlug hart gegen das verstärkte Glas des Autofensters. Ein lauter dumpfer Schlag hallte im Raum wider. Schmerz schoss ihr in den Arm, aber er war nichts im Vergleich zu dem zerreißenden Gefühl in ihrer Brust.
Brigham runzelte die Stirn, verärgert über den plötzlichen Kontaktverlust. Er streckte erneut die Hände aus und versuchte, sie an seine Brust zu ziehen.
„Fass mich nicht an." Amy stieß beide Hände gegen seine Schultern. Sie stieß ihn mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, von sich.
Brigham fiel zurück. Sein Kopf schlug mit einem schweren, dumpfen Geräusch gegen die lederne Kopfstütze. Er stieß ein leises Grunzen aus und schloss wieder die Augen.
Der Wagen fuhr in die Tiefgarage ihres Apartmenthauses. Amy saß steif da und starrte geradeaus. Als sich die Türen öffneten, wies sie den Fahrer an, Brigham zum Aufzug zu tragen. Ihre Stimme war vollkommen leblos.
Oben im Penthouse ließ der Fahrer Brigham in die Mitte des Bettes im Hauptschlafzimmer fallen und ging.
Brigham rollte auf den Rücken. Er war immer noch unruhig, seine Hände rissen an den verbliebenen Knöpfen seines Hemdes.
Amy ging ins Hauptbadezimmer. Sie drehte das kalte Wasser auf. Sie tränkte ein Handtuch und wrang es aus. Sie ging zurück zum Bett und stellte sich über ihn. Sie blickte auf den Mann hinab, der ihr gerade das Herz herausgerissen und darauf herumgetrampelt hatte.
Plötzlich setzte sich Brigham auf. Seine Hand schoss vor und packte ihre Taille. Er riss sie nach vorne.
Amy verlor das Gleichgewicht und fiel auf die Matratze. Bevor sie sich aufrichten konnte, bedeckte sein schwerer Körper den ihren und drückte sie nieder.
Er hielt die Augen geschlossen. Sein Mund fand ihren Hals. Er drückte feuchte, schlampige Küsse auf ihre Haut. Seine Hände umklammerten fest ihre Hüften.
„Giselle", murmelte er an ihr Schlüsselbein. „Giselle."
Galle stieg in Amys Kehle hoch. Die Demütigung war ein physisches Gewicht, das ihre Lungen zerdrückte. Sie wand sich unter ihm, aber er war zu schwer.
Ihre Hand schlug um sich und traf den Nachttisch. Ihre Finger streiften den schweren Glassockel einer Trophäe, die dort stand.
Sie packte das kalte Glas. Sie kniff die Augen fest zusammen. Sie holte mit dem Arm aus und schlug den schweren Sockel hart gegen die Seite seiner Stirn.
Kapitel 3
Das dumpfe Krachen von Glas, das auf Knochen traf, hallte im Schlafzimmer wider. Brighams Körper erstarrte für eine Sekunde vollständig. Dann wich alle Kampfkraft aus seinen Muskeln. Er brach auf der Matratze zusammen und rollte von Amy herunter.
Sofort sammelte sich Blut an seinem Haaransatz und rann ihm die Schläfe hinunter. Er war völlig bewusstlos.
Amy stieß sich rückwärts ab, bis ihr Rücken gegen das Kopfteil des Bettes stieß. Sie rutschte hinunter und setzte sich auf den Boden. Ihre Hände zitterten heftig. Sie starrte auf den roten Blutfleck an ihren Fingerspitzen. Ihre Brust hob und senkte sich schwer, während sie Luft in ihre brennenden Lungen sog.
Sie griff nicht nach ihrem Telefon, um einen Krankenwagen zu rufen. Fünf Minuten lang starrte sie ihn an. Dann stand sie auf. Ihre Beine fühlten sich an wie Blei. Sie ging ins Badezimmer, schnappte sich den Erste-Hilfe-Kasten und kam zurück.
Mit einem nassen Handtuch wischte sie das Blut weg. Sie zog die Schutzfolie von einer großen Gazeauflage ab und klatschte sie grob auf die Wunde an seiner Stirn. Sie machte sich nicht die Mühe mit Klebeband. Sie ließ ihn einfach dort liegen.
Am nächsten Morgen war die Wohnung still. Amy wartete nicht darauf, dass Brigham aufwachte. Sie zog sich an, schnappte sich ihre Tasche und fuhr mit dem Aufzug nach unten. Sie ging direkt zum Universitätslabor.
Mittags summte ihr Telefon in ihrer Tasche. Sie zog es heraus. Es war eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Sie enthielt die Adresse eines Michelin-Sterne-Restaurants in Midtown, eines solchen Ortes, für den man Monate im Voraus reservieren musste.
Die zweite Nachricht kam sofort danach. „Ich bin Giselle. Ich denke, wir müssen reden. Über Brigham." Sie starrte auf den Bildschirm, ihr Griff um das Telefon verfestigte sich. Sie musste die Nummer von jemandem aus dem Hause Myers bekommen haben. Bei dem Gedanken kroch es ihr eiskalt den Rücken hinunter, eine krasse Erinnerung daran, wie leicht ihre privaten Grenzen verletzt werden konnten.
Amy biss sich auf die Innenseite ihrer Wange, bis sie Kupfer schmeckte. Sie streifte ihren weißen Laborkittel ab. Sie zog einen eleganten, maßgeschneiderten schwarzen Anzug an, den sie in ihrem Spind aufbewahrte. Sie verließ das Gebäude.
Als sie im Restaurant ankam, warf die Empfangsdame einen Blick auf ihren Namen und führte sie sofort in den privatesten VIP-Raum im hinteren Bereich.
Giselle saß am Tisch. Sie nippte an einem Kaffee aus einer zierlichen Porzellantasse. Als Amy eintrat, stand Giselle nicht auf. Sie senkte langsam ihre Tasse und ließ ihren Blick an Amys Körper auf und ab wandern, musterte sie wie ein billiges Möbelstück.
Giselle lächelte. Es war ein dünnes, grausames Lächeln. „Verschwenden wir keine Zeit. Wir wissen beide, dass du nur ein Platzhalter bist. Eine billige Kopie, die er benutzt hat, während ich weg war."
Giselle griff in ihre Birkin-Tasche. Sie zog einen dicken Manila-Umschlag heraus und schob ihn über den polierten Holztisch. Er kam direkt vor Amy zum Liegen.
„Das ist der Entwurf einer Scheidungsvereinbarung." Giselle lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Wenn du ihn stillschweigend unterschreibst und zur Seite trittst, sorge ich dafür, dass du ein sehr großzügiges Abfindungspaket bekommst. Genug, um dir ein angenehmes Leben zu ermöglichen."
Amy blickte auf den Umschlag hinunter. Sie berührte ihn nicht. Sie streckte die Hand aus und umschloss mit ihren Fingern das hohe Glas mit Eiswasser, das vor ihr stand.
Sie hob das Glas auf und schüttete das eiskalte Wasser direkt in Giselles Gesicht.
Giselle kreischte. Der Schrei war hoch und durchdringend. Sie sprang auf, wobei ihr Stuhl laut über den Boden scharrte. Wasser tropfte von ihren Wimpern und durchnässte die Vorderseite ihrer Seidenbluse. Die Kellner vor der Tür blickten sofort mit großen Augen durch die Glasscheiben.
Amy stand auf. Sie blickte mit völlig ausdruckslosem Gesicht auf Giselle hinab. „Behalt deinen Müll für dich."
Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum. Ihre Schritte waren fest, bis sie durch die Eingangstüren des Restaurants trat.
Der kalte Wind schlug ihr ins Gesicht. Ihre Schultern fielen herab. Die harte Fassade bröckelte. Ihre Augen brannten, und der Rand ihres Blickfelds verschwamm durch Tränen. Sie atmete tief durch und zwang die Tränen zurück.
Sie ging drei Blocks zu einer exklusiven Herrenboutique. Sie verbrachte eine Stunde damit, eine Seidenkrawatte für ihren Adoptivvater Howard auszusuchen. Heute Abend war sein Bankett zum siebzigsten Geburtstag. Brigham hatte ihr vor einem Monat versprochen, dass er teilnehmen würde.
Am Abend stand Amy im großen Festsaal. Sie trug ein schlichtes, aber elegantes Abendkleid. Ihr Make-up verbarg die dunklen Ringe unter ihren Augen.
Die Gäste trafen ein. Howard stand in der Nähe des Eingangs und stützte sich auf seinen Stock. Er blickte immer wieder zur Tür. „Wo ist Brigham?", fragte er mit erwartungsvoller Stimme.
Amy zwang sich zu einem strahlenden Lächeln. „Er ist in einer sehr wichtigen grenzüberschreitenden Telefonkonferenz. Er wird bald hier sein."
Zehn Minuten bevor das Abendessen offiziell begann, schloss sich Amy in einer Toilettenkabine ein. Sie wählte immer und immer wieder Brighams Nummer. Jedes Mal klingelte es durch. Ihre Finger flogen über den Bildschirm und tippten eine Nachricht. „Bitte. Zeig dich nur für zehn Minuten. Es ist sein 70."
Ihr Telefon summte. Eine Antwort von Brigham.
„Es ist ein Notfall eingetreten. Kann nicht weg. Richte deinem Vater meine Grüße aus. Ich habe ein Geschenk geschickt."
Amy starrte auf die graue Textblase. Ihre Fingernägel gruben sich so fest in ihre Handflächen, dass die Haut beinahe riss. Sie hielt den Atem an, bis ihre Lungen schmerzten.
Sie steckte das Telefon weg. Sie zog ihren Lippenstift heraus, trug ihn perfekt auf und stieß die Kabinentür auf. Sie ging zurück in den lauten, hellen Festsaal.
Den ganzen Abend über kamen Verwandte auf sie zu. „Wo ist dein Mann? Ist alles in Ordnung?"
„Er telefoniert mit Europa." Amy wiederholte die Lüge, bis sich ihr Hals rau anfühlte.
Howard beobachtete sie vom anderen Ende des Raumes. Er sah den festen Griff, mit dem sie ihr Champagnerglas umklammerte. Er sah das falsche Lächeln. Seine Augen füllten sich mit Mitleid.
Als es Zeit war, den Kuchen anzuschneiden, öffneten sich die Türen. Ein Lieferteam kam herein und trug eine riesige, unglaublich teure antike Vase. Auf der Karte stand: „Von Brigham Myers."
Die Menge zerfloss vor Bewunderung. Aber für Amy fühlte sich die Vase, die da mitten im Raum stand, wie eine schallende Ohrfeige an.